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12.12.2005 | Von:
Frank Brettschneider

Bundestagswahlkampf und Medienberichterstattung

Der Wahlsieg der Union schien lange Zeit als sicher. Die SPD hatte kein Wahlkampfthema. Der Beitrag untersucht, welche Wahlkampffehler gemacht wurden.

Einleitung

Acht Wochen nach der Bundestagswahl haben die Unterhändler von SPD und Union am 11. November 2005 ihre Koalitionsverhandlungen abgeschlossen. Zur Bildung einer Großen Koalition bot sich den beiden Parteien nach dem denkwürdigen Ausgang der Bundestagswahl am 18. September 2005 keine Alternative. So stellen die beiden Wahlverlierer nun die Bundesregierung. Der erste Verlierer war die SPD. Sie büßte am Wahlabend ihre führende Regierungsrolle ein. Rot-Grün wurde abgewählt, Gerhard Schröders Zeit als Bundeskanzler war damit vorbei.

Während die Niederlage der SPD angesichts der Vorgeschichte der Wahl nicht besonders überraschte, kam die Niederlage der Union umso unerwarteter, denn ihr waren elf Siege bei Landtagswahlen in Folge vorausgegangen. Der letzte davon - der CDU-Erfolg in Nordrhein-Westfalen am 22. Mai 2005 - hatte zu der verblüffenden Ankündigung von vorgezogenen Neuwahlen durch Franz Müntefering und Gerhard Schröder geführt. Aber die Union erlebte keine rauschende Wahlnacht. Statt des sicher geglaubten Wahlsiegs fuhr die Union mit 35,2 Prozent der Wählerstimmen ihr zweitschlechtestes Wahlergebnis auf Bundesebene ein. Damit scheiterte die Regierungsübernahme durch Schwarz-Gelb, obwohl die FDP beachtliche 9,8 Prozent der Zweitstimmen erlangen konnte. Es kam zum politischen Patt.

Vor allem aber: Noch nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik hat eine Partei innerhalb so kurzer Zeit einen so großen Vorsprung verspielt wie die Union bei der Bundestagswahl 2005. Nach der Landtagswahl in NRW führten CDU und CSU bundesweit in Meinungsumfragen mit bis zu 25 Prozentpunkten vor der SPD. Am Wahlabend blieb nur ein knapper Vorsprung von einem Prozentpunkt übrig. Wie ist so etwas möglich? Diese Frage soll im Folgenden mit Hilfe von Daten aus Meinungsumfragen und mit Inhaltsanalysen der Fernsehberichterstattung untersucht werden.[1]

Wählerinnen und Wähler, Parteien und Massenmedien bilden die Eckpunkte des "Wahlkampf-Dreiecks" (vgl. Abbildung 1 der PDF-Version). So banal es klingen mag: Um eine Wahl zu gewinnen, müssen eine Partei und ihr/e Spitzenkandidat/in zwei Ziele erreichen. Erstens müssen die eigenen Anhänger mobilisiert werden. In welchem Umfang dies gelingt, entscheidet mit über den Wahlerfolg. Die Mobilisierung hängt unter anderem davon ab, wie stark eine Partei ihre Grundüberzeugungen und ihre Wertebasis im Wahlkampf vermitteln kann und wie stark die für eine Partei zentralen Themen in die Wahlkampfkommunikation gelangen. Hinzu treten weitere Aspekte wie das geschlossene Auftreten der Partei, ihre Abgrenzung vom Hauptkonkurrenten (Richtungswahlkampf) und die Überzeugungskraft des politischen Führungspersonals (Problemlösekompetenz und Leadership-Qualitäten). Zweitens müssen die parteipolitisch ungebundenen Wählerinnen und Wähler überzeugt werden. Verfügen sie über eine hohe formale Bildung und ein ausgeprägtes politisches Interesse, so gelingt die Überzeugung in erster Linie mittels der im Wahlkampf dominanten Themen und der den Parteien bei diesen Themen zugeschriebenen Sachkompetenz. Die ungebundenen Wählerinnen und Wähler mit einer niedrigen formalen Bildung und einem geringen politischen Interesse werden hingegen eher durch Einzelthemen, die sie unmittelbar betreffen, oder durch Stimmungen direkt vor der Wahl beeinflusst.[2]


Fußnoten

1.
Das Inhaltsanalyseinstitut "Media Tenor" erfasste vom 1. Januar bis zum 18. September 2005 Tag für Tag Zahl, Inhalt und Tendenz sämtlicher 79 520 Aussagen von und über Parteien und Politiker(n) in folgenden Nachrichtensendungen: ARD Tagesschau (20 Uhr) und Tagesthemen, ZDF heute (19 Uhr) und heute journal, RTL Aktuell, SAT.1 und ProSieben Nachrichten. 58 515 Aussagen stammen aus den Nachrichtensendungen von ARD und ZDF, 21 005 Aussagen aus den Nachrichtensendungen der privat-kommerziellen Anbieter. Die Inhaltsanalyse ist Teil des vom Verfasser durchgeführten und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG geförderten Projektes "Die Amerikanisierung` der Medienberichterstattung und ihre Bedeutung für politische Einstellungen und für politisches Verhalten in Deutschland". Darüber hinaus wird die Inhaltsanalyse mit repräsentativen Meinungsumfragen der Forschungsgruppe Wahlen verglichen.
2.
Vgl. Frank Brettschneider/Markus Rettich, Medieneinflüsse auf das Wahlverhalten, in: Jürgen W. Falter/Oscar W. Gabriel/Bernhard Wessels (Hrsg.), Wahlen und Wähler. Analysen aus Anlass der Bundestagswahl 2002, Wiesbaden 2005.