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17.1.2005 | Von:
Frank Bertsch
Michael-Burkhard Piorkowsky

Impulse für die neue Politik der Sozialen Stadt

Vorschläge für konkrete Maßnahmen

Der Forschungsverbund Armut und Armutsprävention hat konkrete Vorschläge für Maßnahmen einer familien- und generationenbezogenen Weiterentwicklung des Programms Soziale Stadt mit dem Schwerpunkt "Stärkung der Lebensführung von Familien" vorgestellt,[21] von denen drei im Folgenden skizziert werden: das Haushalts-Organisations-Training, die Elternschulen für den Alltag und die Präventive Einkommens- und Budgetberatung.[22]

Familienhaushalte mit Defiziten in der Haushaltsführung (Multiproblemfamilien) werden im Zuge von Familienpflegeeinsätzen erreicht. Die Vermittlung von Kompetenzen erfolgt in Form der sequenziellen Intervention durch die Familienpflegerin über einen Zeitraum von bis zu sechs Monaten. Schwerpunkte der "zugehenden Unterstützung" sind Fragen zu folgenden Bereichen: Planung und Organisation des Haushalts, Umgang mit Geld, Risiken der Überschuldung, Einkaufsverhalten, Ernährung, Sauberkeit und Ordnung der Wohnung, Kleider- und Wäschepflege, Versorgung von Kindern und Säuglingen, Gesundheit und Hygiene von Erwachsenen. Das Konzept wurde unter Federführung des Deutschen Caritasverbands im Rahmen des ersten Armutspräventionsprogramms des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend von November 1999 bis Oktober 2001 entwickelt und in acht Familienpflegeeinsatzstellen erprobt. Es hat sich sehr gut bewährt. Seine flächendeckende Verbreitung setzt zum einen entsprechende Schulung der Einsatzkräfte voraus; zum anderen gibt es ein weiteres Kostenproblem in der Umsetzung, weil das Haushalts-Organisations-Training aufwendiger ist als herkömmliche Familienpflegeeinsätze.

Das Konzept der Elternschulen für den Alltag ist als ein Ergebnis des ersten Armutspräventionsprogramms des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend entwickelt worden. Gegenwärtig läuft ein Pilotprojekt in der Frauenklinik des Klinikums Krefeld. Ergänzend zu den bisherigen Kursen für die Geburtsvorbereitung wird dort von Kooperationspartnern ein Kursprogramm mit Themenabenden zur Stärkung der Haushalts- und Familienkompetenzen entwickelt und erstmalig angeboten. Behandelt werden folgende Themen: Partnerschaft, Arbeitsteilung und Zeitmanagement, Erziehung in der Familie, Finanzen planen und kontrollieren, Risikomanagement für die Familie, Verbraucherrechte kennen und wahrnehmen, Ernährung und Gesundheit, Umweltbewusst handeln, Wege durch den Behördendschungel. Für die Durchführung der Themenabende wurden überwiegend Institutionen vor Ort gewonnen, wie die Diakonie Krefeld & Viersen, der Fachbereich Soziales der Stadt Krefeld und die örtliche Verbraucherberatung, die diese Aufgaben im Rahmen ihrer originären Zielgruppenarbeit - kostenneutral - übernehmen. Das Konzept lässt sich prinzipiell bundesweit und entlang der gesamten Betreuungs- und Bildungskette von der Geburtsklinik über die Kinderkrippe, den Kindergarten und Kinderhort bis zur Grundschule etablieren, um Eltern als Zielgruppe außerhalb der traditionellen Einrichtungen der Erwachsenenbildung "abzuholen". Für die Übertragung auf andere Standorte muss die jeweilige Trägerschaft und Organisation vor Ort - wie im Pilotprojekt die Krefelder Frauenklinik - gewonnen, etabliert und einführend beraten werden.

Ein Konzept der Präventiven Einkommens- und Budgetberatung wurde im Rahmen eines vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend initiierten und geförderten Bundes- und Landesmodellprojekts in Rostock in den Jahren 1994 bis 1998 entwickelt. Es ergänzt die Arbeit der herkömmlichen Schuldnerberatung für überschuldete Haushalte durch eine haushaltswirtschaftliche Beratung im Vorfeld von Finanzkrisen. Das Beratungsangebot wendet sich an Jugendliche und Erwachsene und zielt auf die Stärkung der Bewältigungskompetenzen. Es erstreckt sich auf alle Fragen der Einkommensverwendung und Einkommenserzielung einschließlich der Beratung zu Fragen der Transfereinkommen und der Existenzgründung. In Rostock kann das präventive Beratungsangebot wegen der kommunalen Verpflichtung in der Schuldnerberatung nur eingeschränkt weitergeführt werden. Herkömmliche Schuldnerberatungsstellen sind grundsätzlich an einer Übernahme des Konzepts und der damit verbundenen Ausweitung ihres Aufgabenspektrums interessiert. Aber nicht einmal die Schuldnerberatung ist überall eine kommunale Pflichtaufgabe, wie in Rostock; und präventive Arbeit ist zunächst einmal kostenträchtig, während die (über)kompensierenden Wirkungen von Prävention teils zukunftsfern anfallen und insgesamt schwer zu messen sind. Auch die herkömmliche Schuldnerberatung bedarf dringend der Unterstützung und Ausweitung.


Fußnoten

21.
Vgl. dgh (Anm. 18), S. 6.
22.
Vgl. ausführlich dazu: Deutsche Gesellschaft für Hauswirtschaft (Hrsg.), Konzepte und Modelle zur Armutsprävention, Bd. 1, Aachen-Bonn 2002, und Bd. 5, Aachen-Bonn 2004.