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15.3.2005 | Von:
Dieter Smolka

PISA - Konsequenzen für Bildung und Schule

Konsequenzen für Bildung und Schule

In der Verallgemeinerung der PISA-Ergebnisse auf "die deutsche Schule" liegt eine Problematik. Jede Schule ist anders, und es gibt viele Schulen, an denen - unabhängig von der Schulform - herausragende fachliche, pädagogische und erzieherische Leistungen in einem positiven, herausfordernden und motivierenden Lernkontext erreicht werden. Deshalb ist ein Pauschalurteil ("Mittelmaß") für die Schulentwicklung der Einzelschulen wenig hilfreich. Ebenso sei der Hinweis erlaubt, dass Bildung, Ausbildung und Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen noch umfangreicher und vielschichtiger als die von PISA gemessenen Kompetenzbereiche sind. Vor diesem Hintergrund sind die nachfolgenden Konsequenzen und Empfehlungen zu sehen, die durch PISA verstärkt ins Blickfeld kommen.

Eine Bildungsreform nach PISA muss zum Ziel haben, Schüler individuell zu fördern und zu fordern, Chancengleichheit zu sichern und die herkunftsbedingte soziale Benachteiligung abzubauen. Den Bildungssystemen anderer Länder gelingt es besser, die in der PISA-Studie untersuchten Kompetenzen früh zu fördern, Schwächen der Schüler zu erkennen und sie unabhängig von der sozialen Herkunft auszugleichen. Sie schaffen es außerdem, mehr Spitzenleistungen zu fördern. Eine individuelle Förderung aller Kinder und Jugendlichen setzt voraus, dass jedes einzelne Kind möglichst frühzeitig und unabhängig von seiner sozialen Herkunft auf vielfältige Art und Weise gefördert und gefordert wird.[10] Auch die Förderung besonderer Begabungen ist neben der Breiten- und der Benachteiligtenförderung ein weiteres zentrales Ziel der Bildungspolitik.

Deutschland ist ein Einwanderungsland. Jedes fünfte Ausländerkind bleibt bei uns ohne Hauptschulabschluss, jedes dritte ohne Berufsausbildung - in erster Linie wegen mangelnder Beherrschung der deutschen Sprache.[11] Deshalb ist eine Verstärkung der Sprachförderung im vorschulischen Bereich, in den Grundschulen und weiterführenden Schulen wichtig.

Der Ausbau schulischer Ganztagsangebote sollte in der Primarstufe, aber auch in der Sekundarstufe I verstärkt werden. Ganztagsangebote sollten nicht nur reine Betreuungsangebote, sondern gezielte schulische Förderangebote enthalten, die vor allem Kindern aus bildungsfernen Haushalten zugute kommen: insbesondere jenen, bei denen häusliche Defizite in der Schule kompensiert werden müssen. Nicht der Betreuungs-, sondern der Bildungsauftrag sollte im Vordergrund stehen. Je sorgfältiger das Fundament gelegt, je besser also die Grundausbildung ist, desto weniger teure und zeitaufwendige Korrekturen werden später erforderlich sein.[12]

Die Schule kann keinen Wissensvorrat vermitteln, der ein Leben lang hält. Lebenslanges Lernen und die Weiterbildung gewinnen an Bedeutung. Soll Lernen zielgerichtet stattfinden, muss es professionell initiiert, begleitet und gesteuert werden. Die Schule zielt auf das aktive und selbstständige Lernen der Schüler. Nicht das bloße Aufnehmen, Wiedergeben (und Vergessen) von Faktenwissen, sondern anwendungsbezogene Aufgaben stehen im Mittelpunkt. Eine abwechslungsreiche Mischung aus frontalen und vielen offenen Unterrichtssituationen und Lernformen, aus Einzel- und Teamarbeit, aus strukturierter Gruppenarbeit sowie aus individuellen Übungsphasen unterstützen das Lernen. Beispiele dafür sind fächerverbindende Projekte, Methodenkompetenz und Präsentation.

Fächerverbindende Projekte: Der Unterricht orientiert sich nicht ausschließlich an dem starren Fächerraster, sondern berücksichtigt auch fächerverbindende Themenfelder und Problemstellungen. Wenn verschiedene Fächer bei einem Thema kooperieren, kommt es zu Vernetzungen, die sinnvolles und selbstständiges Lernen unterstützen. Die einzelnen Fächer legen für die einzelnen Jahrgänge die fächerverbindenden Projekte fest, z.B. das Thema "Gentechnologie" im Biologie-, Chemie-, Religions- und Englischunterricht; das Thema "Gesundheitserziehung" im Biologie- und Sportunterricht; das Thema "(Musik-)Theater" im Deutsch-, Englisch-, Kunst- und Musikunterricht. Fächerverbindende Unterrichtsprojekte verstärken den Anwendungsbezug, die Problemlösung und das vernetzte Denken.

Methodenkompetenz: Lehrer sind Lernbegleiter, die auf die individuellen Bedürfnisse, Interessen und Neigungen sowie Lernvoraussetzungen ihrer Schüler eingehen. Dies gelingt, indem sie die notwendigen Methodenkompetenzen vermitteln. Die Intensivierung des eigenverantwortlichen Arbeitens und Lernens im Unterricht setzt voraus, dass die Schüler über tragfähige methodische Kompetenzen verfügen, die persönliche Erfolge und gute Lernleistungen ermöglichen.

Präsentation: Es kommt nicht nur darauf an, Wissen anzusammeln und für sich zu behalten, sondern die Schüler sollten anderen die Ergebnisse präsentieren können.[13] Deshalb sollten Präsentationsformen und der freie Vortrag geübt werden. Schließlich kann man nur durch Übung eine Souveränität im freien Sprechen vor einer Gruppe erhalten. Die Visualisierung eines Vortrags durch Overhead-Folien oder eine PowerPoint-Präsentation können Schüler frühzeitig lernen, so dass sie in der Lage sind, z.B. ihre Facharbeit in der Oberstufe einem größeren Publikum (Schülern, Lehrern, Eltern) vorzustellen.

Gute Leistungen gedeihen am besten in Schulen, in denen das Lernen Freude macht und die auf ein lebenslanges Lernen vorbereiten. Die Qualität der Schule und des Unterrichts spielen für die Lernmotivation und Leistung eine wichtige Rolle. Das Schulklima, die Atmosphäre im Klassenzimmer, der Kommunikations- und Interaktionsstil in der Klasse sind einflussreiche Rahmenbedingungen. Motivation, Leistungsbereitschaft und ein hohes Niveau der Lernleistungen hängen eng miteinander zusammen.[14] Die Schulleistung wird nicht nur von Begabung und Intelligenz, sondern auch von Motivation und Selbstmotivation, Methoden des Lernens, Lernumwelt und Anregungen in Schule und Familie beeinflusst. Die Begabung eines Kindes setzt sich nicht automatisch in gute Schulleistungen um. Es gibt hoch begabte Schülerinnen und Schüler, die leistungsmäßig versagen. Durchschnittlich Begabte gehören gelegentlich zu den Besten einer Klasse.

Schüler mit gleicher Intelligenz weisen unterschiedliche Schulleistungen auf, weil die Motivation und der Lernkontext den Unterschied in starkem Maße beeinflussen.[15] Schüler zeigen gute Leistungen, wenn sie sich in der Klasse und im Unterricht wohlfühlen, wenn Gelassenheit, Offenheit, Transparenz, Ruhe und Aufmerksamkeit wichtige Elemente des Unterrichts sind und wenn die Bedeutung sozialer Kompetenzen (evtl. unterstützt durch Programme zum sozialen Kompetenztraining) geschätzt werden. Wenn individuelle Leistungen wahrgenommen, anerkannt und gewürdigt werden, kann dies für eine lang anhaltende Motivation und Leistungssteigerung sorgen. Selbstvertrauen und Leistungsverbesserungen entstehen durch Ermutigung, Wertschätzung sowie fachliche und pädagogische Unterstützung.

Schulen brauchen ein hohes Maß an pädagogischer Freiheit und Flexibilität - also weniger zentrale Regulierungen und einengende Vorschriften. Notwendig sind mehr Freiräume, mehr Entscheidungsfreiheit und Selbstgestaltung. "Gestalten statt Verwalten" ist das Motto der selbstständigen Schule. Die meisten Länder, die bei PISA gut abschneiden, gewähren ihren Schulen viel Selbstständigkeit und Eigenverantwortung. Wenn wir von unseren Kindern erwarten, dass sie ihr Leben selbstverantwortlich zu steuern lernen, dann müssen unsere Bildungseinrichtungen dies vorleben. Und sie müssen für die Resultate ihrer Arbeit in die Verantwortung genommen werden können. Nach der Vorgabe klarer und überprüfbarer Bildungsstandards sollten die Schulen und Hochschulen ihre Praxis in Eigenregie gestalten.[16] Die Bildungsstandards wirken positiv, wenn sie mit dem Ziel der Beobachtung, Förderung und Evaluation eingesetzt werden; sie wirken negativ, wenn sie zur Selektion von Schülern und zur Erhöhung des Leistungs- und Kontrolldrucks benutzt werden.

Wir haben engagierte Lehrerinnen und Lehrer. Gute Arbeit setzt gute Arbeitsbedingungen voraus. Aber die bildungspolitischen und schulischen Rahmenbedingungen sind im Hinblick auf die wünschenswerten Ziele derzeit kontraproduktiv. Die Unterversorgung der Schulen mit Lehrerstellen, der Unterrichtsausfall, die zunehmende Zahl der Vertretungsstunden und die großen Klassenfrequenzen sind einige Beispiele.

Die personellen und schulorganisatorischen Rahmenbedingungen müssen erheblich verbessert werden. Die PISA-Sieger investieren mehr in ihre Schulen. Dänemark und "PISA-Sieger" Finnland sind Beispiele hierfür. Es gilt, jetzt und in Zukunft neue Lehrerinnen und Lehrer einzustellen. Aufgrund der Altersstruktur der Kollegien ist es notwendig, jüngere Lehrkräfte zu beschäftigen. Es ist nicht hinzunehmen, dass Referendare nach ihrem Zweiten Staatsexamen arbeitslos sind, während der Unterricht wegen Lehrermangel gekürzt werden muss oder ganz ausfällt. Junge Lehrerinnen und Lehrer werden gebraucht; sie sind ein unverzichtbares Innovationspotenzial für die Weiterentwicklung der Schule. Kontraproduktiv ist dagegen die Produktion immer neuer Vorschriften und Richtlinien, die eine sinnvolle Schulentwicklung teilweise eher erschweren.

Erfolgreich unterrichten zu können ist nicht nur eine Frage des guten Willens von Lehrern, ihrer intensiven Vorbereitung und der persönlichen Anstrengungsbereitschaft. Pädagogische und fachliche Fähigkeiten müssen in einer anspruchsvollen Ausbildung erworben und in der persönlichen Weiterbildung ständig verbessert werden. Voraussetzungen dafür sind die verstärkte pädagogisch-psychologische Qualifizierung und praxisnahe Professionalisierung der Lehrerausbildung, in der neben fachwissenschaftlichen Lerninhalten auch die für eine spätere Berufstätigkeit notwendigen pädagogischen und erzieherischen Kompetenzen erworben werden.[17]

Das Lehrerbild, das der Lehreraus- und -fortbildung bislang zu Grunde liegt, bringt in erster Linie Experten für die jeweiligen Fächer hervor. Es gilt, die fachliche Ausbildung um eine didaktisch-methodische und schulpraxisnahe Ausbildung zu ergänzen. Praktische Lernphasen in den Ausbildungsschulen müssen die Ausbildung ebenso prägen wie theoretische Abschnitte, in denen Praxis reflektiert und mit Theorie verknüpft wird. Auch die Weiterbildung erfahrener Lehrerinnen und Lehrer ist wichtig. Externe und schulinterne Fortbildungsangebote sollten sich an den unterrichtlichen Bedürfnissen und Arbeitszusammenhängen orientieren.


Fußnoten

10.
Vgl. Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Wir brauchen eine andere Schule! Konsequenzen aus PISA. Positionen der Bertelsmann Stiftung 2002, Gütersloh 2002, S. 4.
11.
Vgl. Jürgen Kluge, Schluss mit der Bildungsmisere. Ein Sanierungskonzept. Frankfurt/M. 2003, S. 229.
12.
Vgl. ebd., S. 226.
13.
Vgl. Dieter Smolka (Hrsg.) Schülermotivation. Konzepte und Anregungen für die Praxis, Neuwied 2004, S. 71.
14.
Vgl. Franz E. Weinert (Hrsg.), Leistungsmessungen in Schulen, Weinheim - Basel 2001, S. 25ff.
15.
Vgl. D. Smolka (Anm. 13), S. 55ff.
16.
Vgl. J. Kluge (Anm. 11), S. 226.
17.
Vgl. D. Smolka (Anm. 1), S. 5.