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1.6.2005 | Von:
Sandra Gruescu
Bert Rürup

Nachhaltige Familienpolitik - Essay

Notwendigkeit nachhaltiger Familienpolitik

Der Anteil der erwerbsfähigen Bevölkerung im Alter zwischen 15 und 65 Jahren an der Gesamtbevölkerung wird ab dem Jahr 2010 merklich zurückgehen. Demgegenüber wird der Anteil der über 65-Jährigen ansteigen. Dieser demographische Wandel bewirkt einen Rückgang des zukünftigen Arbeitskräftepotenzials und eine Zunahme des Altenquotienten - der (Zahlen-)Relation der Gruppe der älteren Menschen zur Gruppe der Menschen im Erwerbsalter.

Da sich negative Effekte des Arbeitskräfterückgangs auf das wirtschaftliche Wachstum vorhersagen lassen,[2] kann auf dem Wege einer nachhaltigen Familienpolitik versucht werden, den zahlenmäßigen Rückgang der Erwerbstätigen zu entschärfen. Eine solche Politik verfolgt daher die Steigerung der Geburtenrate, um der demographischen Entwicklung entgegenzuwirken und die Erhöhung der Frauenerwerbstätigenquote, um den zukünftigen Arbeits- bzw. Fachkräftemangel zu vermeiden oder zumindest abzumildern.

Die Erhöhung des Altenquotienten - und damit auch die des Rentnerquotienten - bedeutet, dass die Erwerbstätigen eine immer größer werdende Zahl von Personen unterstützen, die nicht mehr im Erwerbsprozess stehen. Aufgrund der Bevölkerungsschrumpfung wird das Arbeitsangebot sinken, wobei das Ausmaß des Rückgangs auch von den Erwerbsquoten der Frauen und älteren Beschäftigten beeinflusst wird. Eine Erhöhung der Erwerbsquoten kann den durch den demographischen Wandel induzierten Rückgang des Arbeitskräfteangebots zumindest teilweise abmildern und daher einen positiven Einfluss auf die Entwicklung des Sozialprodukts haben.

Geht man begründeterweise davon aus, dass das Humankapital der Menschen von großer Bedeutung für die Wachstumsdeterminante "Technischer Fortschritt" ist, wirkt sich die Schrumpfung des Arbeitskräftepotenzials negativ auf dessen Quantität aus. Somit kommt der Qualität des Humankapitals eine Schlüsselfunktion zu. Auch ohne die häufig behauptete, aber bislang wenig bewiesene Annahme, dass die Innovationsfähigkeit mit zunehmenden Alter nachlässt, kann man von einer teilweise sinkenden Qualität des Humankapitals im Alter ausgehen, da ältere Arbeitnehmer seltener an Weiterbildungsmaßnahmen teilnehmen als jüngere.

Dessen ungeachtet ist die Wirkungsrichtung des Einflusses der Bevölkerungsentwicklung auf den technischen Fortschritt - erhöhte Risikoaversion zum einen, aber zum anderen ein größerer Anreiz, in neue Technologien zu investieren, wenn die Arbeitskräfte knapp werden - eher unsicher. Daher bleibt als politisch zu beeinflussende Größe das Erwerbspersonenpotenzial, d.h. die Erhöhung der Anzahl der Erwerbstätigen (und ihres Humankapitals) in einer schrumpfenden Bevölkerung. Kurzfristig kann dies durch eine Erhöhung der Erwerbsbeteiligung geschehen, mittel- bis langfristig mit einer Erhöhung der Geburtenrate kombiniert werden. Zuwanderung kann im Übrigen allenfalls eine sehr begrenzte Lösung des Alterungsproblems bedeuten. Wie von den Vereinten Nationen in der Studie "Replacement Migration" berechnet, würden die quantitativen Ausmaße der notwendigen Zuwanderung, um z.B. den Altenquotienten konstant zu halten, das politische Fassungsvermögen mit jährlich durchschnittlich 3,4 Millionen Zuwanderern bei weitem übersteigen.


Fußnoten

2.
Es lässt sich zeigen, dass der Bevölkerungsrückgang und der zeitgleich einhergehende Anstieg des Altenquotienten jeweils für sich genommen zu einer Beeinträchtigung des Sozialprodukts führen. Vgl. B. Rürup/S. Gruescu (Anm. 1), S. 45ff.