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22.8.2005 | Von:
Karl Otto Hondrich

Bildung, Kultur und elementare soziale Prozesse

Die Soziologie hat an Interesse verloren. Das Bemühen der Vertreter des Fachs, sich als Kulturwissenschaftler von den Naturwissenschaftlern abzugrenzen, hat dazu geführt, dass sie in den Kulturwissenschaften aufgegangen ist.

Einleitung

Alles, was im sozialen Leben geschieht, kann als Bildung, als Kultur und als elementare Sozialität betrachtet werden. Die Bildungs- und Gestaltungswissenschaften, wozu ich auch die Politologie rechne, sowie die Kulturwissenschaften sind heute attraktive Studienfächer. Demgegenüber hat die Soziologie an Interesse verloren. Das mag viele Gründe haben. Einer könnte im langjährigen Bemühen der Soziologen liegen, sich als Kulturwissenschaftler von den Naturwissenschaftlern abzugrenzen. Im Ergebnis ist die Soziologie in den Kulturwissenschaften aufgegangen; sie hat sich - überspitzt formuliert - aufgegeben. Heute ist ihr alles zur Kultur geworden: vom Kampf der Kulturen bis zur Diskurskultur.






In vorliegendem Beitrag geht es darum, Gegenstand und Perspektive der Soziologie im engeren Sinne wieder zu finden: im Geiste von Emile Durkheim und Georg Simmel, angehaucht auch von Niklas Luhmann, aber diese nicht rezipierend, sondern eher - in den sozialen Verhältnissen von heute - wieder entdeckend. Ich greife dazu auf Gedanken der Gründerväter zurück, weniger auf deren Begriffe, und entwickle so das Konzept der elementaren sozialen Prozesse. Mit deren Hilfe versuche ich, die Erkenntnisse, ja die Gesetze der Soziologie zu begreifen und von denen der Kultur- und Bildungswissenschaften zu unterscheiden.

Zwischen Bildung, Kultur und den elementaren Sozialprozessen sehe ich ein Machtverhältnis, wobei ich die elementaren sozialen Prozesse für mächtiger halte als Bildungsanstrengungen und kulturelle Gegebenheiten. Alle politischen Gestaltungsversuche und alle kulturellen Wandlungen müssen "durch diese Sozialprozesse hindurch" und stoßen dabei an ihre Grenzen. Die elementaren sozialen Prozesse stellen eine Macht dar: hinter Politik, Bildung und Kultur. Diese Macht des Sozialen aufzuzeigen, betrachte ich als die Aufgabe der Soziologie. Wenn sie, als Wissenschaft, auch eine politische Funktion hat, dann jene, die relative Ohnmacht politologischer und kulturologischer Argumente zu erhellen und ihnen damit etwas von ihrem Relevanzanspruch zu nehmen.

In Bezug auf das Beitrittsbegehren der Türkei zur Europäischen Union, das hier als Beispiel dienen soll, heißt das: Es mag so oder so entschieden werden. In jedem Falle sorgen die elementaren sozialen Prozesse aber dafür, dass auch das Gegenläufige geschieht. Die nicht intendierten Folgen der einen oder der anderen Entscheidung liegen also nicht so weit auseinander, wie wir in unserer Aufregung als Handelnde und Mitentscheidende glauben. Lapidar formuliert: Es ist im Grunde gleichgültig, wie die politische Entscheidung ausfällt; in den elementaren sozialen Prozessen entscheidet sich das soziale Leben ohnehin noch einmal anders, als wir Handelnde entscheiden.