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1.6.2005 | Von:
Jutta Allmendinger
Kathrin Dessel

Familien auf der Suche nach der gewonnenen Zeit

Die Frage "Kinder und Karriere?" muss nicht mit einem Entweder-Oder beantwortet werden. Ein Sowohl-Als-Auch wäre möglich, wenn bereits bestehende Gelegenheitsräume voll ausgeschöpft würden.

Einleitung

Leicht könnte man des Themas überdrüssig sein: Wieder und wieder werden die Ursachen der Unvereinbarkeit von Familie und Beruf benannt, auch Handlungsansätze aufgezeigt. Allein, der große Ruck bleibt aus, wir treten auf der Stelle - noch.

Die vielen Schubladen - voll mit Ideologie befrachteten Diskursen - bleiben weit offen, gierig bereit dafür, Wortmeldungen zum Thema Frau und Beruf zu klassifizieren und oft schon dadurch zu neutralisieren. Daher, ganz zu Beginn, unsere Prämissen und Absichten:


Wir gehen davon aus, dass sich Erwerbs- und Familienverläufe grundsätzlich vereinbaren lassen. Das muss nicht zu Lasten des Berufsverlaufs gehen und schließt nicht aus, dass Männer und Frauen verantwortliche Positionen erreichen können. Die Vereinbarkeit muss auch nicht zu Lasten der Familie gehen, weder müssen Partnerschaften zerbrechen noch Kinder darunter leiden. Wir gehen ferner davon aus, dass sich Männer von Männern und Frauen von Frauen unterschieden. Nicht alle wollen eine (dauerhafte) Partnerschaft, nicht alle wünschen sich Kinder, nicht alle suchen beruflichen Erfolg, nicht alle streben hohe Positionen an. Diese Unterschiede gab es schon immer.


Die hervorragenden beruflichen Qualifikationen von Frauen, deren Zugang zum Arbeitsmarkt und vielfältige Möglichkeiten der Geburtenkontrolle ermöglichen ansatzweise aber erst heute eine solche Wahl - Unterschiede werden damit lebbar. Das ist gut so. Gleichförmige Lebensmuster, Abbild des Normallebensverlaufs, können nicht Ziel der Lebensverlaufspolitik sein. Hieraus ergibt sich zunächst die politische Aufgabe, sich nicht nach dem einen Lebensverlaufsmuster zu richten, sondern Räume für Optionen zu schaffen, diese deutlich zu konturieren und deren jeweilige Wirkungen und Nebenfolgen hervorzuheben.

Der erste Schritt besteht dann darin, sich offen von überkommenen Vorstellungen zu verabschieden. Der Viertakter Schule - Ausbildung - Erwerbsleben - Ruhestand, dieses "So soll es sein - es kann nicht anders sein", wird dann zu einem "So kann es sein - Vieles darf sein". Andere, längst vorgelebte Abfolgen müssen dann nicht individuell begründet und verteidigt werden, sie werden selbstverständlich. Die Beweislast fürs Anderstun wird nicht nur verschoben, sie entfällt ganz.

Nach der Schule kann zuerst eine Phase der Erwerbstätigkeit kommen, und nach dieser so wichtigen praktischen Erfahrung die Ausbildung. In vielen Ländern, insbesondere in den USA, ist das schon längst gang und gäbe: Unterbrechungen der Erwerbstätigkeit, nicht nur, um eine Erstausbildung zu erwerben, sondern um Luft zu holen, sich anders zu orientieren, sich weiterzubilden. Die vielen geblockten Jahre des Ruhestands innerhalb unseres "Einmal für immer"-Modells nach vorne zu ziehen, Möglichkeiten des temporären Aussteigens zu schaffen, eines Sabbaticals, ohne dass das gleich Arbeitslosigkeit heißt, wie es schon Gösta Rehn vorgeschlagen hat[1] - all das wäre machbar. Vorgezogene Jahre eines Rentenbezugs bei späterem Eintritt in den Ruhestand wären auch kostenneutral. Ruhestand und Arbeitslosigkeit finanzieren wir derzeit auch, allerdings in der Regel nur, wenn sie geballt daherkommen.

Neue Lebensverlaufsmuster wagen und diese anerkennen hieße auch, geschlechtsspezifische Muster abzubauen. Denn dann gäbe es nicht mehr den männlichen Lebensverlauf mit seiner "normalen" und institutionell flankierten Abfolge diskreter Phasen, an den sich Frauen anzupassen und unter dem sie - auch finanziell durch eine niedrige Einkommensentwicklung aufgrund Unterbrechungen und Teilzeitarbeit - zu leiden haben. Eine eigenständige Sicherung kann so nur schwer erreicht werden. Aber nur Kinderbetreuungszeiten sind legitimierte Auszeiten, alle anderen Lücken sind stigmatisiert.

Die Kosten dieses Unterschieds sind hoch. Gesellschaftlich gesehen verzichtet man auf wertvolles Humankapital. Man setzt auf Differenzierung statt auf Chancengleichheit. Individuell und kollektiv bedeutet dies für alle Frauen Ungleichheiten im Einkommen bei gleicher, ja oft besserer, Bildung und Ausbildung,[2] entsprechend auch schlechtere finanzielle Absicherung im Alter.[3] Lassen sich verheiratete Frauen mit Kindern scheiden, sind sie finanziell die klaren Verliererinnen.

Im Gegensatz zu Männern stehen Frauen heute immer noch vor einem Entweder-oder, was Kinder oder Karriere angeht, und dies wirkt sich massiv auf die demographische Grundordnung aus. Haben Frauen im Reichsgebiet um 1900 durchschnittlich 4,7 Kinder geboren, so liegt das Geburtsniveau seit Mitte der siebziger Jahre bei etwa 1,3 Kindern pro Frau.[4] Insbesondere hoch qualifizierte Frauen entscheiden sich häufig aufgrund der hohen Opportunitätskosten im Sinne nicht genutzter Karrierechancen gegen Kinder, so dass in höheren Bildungsschichten Kinder nicht nur später, sondern vor allem seltener eingeplant werden (vgl. dazu Abb. 1 der PDF-Version). Deutschland ist heute das Land mit der weltweit höchsten Kinderlosigkeit - und das trotz 180 Milliarden Euro staatlicher Ausgaben für Familien im Jahr.

Diese demographische Tendenz ist so bekannt wie beklagt, aber hier nicht Thema. Die Doppelbelastung, die sich für Frauen aus der zeitgleich gelebten Vereinbarkeit von Kindern und beruflicher Karriere ergibt, könnte verringert werden, und zwar nicht primär durch Vereinbarungen traditioneller Art, sondern durch institutionell flankierte neue Muster im Lebensverlauf. Phasenverschiebungen im Lebensverlauf können neue Optionen eröffnen, Kinder zu haben und Karriere zu machen. Sie verringern den Druck, das eine für das andere aufgeben zu müssen. Auswirkungen auf die Geburtenrate können, müssen sich daraus aber nicht ergeben.

Betrachtet man die neuen Lebensverläufe mit verschobenen Phasen genauer, so liegen ihnen in einer work-life balance unterschiedliche Entwicklungen zugrunde: erstens die gewonnenen Lebensjahre; zweitens die gestiegene Dauer möglicher Fertilität von Frauen; drittens die gestiegene mögliche Anzahl von Lebensjahren, die in Erwerbsarbeit verbracht werden können. Diesen gewonnenen Optionen steht allerdings eine kontinuierliche Verengung der verwirklichten Fertilitäts- und Erwerbstätigkeitsspanne von Frauen gegenüber - hier findet eine gegenläufige Entwicklung statt.


Fußnoten

1.
Vgl. Gösta Rehn, Towards a Society of Free Choice, Sweden Institute of Social Research, 1977.
2.
Vgl. dazu etwa Bernd Fitzenberger/Gaby Wunderlich, Holen die Frauen auf? Geschlechtsspezifische Arbeitsmarktbeteiligung und Verdienstentwicklung in Deutschland und Großbritannien, in: ZEW-Wirtschaftsanalysen, Band 69, Baden-Baden 2004.
3.
Vgl. Jutta Allmendinger, Wandel von Erwerbs- und Lebensverläufen und die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern im Alterseinkommen, in: Winfried Schmähl/Klaus Michaelis (Hrsg.), Alterssicherung von Frauen: Leitbilder, gesellschaftlicher Wandel und Reformen, Wiesbaden 2000, S. 61 - 80.
4.
Vgl. Karl Schwarz, 100 Jahre Geburtenentwicklung, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, 22 (1997) 4, S. 481 - 491.