Porträt von Louise Otto-Peters auf dem Giebel eines Hauses in der Altstadt von Meissen

15.2.2019 | Von:
Sylvia Schraut

Frauen und bürgerliche Frauenbewegung nach 1848

Angekommen in der Mitte der Gesellschaft

Impulse, die Frauenvereine endlich unter einem konsensfähigen Dachverband zu vereinigen, gingen in den 1890er Jahren von der internationalen frauenrechtlerischen Bühne aus. Angebunden an die Weltausstellung in Chicago 1893 organisierte die US-amerikanische Frauenbewegung einen Internationalen Frauenkongress. Sie lud weltweit zur Teilnahme ein. Auch aus dem Deutschen Reich wurde mit dem Segen des Kaiserhauses eine Delegation aus Vertreterinnen des Lette-Vereins, des hessischen Alice-Frauenvereins, des ADF und des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins, der Fröbelschen Kindergarten- und der Jugendschutzbewegung entsandt. "Hier hat man internationale Fühlung gewonnen, internationale Bekanntschaften angeknüpft, internationale Freundschaften geschlossen", schwärmte in der Rückschau Käthe Schirmacher (1865–1930) über die Begegnung auf der internationalen Bühne.[15] Sie glaubte, wenn erst die Tagungsprotokolle gedruckt seien und "in jeder Frauenbibliothek als unentbehrliches Nachschlagebuch stehen werden und eine Basis abgeben können für die Kulturleistungen der Frauen der Welt", dann sei die Botschaft an die Männerwelt klar: "Ihr könnt die Welt nicht ohne uns regieren, noch vollenden".[16] Die deutsche Delegation ging schon auf der Rückreise aus den USA daran, das Konzept für einen Bund Deutscher Frauenvereine (BDF) zu entwickeln. 1894 wurde er unter maßgeblicher Beteiligung des ADF aus der Taufe gehoben. Und der Bund sollte sich rasch zum allseits beachteten Dach der nunmehr dezidiert bürgerlichen Frauenbewegung entwickeln, denn von den inzwischen entstandenen Frauenvereinen innerhalb der Sozialdemokratie hatten sich die Führerinnen des BDF deutlich abgegrenzt.

Weitere internationale Kongresse, nun im Deutschen Reich, folgten, die nicht zuletzt darauf zielten, der eigenen Bewegung oder dem eigenen Bewegungsflügel heimische Aufmerksamkeit zu verschaffen. Zu nennen ist hier beispielsweise die in Anlehnung an die internationale Gewerbeausstellung 1896 in Berlin veranstaltete Internationale Frauenkonferenz. Sie wurde vom "radikalen" Flügel der Frauenbewegung organisiert und zeugt von der intensiven Öffentlichkeitsarbeit, die die Frauenrechtlerinnen seit den 1890er Jahren betrieben. Etwa 17.000 Teilnehmerinnen aus 14 Ländern wurden gezählt. Wenige Jahre später, 1904, veranstaltete der BDF nunmehr als Mitgliedsverband der International Council of Women ICW den nächsten großen internationalen Frauenkongress in Berlin. Und er gestaltete ihn als Bühne der "gemäßigten" Frauenbewegung aus. Nimmt man diesen Kongress als Gradmesser für die gesellschaftspolitische Bedeutung, die die Frauenbewegung inzwischen erlangt hatte, dann wird deutlich: Die Frauenbewegung war um die Jahrhundertwende endgültig in die Mitte der deutschen Gesellschaft vorgedrungen. Der Autobiografie Hedwig Heyls (1850–1934) zufolge ging es bei dem Kongress darum, das konservative, der Frauenbewegung deutlich distanziert gegenüber stehende Publikum zu gewinnen.[17] Der Kontakt Heyls zur Kaiserin verschaffte den Kongressorganisatorinnen den Eingang in die Ministerien und städtischen Kollegien, die den Kongress schließlich tatkräftig unterstützten. Offensichtlich hatte die Anerkennung der "gemäßigten" Frauenbewegung in preußischen Regierungskreisen mit zu den Zielen des Internationalen Kongresses gehört. Mit Beginn des Ersten Weltkrieges scheint die hier vorsichtig angebahnte Kooperation endgültig wirkmächtig geworden zu sein. Die Frauenbewegung sollte sich hervorragend im sogenannten Nationalen Frauendienst an der Heimatfront bewähren.

Die wachsende gesellschaftliche Bedeutung der Frauenbewegung seit den 1890er Jahren motivierte das Kaiserliche Statistische Amt zu einer reichsweiten Befragung der Frauenvereine und zur Publikation einer Statistik der Frauenorganisationen im Jahr 1909. Ausgewertet wurden alle antwortenden Vereine, die sich ganz oder zum größten Teil aus weiblichen Mitgliedern zusammensetzten und sich soziale oder frauenrechtlerische Ziele setzten. Das Kaiserliche Statistische Amt ging in seiner Erhebung von etwa einer Million organisierter Frauen im Deutschen Reich aus und zählte, bemüht um die Reduzierung von Doppelmitgliedschaften, 4665 Frauenortsvereine mit 859.215 Mitgliedern.[18] Wie der regionale Vergleich zeigt, war der Organisationsgrad in den einzelnen Ländern des Deutschen Reiches äußerst unterschiedlich. Bedingt durch die rege Tätigkeit des vaterländischen Badischen Frauenvereins spielte das kleine Großherzogtum Baden eine Vorreiterrolle im weiblichen Organisationsgrad.[19] Seit den 1890er Jahren hatte sich eine Vielzahl frauenrechtlerischer Vereine im engeren Sinne mit beachtlichen Mitgliederzahlen entwickelt. Zum ADF mit nun 16.000 Mitgliedern hatte sich beispielswiese der Bund für Mutterschutz (4000 Mitglieder) und der Verein Frauenbildung – Frauenstudium (4000 Mitglieder) gesellt. Der Rechtsschutzbund brachte es auf knapp 1700 Vereinsangehörige, der Bund für Frauenstimmrecht auf über 2000. Stolze 28.000 zählte der Allgemeine Deutsche Lehrerinnenverein.

Erinnerung an die eigene Bewegungsgeschichte

In der bewegungseigenen Geschichtsschreibung sind viele der genannten Vereine marginalisiert worden.[20] Im gewichtigen "Handbuch der Frauenbewegung", das Helene Lange und Gertrud Bäumer (1873–1954) 1901 herausgaben und das für viele Jahrzehnte das unumstrittene Standardwerk zur Geschichte der deutschen und europäischen Frauenbewegung darstellte, wird eine Traditionslinie von Louise Otto-Peters und der Gründung des ADF zur Gründung des BDF gezogen und diesen Vereinen – nun unter der Führung von Lange und Bäumer – zumindest implizit das Alleinvertretungsrecht der bürgerlichen Frauenbewegung zugesprochen. Die Schwerpunktsetzung im "Handbuch der Frauenbewegung" und vielen nachfolgenden Veröffentlichungen zur Geschichte der Frauenbewegung verdeutlicht, welches Engagement den Autorinnen im Umkreis von ADF und BDF als frauenbewegt im engeren Sinn erschien.

In Anlehnung an Otto-Peters galten eigentlich nur Vereine als echte Frauenbewegungsvereine, die von Frauen geleitet wurden. Als Vereine der Frauenbewegung wurden ferner nur solche begriffen, bei denen es sich um selbstständige und freie Gründungen der Mitglieder, nicht um staatsnahe, von der Landesmutter initiierte Organisationen handelte. Es wurde eine deutliche Grenze zu den vaterländischen Frauenvereinen gezogen. Auch hierin mag sich der Einfluss Otto-Peters niedergeschlagen haben. Der alten 1848erin war zu viel Staatsloyalität und Abhängigkeit sicherlich suspekt. Die Geschichtsschreiberinnen der im BDF versammelten bürgerlichen Frauenrechtlerinnen betonten überdies die überkonfessionelle Ausrichtung des Dachverbands der Frauenbewegung. Doch hinter der überkonfessionellen Attitüde verbarg sich eine deutliche Nähe zum Protestantismus, eine schweigende Duldung der jüdischen Frauenbewegung und eine sichtliche Distanz zu katholischen Frauenvereinen. Diesen sprach man kurzerhand die Zugehörigkeit zur Frauenbewegung ab, nicht nur wegen ihrer häufigen Führung durch Priester, sondern auch wegen der insbesondere im Katholizismus unhinterfragten Vorrangstellung des Mannes in der Familie.[21] Mit einer besonderen Wertschätzung der Frauenbewegungsaktivitäten der auch in der Selbstdeutung auf dem Differenzkonzept aufbauenden "gemäßigten" Frauenvereine trugen die Sachwalterinnen der bewegungseigenen Geschichtsschreibung überdies zu einer Marginalisierung "radikalerer", eher auf Geschlechtergleichheit aufbauenden Frauenbestrebungen in der Erinnerung bei.

Die Forschung ist lange dem hier vorgezeichneten Entwicklungsweg der deutschen Frauenbewegung gefolgt. Erst die einschlägigen Publikationen der vergangenen Jahrzehnte haben die Vielfalt der "alten" Frauenbewegung wiederentdeckt. Doch von solchem Wissen waren die Protagonistinnen der "neuen" Frauenbewegung der 1970er und 1980er Jahre weit entfernt. Ihnen schienen die staatstragenden, zumeist auf Geschlechterdifferenz aufbauenden Ziele ihrer Vorgängerinnen um die Wende zum 20. Jahrhundert wenig anschlussfähig. Dabei hatte schon 1869 Louise Otto-Peters höchst oppositionell, wenn auch vorsichtig formuliert: "Nach meiner persönlichen Überzeugung bin ich sogar für allgemeine Gleichstellung der Männer und Frauen auch in politischen Angelegenheiten, also auch für allgemeines Stimmrecht und selbst wenn eine Frau in den Reichstag gewählt würde, so würde dies den socialen Fragen nur nützlich sein. Aber ich spreche dies nur im Princip aus, dafür wirken zu wollen, wäre noch zu früh."[22] Und Hedwig Dohm hatte 1873 nachgelegt: "Für mich liegt der Anfang allen wahren Fortschritts auf dem Gebiet der Frauenfrage im Stimmrecht der Frauen. (…) [W]ären Gesetze wie die über das Vermögensrecht der Frauen, über ihre Rechte an den Kindern, über Ehe, Scheidungen usw. denkbar in einem Lande, wo die Frauen das Stimmrecht ausübten? Hätten sie die Macht, sie würden diese Gesetze von Grund auf ändern."[23] Dazu freilich bedürfte es, so lässt sich heute folgern, einer geschlechterparitätischen Sitzverteilung im Parlament. Dieses Ziel ist rund 140 Jahre nach Hedwig Dohms optimistischer Äußerung immer noch nicht erreicht.

Fußnoten

15.
Käthe Schirmacher, Der Internationale Frauenkongreß in Chicago 1893, Dresden 1894, S. 10.
16.
Ebd., S. 23.
17.
Vgl. Hedwig Heyl, Aus meinem Leben, Berlin 1925, S. 70–74.
18.
Vgl. Statistik der Frauenorganisationen im Deutschen Reiche, bearbeitet im Kaiserlichen Statistischen Amte, Berlin 1909.
19.
Verhältnis der Anzahl von Frauen in Frauenvereinen 1909 zur ortsanwesenden Bevölkerung 1905: Baden 1:24, Bayern 1:74, Preußen 1:63, Sachsen 1:225. Berechnet nach: Statistik der Frauenorganisationen (Anm. 18), S. 18 sowie Gebietseinteilung und Bevölkerung 1905, in: Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich, Bd. 30, Berlin 1909, S. 1–34, hier S. 1.
20.
Vgl. Sylvia Schraut, Lagerbildungen, konfessionelle und regionale Brüche in der Traditionsstiftung der deutschen Frauenbewegung, in: Angelika Schaser/dies./Petra Steymans-Kurz (Hrsg.), Erinnern, Vergessen, Umdeuten? Europäische Frauenbewegungen im 19. und 20. Jh., Frankfurt/M.–New York 2019 (i.E.).
21.
Gertrud Bäumer, Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, in: Helene Lange/dies. (Hrsg.), Handbuch der Frauenbewegung, Bd. 1, Berlin 1901, S. 1–166, hier S. 165.
22.
Louise Otto-Peters, in: Neue Bahnen 18/1869, S. 142, zit. nach Susanne Schötz, Politische Partizipation und Frauenwahlrecht bei Louise Otto-Peters, in: Hedwig Richter/Kerstin Wolff (Hrsg.), Frauenwahlrecht. Demokratisierung der Demokratie in Deutschland und Europa, Hamburg 2018, S. 187–220, hier S. 217.
23.
Dohm (Anm. 13), S. 166, S. 168.
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Autor: Sylvia Schraut für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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