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13.10.2005 | Von:
Kurt Lenk

Rechtsextreme "Argumentationsmuster"

Definitionsprobleme

Der Faschismusbegriff ist durch die Inflationierung, die er seit den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts im Gefolge der Studentenbewegung erlitten hat, mitunter zu einem bloßen Kampfbegriff denaturiert. Dies hat zu einer bedauerlichen theoretischen Unschärfe und Entleerung der Diskurse geführt, bei der empirisch fundierte Definitionselemente, die noch in der Epoche zwischen den beiden Weltkriegen gegenwärtig waren, weithin verloren gingen. Die jüngste Geschichte liefert indessen ein Lehrstück dafür, dass mit der schwindenden Kraft des Begriffs nicht zugleich auch das Verschwinden seines Gegenstandes einhergeht.

Um dem Dilemma zu entgehen, das aus dem Potenzverlust wissenschaftlicher Begriffsbildung bei gleichzeitiger "Rückkehr der Geschichte" entspringt,[3] bedürfte es einer erneuten, empirisch und theoretisch orientierten Zuwendung zu den "klassischen" Formen des europäischen Faschismus, um so die Differenzen zu heutigen Phänomenen, aber auch deren modifiziert fortwirkende Kontinuitäten in den Blick zu nehmen.

Es ist kaum tröstlich, festzustellen, dass - in durchaus analoger Weise - auch der in der Mediengesellschaft inflationär gewordene rechte ebenso wie der linke "Populismus" einer wissenschaftlichen Definition zu entgleiten droht. Erscheint doch ein strukturell gewordener Populismus "zunehmend fraktioniert und diffundiert, (...) dergestalt, dass das Gemeinsame des Begriffs oft nicht mehr recht durchscheint. Demgegenüber sind gleichzeitig die populistischen Versatzstücke ins Kraut geschossen. (...) Populismus als Politikstil ist ubiquitär geworden. (...) Auch fällt es immer schwerer, besondere populistische Momente aufzufinden. (...) Es scheint inzwischen so weit gekommen zu sein, dass schlechterdings alle Momente populistische Momente sein können. Populismus ist, wenn nicht alles täuscht, zum dominanten Politikstil der Epoche geworden."[4]

Die andauernden Schwierigkeiten bei der Verständigung über den Begriff des Rechtsextremismus ergeben sich nicht zuletzt aus dessen verwirrendem Facettenreichtum: gewalttätige Randalierer, Ausschreitungen gegen Schwächere, Fremdenfeindlichkeit, Ethnozentrismus und Ethnopluralismus - all dies verweist auf die Tatsache, dass die Probleme einer angemessenen Definition - jenen bei der Bestimmung des Populismus nicht unähnlich - offenbar auch im Untersuchungsobjekt selbst liegen. Aus solchem Unvermögen zur eindeutigen Definition zu schließen, Rechtsextremismus gebe es höchstens an den Rändern der Gesellschaft, während eine davon säuberlich geschiedene "gesunde Mitte" dagegen immun sei, hat sich längst als Trugschluss erwiesen.


Fußnoten

3.
So der Titel des im Frühjahr 2005 erschienenen Buches Joschka Fischers.
4.
Hans-Jürgen Puhle, Zwischen Protest und Politikstil: Populismus - Neopopulismus und Demokratie, in: Nikolaus Werz (Hrsg.), Populismus. Populisten in Übersee und Europa, Opladen 2003, S. 43.