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7.3.2005 | Von:
Dieter Senghaas

Wie den Frieden in Töne setzen?

Frieden auf Erden

Die wirkliche, von Komponisten nicht allzu oft angenommene Herausforderung besteht folglich vor allem darin, trotz aller Widrigkeiten der Zeitläufte der eigenen Vorstellung von Frieden kompositorisch Ausdruck zu verleihen. Das geschieht, falls der Versuch unternommen wird, oft unter Zuhilfenahme von literarischen Zeugnissen, insbesondere von Bibel-Texten und Gedichten, so wenn beispielsweise Arnold Schönberg sich von einem Gedicht Conrad Ferdinand Meyers zu seiner Komposition für gemischten Chor a cappella Friede auf Erden (1911) inspirieren ließ. Das Gedicht geht zunächst von der biblischen Friedensverheißung aus; es fährt fort mit der Klage über deren Vergeblichkeit, um in die Hoffnung, ja die Forderung zu münden, diese Verheißung sei endlich zu erfüllen.

Frieden ohne Worte, ohne Beschriftung der Musik: das ist immer ein kompositorisches Wagnis. In der bereits zitierten Komposition von Gustav Holst The Planets folgt auf "Mars, der Überbringer des Krieges" als zweiter Satz "Venus, die Friedensbringerin" ("the bringer of Peace"): weit ausladend, äußerst feingliedrig orchestriert, auch mit viel Schönklang, in deutlichem Kontrast zum ersten, hämmernd-martialischen Satz. Das sich lyrisch vermittelnde helle Klangbild inszeniert sich über Holzbläser, Hörner, Harfen, über Glockenspiel und die Solo-Violine; die marshaften, martialischen Instrumente des Kopfsatzes - Trompeten, Posaunen - sind in solchem friedlichen Ambiente abwesend, weil deplatziert. Venus vs. Mars: Das war nicht nur in der bildenden Kunst, sondern auch in der Musik ein beliebter Topos, neuerdings sogar im transatlantischen Konflikt zwischen den USA und "Alt-Europa"[14].

Hirten- und Schäfermusik vermittelten einst in der Barockzeit einen Inbegriff von Friedlichkeit, so auch pastorale Musik, welche die friedvolle Atmosphäre eines Arkadien ausstrahlt. Neuerdings bewirkt minimalistische Musik den gleichen Effekt: Sie lässt Augenblicke der Beruhigung und Oasen der Stille entstehen und gleitet nicht selten, die Widerborstigkeit der Realität verleugnend, in "Friedenskitsch" ab, ganz anders als Alban Berg in Hier ist Friede, dem fünften der Fünf Orchesterlieder nach Ansichtskarten-Texten von Peter Altenberg (1912), einer Lied-Komposition für großes Orchester, jedoch von kammermusikalischer Durchhörbarkeit, in der die Suche nach Inseln des Friedens, hier als Naturfrieden imaginiert, sich kundtut ("Siehe, hier sind keine Menschen, keine Ansiedlungen ... Hier ist Friede! Hier tropft Schnee leise in Wasserlachen ...").

Mit Musik Frieden stiften zu wollen kann aber auch auf ganz andere Weise inszeniert werden, beispielsweise wenn Komponisten bewusst unterschiedliche nationale Musikstile miteinander kombinieren, also in ihren Werken eine Art von interkulturellem Dialog pflegen, um darüber, wie Georg Muffat einst im Vorwort zu seiner Anthologie von gravitätischen Concerti in vermischtem Stil (Florilegium, 1695) explizit darlegte, zum Frieden beizutragen. Béla Bartók, der ungarische Komponist, hatte keinen sehnlicheren Wunsch, als die Verbrüderung der Völker trotz allem Krieg und Hader zu befördern: "Dieser Idee versuche ich - soweit es meine Kräfte gestatten - in meiner Musik zu dienen; deshalb entziehe ich mich keinem Einfluß, mag er auch slowakischer, rumänischer, arabischer oder sonst irgendeiner Quelle entstammen." In seiner Tanzsuite (1923) finden sich solche verschiedenartigen Einflüsse unterschiedlicher kultureller bzw. nationaler Stile, gerade auch der Volksmusik. Zeitgenössische Komponisten bemühen sich neuerdings in ihren Werken um einen subtilen "interkulturellen Dialog", der sich in der innovativen Textur ihrer Werke niederschlägt, so beispielsweise Klaus Huber in Lamentationes de fine vicesimi saeculi (1992/94).[15]

Im Hinblick auf die kompositorische Bearbeitung des "Friedens" war und ist der Beitrag geistlicher Musik von besonderer Bedeutung. Die römisch-katholische Messe, darin vor allem das "dona nobis pacem" im "Agnus Dei", wurde nicht selten nicht nur im Hinblick auf dessen liturgischen Stellenwert, sondern auch als friedenspolitisches Zeugnis wahrgenommen. Exzeptionell ist die Thematisierung von "Frieden" in Johann Sebastian Bachs Messe h-moll (1733 - 1748), in deren "Gloria" der orchestrale und gesangliche Fluss der Lobpreisung Gottes durch eine nicht enden wollende Wiederholung des "et in terra pax" regelrecht unterbrochen, ja aufgehalten wird. So als ob Bach gegen den Widerspruch der Hörer darauf insistieren wollte: "Ja, es gibt auch eine Ordnung des Friedens auf dieser Welt ..." - allerdings "hominibus bonae voluntatis": Friede den Menschen, die guten Willens sind. Und wirken solche Menschen als Friedensstifter, gilt ihnen, gerade auch in der geistlich motivierten Musik, die Seligpreisung: "Selig die Friedensstifter, denn sie werden Gottes Kinder heißen" (z.B. Orlando di Lasso Beati pauperes. Beati pacifici, 1571; César Franck Les Béatitudes, 1879; Arvo Pärt The Beatitudes, 1990/91). In Antonio Vivaldis Gloria (RV 588, nicht zu verwechseln mit dem beliebten und oft gehörten Gloria, RV 589) wird fünf Minuten lang hörbar, wie der Frieden ("et in terra pax") vom Himmel herabsteigt - ein weithin unbeachtet gebliebener, faszinierender locus classicus geistlicher Friedensmusik. Allerdings: Vivaldis Komposition vermittelt sich als sinnfälliger Ausdruck eines "verdankten Friedens": als hörbare Botschaft göttlichen Gnadenerweises, gemäß der eigentlich korrekten Übersetzung: "Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade". Friede: Das verlangt letztendlich eine positive Botschaft, auch eine entsprechende Ästhetik. Im vergangenen 20. Jahrhundert stand für ein solches Verständnis fast einzigartig Olivier Messiaens Werk. Gegen den Geist und den Lärm der Zeit wollte Messiaen in antilyrischer Umwelt mit Klangfarben, Rhythmen und Lyrismen - mit "Farben-Musik" einschließlich vielfarbiger Vogelstimmen aus aller Welt - dokumentieren, dass sich die Schönheit der Schöpfung auch heute offenbart. In dieser Orientierung war sein Verständnis von Frieden, auch sein kompositorischer Beitrag zum Frieden begründet.


Fußnoten

14.
Die Mars/Venus- (bzw. Hobbes/Kant)-Thematik findet sich propagiert in: Robert Kagan, Macht und Gegenmacht. Amerika und Europa in der neuen Weltordnung, Berlin 2003.
15.
Vgl. Max Nyffeler, Die Urangst überwinden. Zur Dialektik von Befreiung und Erlösung im Werk von Klaus Huber, in: H. Lück/D. Senghaas (Anm. 5), S. 269 - 285.