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4.4.2005 | Von:
Grisha Alroi-Arloser

Deutschland und Israel aus israelischer Sicht

Erinnerung an den Tiefpunkt der eigenen Geschichte

Die große Ambivalenz, welche die Sicht der Israelis auf Deutschland noch immer charakterisiert, kann nicht allein in der deutschen Rolle im finstersten Kapitel jüdischer Geschichte begründet sein. Sie muss zu ähnlich großen Teilen vom Unbehagen der Erinnerung an die totale Macht- und Hilflosigkeit herrühren, der Juden in der Shoah ausgeliefert waren, ein Bild, das zu einer der sinngebenden Koordinaten des israelischen Selbstverständnisses wurde und das man doch am liebsten aus dem nationalen Kollektivbewusstsein ausblenden würde. In den ersten 15 Jahren nach Kriegsende sahen sich Überlebende des Holocaust in Israel herber Kritik ausgesetzt: Warum ließen sich die Opfer "wie Vieh zur Schlachtbank führen, statt zu kämpfen"? Erst nach dem Eichmann-Prozess in Jerusalem, vor allem aber nach dem Sechstagekrieg, begann man, die Gesetz gewordene Erinnerung an die Shoah mit der an den beachtlichen jüdischen Widerstand in den Lagern, den Ghettos und im Untergrund zu koppeln.

Nicht nur Deutschland tat sich also schwer mit der eigenen Vergangenheit, auch in Israel wurde 15 Jahre lang lieber geschwiegen; nicht allein ob der Unaussprechlichkeit der deutschen Verbrechen, sondern auch, weil der "neue Jude" nur mit äußerster Beklemmung in die Augenhöhlen seiner entmenschlichten Schwäche zu starren vermochte. Die Auseinandersetzung mit dem Täter ist immer auch eine psychisch belastende mit der eigenen Opferrolle. Oft machte ich diese Erfahrung in Begleitung israelischer Jugenddelegationen nach Deutschland. Jeder Bahnhof, jeder Güterzug, jeder Rentner, jeder Schornstein löste kollektive Erinnerungen und oft physisches Unbehagen aus: Sind auch hier Juden verladen worden? Haben die Deutschen beim Anblick der Züge weggesehen? War das ein Nazi? Gab es Krematorien inmitten der Städte? Angetan von Sauberkeit und Ordnung, von Freundlichkeit und ziviler Effizienz war man doch gleich wieder alarmiert. Haben sich die Deutschen wirklich geändert? Wie gut, dass wir uns unserer Veränderung gewiss sein können! Wie gut, dass es Israel gibt!

Ich glaube, dass es im Grunde nur wenige Jahre in den deutsch-israelischen Beziehungen gab, in denen beide Seiten gleichermaßen der Überzeugung waren, einen geglückten Neuanfang gemacht zu haben. Es war die Zeit vom Vorabend des Sechstagekriegs 1967 bis zum Beginn des Yom-Kippur-Kriegs 1973. Die Jahre davor waren geprägt vom israelischen Misstrauen den Deutschen gegenüber, die Jahre danach von der wachsenden deutschen Enttäuschung, dass Israel der Rolle des David und der eigenen Idealvorstellung des Judenstaates nicht mehr entsprechen wollte. Dabei schien ein Bild als Vorlage zu dienen, welches Israel selbst geschaffen hatte und das von deutscher Seite gern verinnerlicht worden war: Wie Phönix aus der Asche war der Staat aus der Katastrophe erwachsen, hatte eine solidarische und gerechte Gesellschaft geschaffen, Wüste urbar gemacht, sich heldenhaft gegen eine arabische Übermacht zur Wehr gesetzt und letztendlich ein ordentliches Stück Europa im Nahen Osten etabliert.

Was man daheim in Deutschland nicht mehr zu träumen wagte, hier in Israel war es Wirklichkeit geworden: ein funktionierender, demokratischer Sozialismus, Nächstenliebe, Kibbutzim, eine selbstbewusste Gewerkschaftsbewegung. Zur großen Freude sprachen viele der Protagonisten ein makelloses, wenn auch angestaubtes Deutsch. Da diese mit berechtigtem Stolz gerne gerade Gästen aus Deutschland ihre altneue Heimat und die Errungenschaften seiner Menschen näher bringen wollten, ergab sich rasch eine merkwürdig anmutende Kumpanei: Wir zeigen Euch, was Ihr sehen wollt, und Ihr sagt uns, was wir hören wollen.

Unter dem Eindruck der Ölkrise, des Libanonkriegs und der ersten Intifada bröckelte das Bild. Schwermütig wurde von deutschen Freunden die "Orientalisierung" Israels beklagt, die Verrohung der Sitten, der "Verlust der Unschuld". Dann kam die Äquidistanz, die Solidarisierung mit den "Opfern der Opfer" und ein immer häufigeres Kopfschütteln über die offensichtlich fehlende Bereitschaft der Israelis, aus der Vergangenheit zu lernen. "Gerade Ihr müsstet doch wissen", hieß es in hitzigen Diskussionen im Rahmen der "Historischen Seminare" der Gewerkschaftsjugend, und Israelis reagierten trotzig: "Wir sind lieber unbeliebt und lebendig als beliebt und tot!" Oder: "Was soll man machen, die KZs waren eben keine Besserungsanstalten!" Deutsche nahmen in diesen Diskussionen gern einen universalistischen Blickwinkel auf die Shoah, Israelis hingegen bestanden auf dem partikularistischen. Die Deutschen sagten: "Nie wieder Täter, nirgendwo", die Israelis: "Nie wieder wir als Opfer, irgendwo!"

Mit der Wiedervereinigung kam ein neues Stück Deutschland dazu. Eines, das zuvor zu den erbittertsten Feinden gehörte, Israel nie anerkannt hatte, sich nicht zur gesamtdeutschen Verantwortung für den Holocaust bekennen wollte und palästinensische Terroristen ausgebildet und finanziert hatte. Insofern war das Ende der DDR "good news". Andererseits erkannte man in Israel die Notwendigkeit, sich verstärkt den Bewohnern der neuen Bundesländer zuzuwenden, denn es galt, ein immenses Informationsdefizit und viele Vorurteile auszuräumen. Zu Beginn hatte es den Anschein, als ob es ein Replay des deutsch-israelischen Frühlings vom Ende der sechziger Jahre geben würde: Staunen hier, Genugtuung da. Doch musste man rasch feststellen, dass die Halbwertzeiten der Sympathie sich enorm verkürzt hatten, die Sozialisation eine völlig andere war und die Vereinnahmungen der Menschen durch westdeutsche Strukturen und Bedenkenträger in Sachen Nahost bald Wirkung zeigte. Unverständliche Reaktionen auf den 11. September 2001, antiamerikanische Ressentiments, das schrille Nein zum Irakkrieg, fremdenfeindliche und antisemitische Ausfälle, der Einzug der Neonazis in die Landtage - sie alle prägen den Blick der Israelis auf Deutschland.