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6.10.2005 | Von:
Florian Hartleb

Populismus -ein Hindernis für politische Sozialisation?

Schlussfolgerungen

Der zeitgenössische Populismus wittert Verrat, Täuschung oder Lüge. Er stellt als "Kult des kleinen Mannes" keine Beweise, sondern Behauptungen in den Raum und verkauft diese als Wahrheit. Es kommt häufig zum Phänomen, dass politische Sachverhalte auf ein leicht nachvollziehbares Erlebnis übertragen werden. Dieser Mechanismus bringt den Betrachter in die Privatsphäre des Alltags, wo das Aussprechen einer Phrase eine Diskussion beendet oder ein komplexes Problem löst. Übertragen auf die Politik bedeutet ein solches "Argumentationsmuster" die starke Vereinfachung komplexer Situationen. Der gordische Knoten moderner Politik wird mit dem Schwert holzschnittartiger Lösungsvorschläge und besserwisserischer Patentrezepte zerschlagen.

Die von Populisten verbreiteten Binsenweisheiten erlauben ohne weiteres eine Entscheidung und eine Ablehnung des "Bestehenden". Alles ist "natürlich", und so sollte das öffentliche wie private Leben ausgerichtet sein. Der Populismus knüpft am "Alltagsverstand", an den Volkstraditionen an und mobilisiert dadurch versteckte Wünsche und verdrängte Widersprüche. Gesellschaftliche Konflikte stellt er undifferenziert dar, unterlegt mit dem Charme, schlichte und schnelle Lösungsansätze bei der Hand zu haben. Die moralischen Kategorien des Populismus eignen sich nicht für Nuancen - es gibt nur schwarz oder weiß. Für die politische Sozialisation verheißt das im Ergebnis nichts Gutes. Sie verlangt nach keinem Strohfeuer, sondern nach nachhaltigen Auseinandersetzungen. Die Kategorien des Populismus - die "Wir-Gruppe" und die "charismatische Führungspersönlichkeit" - verhindern eine gesunde politische Sozialisation. Gerade die soziale Exklusion und die Parolen einer sich unorthodox gebenden charismatischen Führungsfigur haben negative Effekte. Es stellt sich die Frage nach den pädagogischen Möglichkeiten der Prävention und Intervention, wie das Ergebnis der Umfrage bezüglich der Schill-Partei belegt.

Erfolge vermitteln

In Zeiten hoher Arbeitslosigkeit, der Strukturkrise des Sozialstaats, gesellschaftlicher Lähmung und des Fehlens politischer Visionen kommt es wesentlich darauf an, Hoffnung und Zuversicht zu wecken. Wenn die Einsicht unter Schülerinnen und Schülern vorherrscht, sie würden keinen Arbeitsplatz und keine Rente mehr bekommen, ist der Weg zur Akzeptanz einfacher Parolen und vollmundiger Versprechungen nicht weit. Pädagogische Maßnahmen, die Selbstverantwortung, Eigeninitiative und Kreativität stärken, lösen sich zumeist von der Tristesse der Alltagssituation, die politische Sozialisationsinstanzen gerade bei den derzeitigen Problemen vermitteln. Diese Distanz vom Alltag scheint notwendig, um den Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, neue Handlungen zu erproben und zu trainieren. Der anschließende Lernprozess wird durch die Verarbeitung des Erlebten vollzogen.

Lösungsorientierte Gespräche

Die vom Populismus ausgesprochenen und geschürten Ängste (vor dem Islam, einer Überfremdung, der Weltmacht USA, der Globalisierung, dem Wiederaufkommen des Faschismus, der Arbeitslosigkeit oder sozialer Deklassierung) sind - so paradox es klingen mag - nachhaltig und müssen ernst genommen werden. Das atavistische Moment des Verschließens der Augen vor der unbequemen Realität wird dadurch für demokratische Verantwortungsträger unmöglich, ohne in Hysterie und Panikmache zu verfallen. Für "Nicht-Populisten" bedeutet das eine immense Herausforderung: Sie müssen - wie Ralf Dahrendorf feststellt - die große Simplifizierung vermeiden und doch die Komplexität der Dinge verständlich machen.[29] Dazu gehört, populistische Parolen im politischen Diskurs anzusprechen und zu entlarven, ohne in dumpfe Generalanklagen zu verfallen.

Das Suchen nach Sündenböcken für die schlechte Wirtschaftslage verleitet im Jahr 2005 nicht nur die Linkspartei um Gregor Gysi und Oskar Lafontaine, sondern auch Politiker etablierter Parteien zum Populismus, wie Edmund Stoibers Schuldzuweisung ("Gerhard Schröder ist schuld am Wahlerfolg der NPD in Sachsen") oder Franz Münteferings Kapitalismuskritik ("Heuschrecken") belegen. Die Realität wird zunehmend unübersichtlicher. Lösungsorientierte Gespräche sollen gerade dazu dienen, die Vielschichtigkeit von Ursachen und Wirkung aufzuzeigen, wobei der Hinweis, dass Politik von Vereinfachung und Zuspitzung gerade in Wahlkampfzeiten lebt und schon immer gelebt hat, nicht fehlen darf. Vielleicht wachsen diejenigen Kräfte politischer Entscheidungsträger, die Wahrhaftigkeit vor das nichteinlösbare Versprechen sozialer Wohltaten stellen und damit etwas riskieren. Der politischen Sozialisation würde das zugute kommen.


Fußnoten

29.
Vgl. Ralf Dahrendorf, Acht Anmerkungen zum Populismus, in: Transit. Europäische Revue, (2003) 25, S. 160.