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10.5.2005 | Von:
Emanuel Richter

Die Einbürgerung des Islams – Essay

Öffnung zum Kulturdiskurs

Dieses Konzept von Multikulturalität lässt sich produktiv in die gegenwärtigen Konfliktlagen einspeisen. Muslime, die frauenfeindliche Dogmen predigen und für diese geschlechtsspezifische Verwehrung des Kulturdialogs Akzeptanz erwarten, verfehlen den multikulturellen Sinngehalt - und verletzen obendrein Rechtsnormen, die mit gutem Grund als Rahmenordnungen von kultureller Selbstfindung fungieren. Alle europäischen Verfassungen garantieren die freie Religionsausübung, aber eben auch die Wahrung menschlicher Würde unabhängig vom Glaubensbekenntnis - also für Frau und Mann, im Islam wie im Christentum. Doch auch Christen verfehlen die multikulturellen Koexistenzregeln, wenn sie einer Glaubensgemeinschaft wie dem Islam pauschal soviel Eigensinnigkeit und Radikalität unterstellen, dass sie von christlicher Seite aus keine Dialogbereitschaft aufbringen müssen.

Kultur lebt nicht von der Ausgrenzung, sondern von der Öffnung zum Diskurs. Wenn aus dem Vorderen Orient nach Westeuropa eingewanderte Muslime aufgrund ihrer sozialen Stellung oftmals keine Übung im kulturellen Debattieren mitbringen, muss man sie ihnen vermitteln. Artikulationsfähigkeit in der öffentlichen Beratung ist die Voraussetzung seitens der Beteiligten wie seitens der Institutionen, in denen der Kulturdialog stattfinden soll. Die eigene Stimme erlangt man natürlich zunächst durch Sprachkompetenz. Darauf weisen Politiker aller Couleur in allen Sprachgemeinschaften hin. Die Eingewanderten müssen die Landessprache erlernen, um an den Diskursen teilnehmen zu können.

Aber die notwendige Öffnung zum Diskurs reicht viel tiefer. Es geht um eine allgemeine Ermächtigung zur Artikulation seitens der integrierenden Kollektive. Auf dieses Erfordernis zielte die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Marieluise Beck, als sie dazu aufrief, "den Islam einzubürgern" und dazu 20 Handlungsvorschläge vorlegte.[9] Es geht ihr konsequent zunächst um einen über die christliche Glaubensgemeinschaft hinweg geöffneten Kulturdiskurs, nämlich um eine "Politik der Anerkennung, die den Islam als gleichberechtigte Religion akzeptiert und Muslime rechtlich und politisch integriert". Muslime müssen als Teilnehmer des kollektiven Lebens in den westeuropäischen Nationalstaaten endlich zu Dialogpartnern eines erweiterten kulturellen Selbstverständnisses aufrücken. Diese nachholende Profilierung des Islams als Element der westeuropäischen Kultur hält Beck keineswegs davon ab, gleichzeitig für ein entschlossenes Vorgehen gegen "islamistische Bestrebungen" zu plädieren, die sich ihrerseits der diskursiven Konturierung von Kultur verweigern. Sie plädiert dafür, die "streitbare Auseinandersetzung mit allen religiös oder kulturell begründeten Vorstellungen von Ungleichheit und Unfreiheit in Teilen der muslimischen Bevölkerung und ihrer Organisationen" zu suchen. Auch die Verfehlung gegenüber dem kulturellen Konstruktivismus kann nur mittels einer deliberativen Auseinandersetzung überzeugend entlarvt und behoben werden. Der kulturelle Konstruktivismus fordert, dass im Rahmen des geltenden Rechts alle Fragen nach den tragenden Elementen des kulturellen Zusammenhalts erhoben werden dürfen, auch die nach bisher sakrosankten Formeln für Gruppenzugehörigkeiten - wie die Inhalte des Glaubens und die kollektive Ausübung des Glaubens.

Die gegenwärtigen öffentlichen Auseinandersetzungen in vielen west- und neuerdings auch osteuropäischen Staaten vermitteln noch nicht den Eindruck, als seien sie von dieser Einsicht in die Prinzipien kollektiver, dialogisch angelegter Selbstfindung geprägt. Man kann sie daher allenfalls vorübergehend als angstvolle Reflexe hinnehmen, die aus eigener Unsicherheit mit Ressentiments gegen Fremde reagieren. Solche Reflexe müssen jedoch unverzüglich durch eine intensive Einbindung in die Debatte über veränderte Werte, über neue Bedingungen von kultureller Koexistenz und über die Rahmenbedingungen von Integration überwunden werden. Die Prophezeiung eines "Kampfes der Kulturen" jedenfalls wendet sich in destruktiver Überzeichnung gegen die prinzipielle Möglichkeit zur diskursiven Konstruktion von Kultur. Sie argumentiert affirmativ mit der unplausiblen Grundannahme, die kollektive Identitätsfindung brauche immer ein feindliches Gegenüber - das antagonistische "Andere".[10]

Kulturelle Selbstfindung in republikanischem Verständnis geht vom genauen Gegenteil dieser Grundannahme aus: Sie lagert die produktive Begegnung mit dem Anderen der kulturellen Grenzziehung vor. Der dramatische Ausblick auf neue, religiös unterfütterte Kulturkämpfe ist daher entweder ein demagogischer Aufruf zur Verweigerung gegenüber diesem diskursiven Kulturverständnis, oder er stellt die phantasielose Unterschätzung jenes Potenzials zur friedfertigen Begegnung dar, das in dem Möglichkeitshorizont von kollektiver Interaktion und kultureller Selbstfindung immer schon angelegt ist - und das es erst noch auszuschöpfen gilt.


Fußnoten

9.
Marieluise Beck, Den Islam einbürgern, Presseerklärung vom 26.1. 2005.
10.
So etwa Samuel P. Huntington, The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order, New York 1996, S. 20f.