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30.6.2005 | Von:
Dietrich Thränhardt

Entwicklung durch Migration: ein neuer Forschungsansatz

Vom Defizitansatz zur Verknüpfung

Diese Politik ist aus faktischen und aus theoretischen Gründen überholt und nicht mehr praktikabel.

Erstens: Sie ist aus faktisch-pragmatischen Gründen überholt, weil die USA während des Clinton-Booms dazu übergegangen sind, sich für die besten Köpfe aus der ganzen Welt zu öffnen. Insofern können auch die in Deutschland Ausgebildeten in die USA emigrieren, wenn Deutschland ihnen keine Chancen bietet. Weitere Länder wie Kanada, Australien und selbst Irland verfolgen die gleiche Strategie.[10] Bezeichnend für diesen Zusammenhang ist, dass ausgerechnet deutsche Entwicklungshilfe am Beginn der Überproduktion von Computerspezialisten in Indien stand.[11] Viele dieser Spezialisten gingen anschließend in die USA und bildeten eine personelle Grundlage für den IT-Boom in Kalifornien. In späteren Jahren kehrten einige von ihnen schließlich nach Indien zurück und begründeten dort eine heute blühende Computerindustrie.[12] Deutschland hat sich insofern durch seine Politik selbst bestraft, es nimmt seine wirtschaftlichen Chancen nicht wahr - ganz abgesehen vom Export seiner eigenen Spitzenwissenschaftler in die USA, die wegen der kontraktiven Bildungspolitik in Deutschland keine Chance finden.

Zweitens: Diese Politik ist überholt und nicht praktikabel aus entwicklungstheoretischen Gründen, weil mit der Hin- und Herwanderung eine Win-Win-Situation entstehen kann, in der über transnationale Netzwerke beide Länder profitieren können: das Entwicklungsland durch Kapital- und Wissenstransfers und das Industrieland durch demographische Erneuerung. Die Fähigkeiten der Einwanderer zu Kettenmigration und Netzwerkbildung spielen hier eine besondere Rolle.

Analytisch und praktisch wichtig für die weitere Entwicklung ist die Frage, unter welchen Bedingungen sich - wie in dem Indien-Kalifornien-Beispiel - eine Kette positiver Zusammenhänge und Folgewirkungen für alle Beteiligten - ein circulus virtuosus - ergeben kann, und unter welchen Kontexten es dazu kommt. Diese Perspektive bedeutet einen Paradigmenwechsel sowohl in der Migrations- als auch in der Entwicklungsdebatte, der die Ressourcen der Migration in den Mittelpunkt der Debatte rückt, statt nur die Defizite zu betrachten. Insgesamt wird mit einem solchen Paradigmenwechsel ein realistisches, optimistisches Szenario an die Stelle eines pessimistischen gesetzt, der "Umbruch in der Welt als Chance" genutzt, wie Bundespräsident Horst Köhler es in seiner Antrittsrede ausgedrückt hat.

Damit ist zugleich eine andere Debatte beendet, mit der vor allem Anfang der neunziger Jahre Entwicklungs- und Migrationspolitik verbunden war: Es ging darin um die Idee, man könne und wolle mit einer besseren oder mit einer finanziell besser ausgestatteten Entwicklungszusammenarbeit die "reiche Welt" vor der Migration aus der "armen Welt" abschirmen. Dieser Ansatz ist einerseits wegen der demographischen Krise in der reichen Welt überholt, andererseits ist durch wissenschaftliche Analysen und praktische Erfahrungen klar geworden, dass derartige Mechanismen nicht funktionieren. Im Gegenteil: Wenn ein Land sich ökonomisch dynamisch entwickelt, werden im Transformationsprozess zunächst mehr Arbeitskräfte freigesetzt. Die Folge ist eine höhere Migration. Erst in einem späteren Stadium nimmt die Migrationsneigung ab, wenn die weiter wachsende Wirtschaft mehr Arbeitskräfte aufnehmen kann und die Geburtenrate sinkt. Steigende Einkommen und eine größere Marktförmigkeit der Gesellschaft erleichtern es zudem, Migrationsentscheidungen zu treffen und durchzuführen.

Dies hängt damit zusammen, dass es nicht Angehörige der allerärmsten Schichten der Bevölkerung sind, die sich zum Weggang entscheiden, sondern eher Menschen, die im Modernisierungsprozess stehen und über das Mindestmaß an Mitteln verfügen, das Voraussetzung für eine Migration ist. Zwar wird die Debatte um Migrationsbegrenzung auf dem Wege der Entwicklungshilfe inzwischen weniger heftig geführt, aber sie hat sich in den Verträgen der EU mit den Staaten am Südrand des Mittelmeers niedergeschlagen und taucht immer wieder auf.[13] Die entsprechenden Gedankengänge sind nur noch insofern aktuell, als sie zur Verbrämung des Drucks der reichen auf die armen Länder dienen, Migrantinnen und Migranten zurückzuhalten.

Es ist schwierig, Migrationsverläufe exakt zu quantifizieren. So ist die entsprechende Prognose Philip Martins über eine anfängliche Steigerung der mexikanischen Migration in die USA als Resultat des NAFTA-Prozesses zwar eingetreten,[14] auf Grund der mexikanischen Wirtschaftskrise ist die Steigerung aber sehr viel stärker ausgefallen als vorhergesagt, und es gibt auch noch kein Anzeichen für ein Ende des Migrationsdrucks. Insofern ist die schematische Darstellung des britischen Unterhaus-Berichts instruktiv (vgl. Schaubild 1 der PDF-Version), die zunächst mehr Migration und anschließend ein Auslaufen der Entwicklung zeigt, auch wenn keine Aussage zu den Zeiträumen und Quantitäten gemacht wird. Kein Zweifel besteht daran, dass Modernisierung und wirtschaftliche Aktivierung eines Landes zunächst Migration freisetzen. Auch historisch lässt sich dies belegen: Man denke etwa an Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und an Spanien zwischen 1960 und 1973.[15]


Fußnoten

10.
Siehe dazu den vergleichenden Überblick von Gail McLaughlan/John Salt, Migration Policies Towards Highly Skilled Foreign Workers. Report to the Home Office, London 2002; online unter: www. homeoffice.gov.uk.
11.
Vgl. AnnaLee Saxenian, Silicon Valley's New Immigrant Entrepreneurs, in: W. A. Cornelius/T. J. Espenshade/I. Salehyan (Hrsg.), The International Migration of the Highly Skilled. Demand, Supply and Development Consequences in Sending and Receiving Countries, San Diego 2001, S. 197 - 234 (CCIS Anthologies 1). Siehe hierzu auch: Uwe Hunger, Vom "brain drain" zum "brain gain". Migration, Netzwerkbildung und sozio-ökonomische Entwicklung: das Beispiel der indischen "Software-Migranten", in: IMIS-Beiträge, Nr. 16, 2000, S. 7 - 22. (IMIS = Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien).
12.
Siehe dazu im Einzelnen den Beitrag von Uwe Hunger in diesem Heft.
13.
Vgl. zum Konzept Commission of the European Communities, Commission Communication to the Council and the European Parliament on Immigration, SEC (1991) 1855 final, Brüssel 1991; Horst Breier, Development and Migration. The Role of Aid and Co-operation, in: OECD (Hrsg.), Migration and Development. New Partnerships for Co-operation, Paris 1994, S. 162 - 178; Sami Nair, Rapport de bilan et d'orientation sur la politique de codéveloppement liée aux flux migratoires, Paris 1997 (www.ladocumenta tionfrancaise.fr/brp/notices/984000139.shtml); Christophe Daum, Développement des pays d'origine et flux migratoires: La nécessaire déconnexion, in: Hommes et Migrations, (1998) 1214, S. 58 - 72. Zu den Verträgen und der spanischen Diskussion: Axel Kreienbrink, Einwanderungsland Spanien. Migrationspolitik zwischen Europäisierung und nationalen Interessen, Frankfurt/M. 2004.
14.
Vgl. Philip Martin, Economic Integration and Migration: The Mexico-US Case, Arbeitspapier der University of California, Davis 2002.
15.
Vgl. Klaus J. Bade, Europa in Bewegung. Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, München 2000. Siehe hierzu auch A. Kreienbrink (Anm. 13).