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16.2.2005 | Von:
Jörg Tremmel

Generationen-Gerechtigkeit in der Verfassung

Jörg Tremmel analysiert in seinem Beitrag die strukturelle Gegenwartspräferenz von Demokratien und schlägt konstitutionelle Änderungen zur Abhilfe vor. Entsprechende Ansätze anderer Staaten werden überblicksartig vorgestellt und bewertet.

Einleitung

Der Begriff "Generationengerechtigkeit" ist dabei, die politische Agenda zu erobern. So veröffentlichte etwa die Deutsche Bundesregierung im April 2002 eine "Nationale Nachhaltigkeitsstrategie", in der "Generationengerechtigkeit" als eine Koordinate von "Nachhaltigkeit" genannt wird.[1] Im Grundsatzprogramm der Grünen, verabschiedet am 17. März 2002 in Berlin, ist "Generationengerechtigkeit" ein eigener Unterabschnitt gewidmet,[2] und auch in der Diskussion um einneues Grundsatzprogramm der SPD spielt der Begriff eine zentrale Rolle. In den Wiesbadener Grundsätzen der FDP wird er bereits häufiger verwandt als "soziale Gerechtigkeit".

Parallel dazu stieg die Verwendung des Begriffs "Generationengerechtigkeit" in Qualitätszeitungen seit 2001 stark an (siehe Tabelle1 auf S. 20 der PDF-Version). So nannten z. B. die Süddeutsche Zeitung, die FAZ, der Spiegel und die taz den Begriff im Jahr 2003 insgesamt 129 Mal in ihren Artikeln (2002: 74 Nennungen; 2001: 19 Nennungen).[3] Trendforscher prognostizieren, dass "Generationengerechtigkeit" in den nächsten Jahren das Schlüsselwort unserer Gesellschaft sein wird.[4] 85 Prozent der Deutschen können mit dem Begriff bereits etwas anfangen, dagegen sind es bei "Nachhaltigkeit" nur 28 Prozent.[5]

Ungeachtet dieses kometenhaften Aufstiegs des Konzeptes der "Generationengerechtigkeit" besitzt der Konflikt Alt-Jung bzw. Heutig-Zukünftig in der soziologischen, philosophischen oder ökonomischen Debatte immer noch eine weit geringere Bedeutung als z.B. die Konfliktlinie Arm-Reich. Gerade in den Sozialwissenschaften hat "Generation" als soziologische Kategorie (abgesehen von seiner familialen Bedeutung) bisher weit weniger Aufmerksamkeit erfahren als die Kategorien "Klasse" (bzw. deren Abwandlungen "Schicht" oder "Milieu") und "Geschlecht". Immerhin nahm in den letzten Jahren die Zahl der Publikationen zu Fragen der Generationengerechtigkeit und Zukunftsethik (im weitesten Sinne) deutlich zu. Mit der Generationengerechtigkeit! hat sich gar schon eine eigene interdisziplinäre Fachzeitschrift etabliert.

Offen bleibt, warum sich dieses scheinbar so überzeugende Konzept so wenig im tatsächlichen Handeln von Politikern wieder findet, welche strukturellen Barrieren die Umsetzung der Generationengerechtigkeit erschweren und wie diese beseitigt werden können. Hiermit setzt sich der Beitrag auseinander.


Fußnoten

1.
Bundesregierung Deutschland, Unsere Strategie für eine nachhaltige Entwicklung, Berlin 2002.
2.
Vgl. Bündnis 90/Die Grünen, Die Zukunft ist grün - Grundsatzprogramm von Bündnis 90/Die Grünen, Berlin 2002, S. 74ff.
3.
Vgl. Frank Nullmeier, Die politische Karriere des Begriffs "Generationengerechtigkeit" und seine wissenschaftliche Bedeutung, in: Generationengerechtigkeit!, 4 (2004) 3, S. 9.
4.
Vgl. Horst Opaschowski, Bindung auf Dauer ist nicht mehr im Trend, in: General-Anzeiger vom 4.1. 2000, S. 6.
5.
Vgl. Marco Bülow, Generation Zukunft. Plädoyer für ein verantwortungsbewusstes Handeln, Berlin 2004, S. 81.