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5.9.2005 | Von:
Petra Böhnke

Teilhabechancen und Ausgrenzungsrisiken in Deutschland

Marginalisierungserfahrungen

Ein wenig beschrittener Weg zur Messung sozialer Ausgrenzung ist die Konzentration auf Wahrnehmung und Urteil der Menschen selbst: Die Perspektive der Individuen auf ihre Chancen der Teilhabe sowie ihre individuellen Erfahrungen mit Zugehörigkeit und Marginalisierung geben direkt Aufschluss darüber, ob Integration gewährleistet ist. In welchem Ausmaß und unter welchen Umständen bedeutet die Benachteiligung am Arbeitsmarkt oder etwa ein niedriger Lebensstandard die Einschränkung von Teilhabechancen? Indem die Interaktion subjektiver Wahrnehmungen mit objektiven Benachteiligungen in den Mittelpunkt gerückt wird, können Risikofaktoren aufgedeckt und ressourcenkonzentrierte Verteilungsungleichheiten um den Aspekt der Integration erweitert werden.

Zwar nehmen Bevölkerungsumfragen mittlerweile subjektive Indikatoren in ihr Programm auf, um Zugehörigkeit thematisieren zu können. Eine zeitliche Entwicklung von Empfindungen der Marginalisierung und Zugehörigkeit lässt sich aber nur schwerlich abbilden, weil es sich entweder um einmalige Befragungen handelt oder entsprechende Fragen nicht im gleichen Wortlaut wiederholt werden. Einige Informationen lassen sich jedoch bündeln. Zunächst spiegeln Fragen nach Zugehörigkeit, Anerkennung und Teilhabe generell die im europäischen Vergleich überdurchschnittlich gelungene Integration weiter Teile der deutschen Bevölkerung wider. Kaum jemand gibt an, sich komplett aus der Gesellschaft ausgegrenzt zu fühlen.[4] Lassen die jeweiligen Antwortmöglichkeiten den Befragten allerdings die Möglichkeit, auch abgestufte Einschätzungen abzugeben, so ergeben sich durchaus bedenkliche Eindrücke: 1998 gaben sechs Prozent der Deutschen an, relativ unzufrieden mit ihren persönlichen Teilhabechancen zu sein, drei Jahre später waren es sieben Prozent (Wohlfahrtssurvey 1998 und 2001). Im gleichen Jahr konnten wiederum sieben Prozent der Deutschen der Aussage "sehr zustimmen" bzw. "zustimmen", sich aus der Gesellschaft ausgegrenzt zu fühlen. Im Jahr 2003, bei geringfügig veränderter Frageformulierung, waren es zehn Prozent (Eurobarometer, European Quality of Life Survey). Erfahrungen der Marginalisierung sind also durchaus präsent. Es stellt sich die Frage, wer sich aus welchen Gründen nicht mehr voll und ganz zugehörig fühlt.

Abbildung 1 der PDF-Version zeigt die durchschnittliche Zufriedenheit mit den Teilhabechancen; es werden Abweichungen davon für diverse Bevölkerungsgruppen ausgewiesen. Dabei ergibt sich ein unmissverständliches Bild: Langzeitarbeitslosigkeit und Armut gehen mit einer deutlichen Verschlechterung von Möglichkeiten der Teilhabe einher; Reichtum und Wohlstand ebenso wie eine sichere und gehobene berufliche Stellung führen zu einer überdurchschnittlichen Zufriedenheit.

Aber nicht nur Armut, auch niedriges Einkommen, ein fehlender Berufsabschluss und kurzzeitige Arbeitslosigkeit führen zu einer Verstärkung des Gefühls, nicht (mehr) vollständig dazuzugehören. Darüber hinaus zählen Krankheit, Alter und unsichere Beschäftigung zu den Faktoren, die die Erfahrung der Marginalisierung auslösen können.

Weiterführende Analysen lassen den Schluss zu, dass sich die subjektive Einschätzung, nicht mehr voll und ganz der Gesellschaft zugehörig zu sein, auf Lebenssituationen konzentriert, die neben extremer materieller Benachteiligung auch Identitätsverlust und Abkopplung von einem als durchschnittlich akzeptierten Lebensstandard bedeuten. Insbesondere von Langzeitarbeitslosigkeit, anhaltend prekären Lebensbedingungen und chronischer Krankheit Betroffene nehmen ihre Chancen der Teilhabe als massiv eingeschränkt wahr. Es ist also nicht nur die materielle Unterversorgung, die zu Erfahrungen der Marginalisierung führt, sondern es sind alle Lebenssituationen, die mit mangelnder Wertschätzung als Gesellschaftsmitglied einhergehen. Die Einbindung in soziale Netzwerke kann diese Gefahr der Ausgrenzung abschwächen. Umgekehrt hat ein zusätzliches Risiko der Desintegration, wer nicht auf soziale Unterstützung zurückgreifen kann, unabhängig davon, ob die materielle Lebenssituation prekär ist oder nicht. Am stärksten marginalisiert sehen sich jene Befragten, bei denen prekäre Versorgungslagen wie Armut, niedriger Lebensstandard oder Arbeitslosigkeit zusammentreffen und mit dem Verlust sozialer Beziehungen in und außerhalb von Familien einhergehen. Die These sozialer Ausgrenzung als allgemeines Lebensrisiko für breite Bevölkerungsschichten bestätigt sich nicht: Mehrfache und dauerhafte Benachteiligung in materieller und sozialer Hinsicht betrifft nahezu ausschließlich gering Qualifizierte sowie Angehörige der un- oder angelernten Arbeiterschicht und ist vor allem an Langzeitarbeitslosigkeit geknüpft.[5]


Fußnoten

4.
Dabei ist zu bedenken, dass Bevölkerungsumfragen in ihrer Reichweite begrenzt sind und stark benachteiligte ebenso wie sehr privilegierte Bevölkerungsgruppen nicht erfassen. Es handelt sich bei den präsentierten Zahlen demnach um eine Unterschätzung sozialer Ausgrenzungsrisiken, die durch den Umstand, dass sich die Befragungen auf Personen mit deutscher Staatsbürgerschaft beschränken, noch verstärkt wird.
5.
Vgl. Petra Böhnke, Risiken sozialer Ausgrenzung. Empirische Analysen zu prekären Lebenslagen und sozialen Teilhabechancen: Eine Auseinandersetzung mit dem Ausgrenzungsdiskurs, unveröffentlichte Dissertation, Berlin 2004; Olaf Groh-Samberg, Armut und Klassenstruktur: Zur Kritik der Entgrenzungsthese aus einer multidimensionalen Perspektive, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 56 (2004) 4, S. 653 - 682.