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7.3.2005 | Von:
Helmke Jan Keden

Musik in nationalsozialistischen Konzentrationslagern

Funktionen musikalischer Praxis für das NS-Lagerpersonal

In der Forschungsliteratur sind eine Vielzahl von Verwendungszusammenhängen erwähnt, die den "Einsatz" von Musik durch die nationalsozialistischen Unterdrücker in den Konzentrationslagern schildern. Nachfolgend werden die wichtigsten Funktionen dieser Musikpraxis kurz dargestellt.

Die musikalisch aktiven Internierten wurden in den Lagern häufig zu Instrumental- und Vokalensembles zusammengefasst und mussten repräsentative Aufgaben bei offiziellen Anlässen (z.B. politischen Gedenkfeiern) übernehmen. Sie "dienten auch als Zierde beiLagerbesichtigungen durch auswärtige Besucher"[5] und wurden bei anstehenden Inspektionen von hochrangigen Parteimitgliedern eingesetzt. Teilweise betrieben die Lagerführer solche Ensembles auch aus Liebhaberei. Diese musikalischen Gruppen konnten aber gleichzeitig auch die Funktion eines Statussymbols übernehmen, wenn sie als Mittel zur Machtdemonstration gegenüber Untergebenen und anderen Lagerleitern eingesetzt wurden.[6]

Konzerte und kulturelle Veranstaltungen wurden dazu eingesetzt, Menschenrechtsvertreter anderer Länder sowie Mitarbeiter des Roten Kreuzes über die wahren Zustände in den Lagern hinwegzutäuschen. Besonders im KZ Theresienstadt lud man nach groß angelegten Selektionen und damit verbundenen Verschleppungen in die östlichen Vernichtungslager kritische Besucher ein, um ihnen mit Hilfe von kulturellen Vorführungen im Rahmen der so genannten "Freizeitgestaltung" ein scheinbar normales Lagerleben vorzugaukeln.

Doch nicht nur Menschenrechtsvertreter wurden durch Musik über die wahren Zustände der Lager getäuscht, sondern auch neue Lagerhäftlinge, die durch Begrüßungsmusik beruhigt werden sollten, um Unruhe und Massenpaniken zu vermeiden. So berichtet Gabriele Knapp von der Sängerin Eva Stern, die - vom Auschwitzer Frauenorchester begleitet - sowohl die Ankunft der Züge als auch die anschließenden Selektionen und den Weg der Ausgesonderten zu den Gaskammern gesanglich untermalen musste.[7]

In den Konzentrationslagern wurde Gesang häufig auch als Mittel zur Demütigung und Erniedrigung der Inhaftierten eingesetzt. Um den inneren Willen der Häftlinge zu brechen, mussten sie z.B. Lieder singen, die im eklatanten Widerspruch zur erlebten Realität standen. Im Gegensatz zur oben dargestellten Praxis bei Neuankömmlingen in Auschwitz mussten die Neuzugänge im KZ Sachsenhausen zu ihrer eigenen Erniedrigung u.a. "Alle Vögel sind schon da" singen.[8] Auch beim Abendzählappell mussten die Inhaftierten entwürdigende Schmach über sich ergehen lassen: "Allenfalls wünschte der Lagerführer 'Ein Lied'. Je strömender der Regen floß (...), desto dümmer war das Lied, das gesungen werden mußte - einmal, dreimal, auchfünfmal hintereinander, zum Beispiel: 'Kommt ein Vogel geflogen ...' oder 'Was schimmert am Waldesrand ...'."[9]

Im KZ Buchenwald mussten inhaftierte Juden - als "Strafverschärfung"[10] - bei Besuchen hoher Wehrkreiskommandanten nach dem Abendappell das so genannte "Judenlied" singen: "Jahrhundert' haben wir das Volk betrogen, kein Schwindel war uns je zu groß und stark, wir haben geschoben nur, gelogen und betrogen, sei's mit der Krone oder mit der Mark (...)."[11]

Gisela Probst-Effah hat in ihrer Untersuchung nachgewiesen, dass Gefangene, die beim Singen "mangelnde 'Inbrunst' erkennen ließ[en], (...) mit Prügeln und Fußtritten traktiert wurden"[12]. Häufig ordnete das Lagerpersonal auch bei der Abführung zu den Gaskammern instrumentale Musik und Gesänge an. Hinrichtungen und Folterungen wurden zum Teil mit Musik begleitet, um diesen Handlungen einen "zeremoniellen Charakter" zu verleihen.

Es gibt Berichte, die darauf hindeuten, dass Musik bei den Arbeitskolonnen auch als Mittel zur Selektion eingesetzt wurde. So mussten die Häftlinge auf dem Weg zur Arbeit, während der Arbeit und beim Rückweg ins Lager singen. Dabei richtete sich der Fundus der zu singenden Lieder meist nach dem Repertoire der Arbeitsgruppenführer, so dass Volkslieder, wie "Das Wandern ist des Müllers Lust" und "Steht ein Dörflein mitten im Wald" weit verbreitet waren.[13] Zeigten sich die durch die körperliche Arbeit und Quälereien entkräfteten Häftlinge unwillig, weiter zum Gesang zu marschieren oder Lieder zu singen, wurde dies als Zeichen körperlicher Schwäche interpretiert und hatte eine Aussonderung und teilweise sogar den Tod zur Folge.[14]

Musik wurde ebenso als administrative Hilfe zur Koordination von Bewegungsabläufen eingesetzt. Wenn Kolonnen zum Arbeitsdienst aus dem Lager geführt wurden, musste rhythmisch musiziert werden: "Mit der Musik sollten überdies die Fünferreihen der Häftlinge, wenn sie das Lagertor passierten, ausgerichtet und in Gleichschritt gebracht werden, damit sie von der SS ohne viel Mühe während des Marsches genau gezählt werden konnten."[15]

Es gibt auch Hinweise dafür, dass die SS anfangs versucht hat, Gesang als Mittel zur Arbeitssteigerung einzusetzen. Jedoch behielt die SS diese Praxis nicht lange bei, weil jene Form musikalischer Funktionalisierung unter den menschenfeindlichen Umständen der Lager zum Scheitern verurteilt war.[16] Aus den Konzentrationslagern Buchenwald-Neuengamme und Auschwitz wird berichtet, dass bei Erschießungen Musik angeordnet wurde, um die Lautstärke von Schreien und Schüssen bei Hinrichtungen zu übertönen.[17]

Musik diente den nationalsozialistischen Unterdrückern als Möglichkeit der Unterhaltung und Regeneration vom "Lager-Alltag". Das Wachpersonal sah in Musikvorträgen auch die Möglichkeit, neue Kraft für die nächsten schrecklichen Taten zu schöpfen. Dabei ließen sich die zum Teil musikbegeisterten Despoten musikalische Werke von den Häftlingen vortragen. Es ist kaum vorstellbar, welche Belastung dies für die Aufführenden bedeutete, sollten sie sich doch für die Erholung ihrer eigenen Peiniger einsetzen und damit der weiteren Unterdrückung Vorschub leisten.[18]


Fußnoten

5.
E. John (Anm. 2), S. 14; vgl. auch M. Kuna (Anm. 2), S. 52f.
6.
Vgl. E. John, ebd., S. 30f.
7.
Vgl. G. Knapp (Anm. 2), S. 121.
8.
O. A., Das Lagerliederbuch. Lieder gesungen, gesammelt und geschrieben im Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin 1942, Dortmund 1980, S. 2, zit. in: E. John (Anm. 2), S. 7.
9.
Eugen Kogon, Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager, München 1988, S. 105.
10.
Vgl. K. Klein (Anm. 1), S. 77.
11.
Vgl. E. Kogon (Anm. 9), S. 308.
12.
Gisela Probst-Effah, Das Lied im NS-Widerstand. Ein Beitrag zur Rolle der Musik in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern, in: Christa Nauck-Börner, Musikpädagogische Forschung. Musikpädagogik zwischen Traditionen und Medienzukunft, 9 (1989), Laaber 1989, S. 81.
13.
Vgl. E. John (Anm. 2), S. 7 f.
14.
Vgl. G. Knapp (Anm. 2), S. 111f.
15.
Ota Kraus/Erich Kulka (Hrsg.), Die Todesfabrik Auschwitz, Berlin 1991, S. 56.
16.
Vgl. M. Kuna (Anm. 2), S. 86.
17.
Vgl. E. Kogon (Anm. 9), S. 257, zit. in: E. John (Anm. 2), S. 11; M. Kuna (Anm. 2), S. 34.
18.
Vgl. G. Knapp (Anm. 2), S. 130ff.