APUZ Dossier Bild

7.3.2005 | Von:
Dieter Senghaas

Wie den Frieden in Töne setzen?

Vorahnungen

Komponisten sind keine Prognostiker des erwartbaren Weltgeschehens, aber sie verfügen gelegentlich, wie auch Kunstschaffende auf anderen Gebieten, über ein Sensorium, das ihnen ermöglicht, einer zwar nicht voraussagbaren, aber atmosphärisch erahnbaren und drohenden Katastrophe Ausdruck zu verleihen. Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 6 "Die Tragische" (1903/05) wäre in diesem Zusammenhang zitierbar, auch Anton Weberns Sechs Stücke für Orchester, op. 6 (1913) - darin vor allem der Trauermarsch ("marcia funebre"), auch der Marsch in Alban Bergs Drei Orchesterstücke op. 6 (1914) oder der vierte "marcia funebre"-Satz in Béla Bartóks Vier Orchesterstücke op. 12 (1912) sowie der Mittelsatz im Divertimento für Streichorchester (1939) desselben Komponisten; gewiss auch sämtliche Kompositionen von Karl Amadeus Hartmann aus den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts: Man denke beispielhaft an das Streichquartett Nr. 1 dieses Komponisten aus dem Jahre 1933, in dem die kommende Katastrophe nicht nur erahnt, sondern geradezu antizipierend thematisiert wird.

Natürlich ist im Hinblick auf solche Werke absoluter Musik, denen ein entsprechendes Sensorium oder ein quasiprognostischer Charakter unterstellbar ist, äußerste interpretatorische Vorsicht geboten. Der nahe liegende Einwand, solche Werke auf spätere Weltkatastrophen wie den Ersten und Zweiten Weltkrieg zu projizieren gleiche notwendigerweise immer und fraglos einer Überinterpretation, geht jedoch von der Prämisse aus, es gäbe Informationen über ihre fraglos unzweideutige Interpretation. Aber gerade solche gibt es bei überragenden Kompositionen der genannten Art eben nur in den seltensten Fällen.

Im Übrigen: Auch ohne Neigung des Hörers zu Katastrophenphantasien vermittelt sich Mahlers genanntes Werk wie eine angsteinflößende Vision. Und Weberns Trauermarsch, der vierte Satz in der zitierten Komposition, macht in gedrängter Zeit und auf beispiellose Weise hörbar, was als Prozess einer unerbittlich eigendynamisch werdenden Eskalationsspirale vielfach beschrieben wurde. Hier kommt zum Ausdruck, was Tolstoi in seiner Kritik an Clausewitz, der seinerseits den Krieg als politisch kalkulierbares und folglich als manipulierbares Instrument begriff, betonte: die letztendlich nicht kalkulierbare und nicht manipulierbare, die sich steigernde und kataklysmisch, also unbeherrschbar werdende Eskalationsdynamik, die unerbittlich in einer Katastrophe mündet. Und dieser Assoziation einer finalen Katastrophe kann man sich insbesondere angesichts des Hörbildes des Marsches von Alban Berg kaum entziehen.