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7.3.2005 | Von:
Helmke Jan Keden

Musik in nationalsozialistischen Konzentrationslagern

Theresienstadt

Aus einer Vielzahl von Lagern sind Berichte über die Existenz von instrumentalen und vokalen Ensembles überliefert,[38] wobei sicherlich die meisten Quellen über musikalische Aktivitäten aus dem "Durchgangslager" Theresienstadt stammen. Zum einen ist diese Tatsache sicherlich auf die große Zahl von etablierten Musikern bzw. Musikschaffenden zurückzuführen, die in diesem Lager zeitweise interniert wurden, zum anderen liegt dies auch in der speziellen repräsentativen Bedeutung begründet, die diesem Lager von Seiten der Nationalsozialisten eingeräumt wurde.

Exemplarisch für die unvorstellbaren Umstände, unter denen durch die Gründung von Orchestern, kammermusikalischen Gruppen und Vokalensembles eine "Kultur" in diesem Lager entstand, seien hier einige Ausführungen Joza Karas' über die Tätigkeiten des Dirigenten, Komponisten und Pianisten Rafael Schächter erwähnt. Dieser baute nach seiner Inhaftierung (30. November 1941) zuerst illegal, dann im Rahmen der von den Unterdrückern angeordneten so genannten "Freizeitgestaltung" mehrere musikalische Ensembles auf.[39]

So konnte er schon unmittelbar nach seiner Ankunft in Theresienstadt einen Chor mit etwa 20 männlichen Laiensängern etablieren, der sich bald enormer Beliebtheit erfreute. Ebenso gründete Schächter einen Frauenchor, den er später mit dem ersten Chor zu einem 50 bis 60 Personen starken gemischten Vokalensemble zusammenfasste. Die Proben wurden zuerst in einem kleinen Raum in einer Baracke der Sudeten abgehalten. Später zog man dann in den Keller des Kinderheims um.

Rafael Schächter begann mit der Einstudierung einfacher Volkslieder, wobei er in dem ebenfalls internierten tschechischen Komponisten und Pianisten Gideon Klein einen engagierten Korrepetitor, Mitarbeiter und späteren engen Freund fand. Dieser arrangierte ab April 1942 u.a. tschechische, schlesische, hebräische und russische Volkslieder,[40] sowohl für den Männerchor als auch für das Frauenensemble.

Neben der Beschäftigung mit Werken von Gideon Klein begann Rafael Schächter ohne Hilfsmittel mit den Proben für einige Chorpartien aus B. Smetanas Oper Die verkaufte Braut. Als mit zunehmenden Inhaftierungswellen immer mehr Häftlinge nach Theresienstadt verschleppt wurden, konnten passende Solisten gefunden werden, so dass unter widrigsten Umständen die Proben zur konzertanten Aufführung der Oper aufgenommen wurden.[41] Am 28. November 1942 fand die Premiere der Oper statt. Rafael Schächter dirigierte den Chor und begleitete das Ensemble auf einem alten Klavier. Die Aufführung wurde vom musikalisch gebildeten Publikum als "musikalische Großtat"[42] gefeiert und war so erfolgreich, dass sie 35 Mal wiederholt wurde.[43]

Neben dem Opernensemble von Rafael Schächter wird auch noch von der Gründung eines weiteren Ensembles aus deutschen, österreichischen, böhmischen und mährischen Chören berichtet, das zusammengefasst unter der Leitung des Wiener Dirigenten und Komponisten Franz Eugen Klein ebenfalls weitere Opern (u.a. B. Smetanas Kuß, W. A. Mozarts Zauberflöte und Die Hochzeit des Figaro) realisierte.[44] Auch die Aufführung großer Oratorien, wie J. Haydns Schöpfung und F. Mendelssohns Elias, beide unter der Leitung von Karl Fischer, sind überliefert.

Die SS-Kommandeure zeigten bei der Einübung der Werke ein sehr ambivalentes Verhalten: Stand in nächster Zeit keine Inspektion oder Führung durch das Lager an, wurde das kulturelle Leben stark eingeschränkt, teilweise sogar verboten. Kurz vor Besuchen, "da sie eine Kommission erwarteten, (...) ordneten sie an, daß die Opern in tadelloser Ausstattung mit Kostümen und Perücken aufgeführt werden sollten, kurz, daß man wirkliches Theater spielen sollte"[45].

Diese Willkür sei abschließend an einem letzten Beispiel verdeutlicht, welches die unsäglichen Schwierigkeiten und die unfassbare Realität im Lageralltag exemplarisch verdeutlichen soll: "Nachdem der Dirigent Rafael Schächter im September des Jahres 1943 neben den vier Solisten glücklich einen Chor von etwa einhundertfünfzig Sängern versammelt hatte und die Premiere erfolgreich über die Bühne gegangen war, wurde dem Unternehmen ein jähes Ende gesetzt: Eine Wiederholung der Aufführung konnte nicht stattfinden, weil ein Osttransport den gesamten Chor ausradierte. Schächter verzweifelte nicht. Er stellte einen neuen Chor von gleicher Größe zusammen und studierte das Werk neu ein. Als sei dies nicht genug, ereilte das Vorhaben noch einmal ein vernichtender Rückschlag in Gestalt eines weiteren Osttransports, der den Chor zerstörte. Wieder begann Schächter von vorn, stellte zum dritten Mal einen Chor zusammen; diesmal vermochte er allerdings nur sechzig Sänger zu versammeln, und mit dieser Gruppe gab er dann fünfzehn Aufführungen. Die Opfer feierten ihre eigene Totenmesse."[46]


Fußnoten

38.
Vgl. M. Kuna (Anm. 2), S. 116 u. 136 - 140; Alfons Waiser, Die Musik stärkte uns, in: Internationales Buchenwald-Komitee, Buchenwald. Mahnung und Verpflichtung. Dokumente und Berichte, Frankfurt/M. 1960, S. 453; E. John (Anm. 2), S. 32 f; I. Lammel (Anm. 25), S. 210; Helmke Jan Keden, "Kommst du auch zum Kaffeeklatsch?". Ein Beitrag zur 'Arbeitersängerbewegung' im Nationalsozialismus, in: International Journal of Musicology, 8 (1999), S. 307f.
39.
Vgl. Joza Karas, Music in Terezin. 1941 - 1945, New York 1990, S. 23 - 25.
40.
Vgl. Hans-Günther Klein, Gideon Klein. Materialien, Hamburg 1995, S. 111 - 129.
41.
Vgl. Heda Grabova, Opera v. Terezine, in: Staatliches Jüdisches Museum Prag 1945, TheresienstädterSammlung, Inv.-Nr. 243, zit. in: H. G. Adler (Anm. 21), S. 593.
42.
Gideon Klein/Hans Krasa/Pavel Libensky/Josef Stross, Kurzgefaßter Abriß der Geschichte der Musik Theresienstadts, in: U. Migdal (Anm. 1), S. 162.
43.
Dies., zit. in: M. Kuna (Anm. 2), S. 174.
44.
Lubomir Peduzzi, Pavel Haas. Leben und Werk des Komponisten, Hamburg 1996, S. 147.
45.
H. Grabovà (Anm. 41), S. 593.
46.
U. Migdal (Anm. 1), S. 33.