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28.9.2006 | Von:
Ferdinand Sutterlüty

Wer ist was in der deutsch-türkischen Nachbarschaft?

Laster der türkischen Ambition

Deutschen Bewohnerinnen und Bewohnern von Barren-Ost und Iderstadt-Süd sticht immer wieder die arbeitsame und verzichtbereite Lebensführung von türkischen Gewerbetreibenden ins Auge. Der türkische Familienbetrieb und Gemüseladen, in dem Jung und Alt von früh bis spät hart arbeitet, wird oft als das paradigmatische Beispiel für dieses erste Klassifikationsmuster genannt. Das Handeln in solchen Betrieben sei von einer familiären Disziplin und Sparsamkeit bestimmt, stellen deutsche Stadtteilbewohner verschiedentlich fest, und attestieren ihren türkischen Nachbarn damit eine "protestantische Ethik im türkischen Gewand".[8] Diese Ethik begreifen die deutschen Betrachter als einen in der eigenen Geschichte verblassten Traditionsbestand, von dem nun besonders türkische Geschäftsleute geprägt seien und der ihnen einen unverdienten ökonomischen Vorteil verschaffe. In den einschlägigen Aussagen erscheint der unternehmerisch agierende Teil der türkischen Bevölkerung zugleich als rückständig und gefährliche Konkurrenz. Merkmale wie Arbeitsethos, Sparsamkeit, Fähigkeit zum Bedürfnisaufschub oder Geschäftstüchtigkeit werden dabei nicht als prinzipiell negativ beurteilt. Die negative Wertung bezieht sich auf ein Übermaß an Fleiß und asketischer Disziplin.

Ein zweites, ebenfalls in beiden Untersuchungsgebieten anzutreffendes Klassifikationsmuster fußt auf einer Wahrnehmung, die bei erfolgreichen türkischen Migranten expansive Machtansprüche am Werk sieht. "Die wollen alles von uns übernehmen", heißt es dann etwa aus den Reihen der deutschen Bevölkerung. Vorwürfe dieser Art richten sich gegen Türken, die zuvor von Deutschen betriebene Geschäftslokale bewirtschaften oder ehemals in deutschem Besitz befindliche Immobilien erworben haben; sie können sich aber auch gegen den türkischen Fußballclub richten, der einen maroden deutschen Traditionsverein beerbt, oder die Moscheegemeinde, die mit einem Minarettbau eine selbstbewusste Präsenz im Stadtteil zeigt und eine kommunale Anerkennung ihrer Jugendarbeit einfordert. Hier kritisieren die deutschen Nachbarn nicht nur die "Übernahme" dessen, was sie als ihr angestammtes Terrain betrachten, sondern sie beschuldigen die erfolgreichen türkischen Geschäftsinhaber und aktiven Migrantenvereine zugleich, von einem raumgreifenden Expansionsdrang geleitet zu sein. Dieses Klassifikationsmuster schießt in seinem konkreten Gebrauch jedoch oft weit über das Ziel - seine primären Adressaten - hinaus. Es speist sich aus Ängsten der deutschen Bevölkerung, von den türkischen Migranten insgesamt überflügelt und deklassiert zu werden. Der "Übernahmewille der Türken" wird zwar negativ beurteilt, aber es scheint dabei nicht selten auch Bewunderung für ihre ökonomische Courage durch. Ein Zuviel davon ist es wiederum, das der verfemenden Nachrede anheim fällt und eine "Tugend der Eigengruppe" in ein "Laster der Fremdgruppe"[9] konvertiert.

Das dritte Klassifikationsmuster schreibt bestimmten türkischen Personen und Gruppierungen ein "rationales Schmarotzertum"[10] zu. Diese Zuschreibung tritt in Barren-Ost vor allem im Kontext der politischen Aktivitäten des sehr engagierten, türkisch dominierten Barrener Ausländerbeirats und der lokalen Moscheevereine auf, während sie in Iderstadt-Süd in Ermangelung vergleichbarer politischer Partizipationsversuche türkischer Gruppen kaum vorkommt. In Barren-Ost empörte sich die deutsche Bevölkerung etwa allenthalben über den Anspruch des Ausländerbeirats, in das örtliche Leitungsgremium des Stadtteilerneuerungsprogramms Soziale Stadt NRW aufgenommen, und über Vorschläge muslimischer Vereine, mit bestimmten Projekten an dessen finanziellen Segnungen beteiligt zu werden. Die Kritik an diesen in der lokalen Öffentlichkeit heftig diskutierten Bemühungen zielte darauf, dass die türkische Bevölkerung bisher keinerlei Interesse am Stadtteil gezeigt hätte und nun, da "etwas zu holen" sei, plötzlich "unverschämte Forderungen" stelle. Auch vom Ausländerbeirat initiierte und von türkischen Moscheevereinen in Barren-Ost öffentlichkeitswirksam durchgeführte Blutspende- oder Putzaktionen, die den Beitrag der türkischen Bevölkerung für die Allgemeinheit unter Beweis stellen sollten und als Integrationsstrategien zu verstehen sind, deuteten ihre deutschen Nachbarn bis hin zu den lokalen Entscheidungsträgern als bloß strategische Maßnahmen von "Schmarotzern", die es nicht verdient hätten, als vollwertige Mitglieder der lokalen Gesellschaft behandelt zu werden. Wer immer andere, wie es hier der Fall ist, als "Schmarotzer" oder "Parasiten" klassifiziert, verweist sie symbolisch auf einen Platz außerhalb der ehrenwerten Gesellschaft.

Das vierte Klassifikationsmuster versetzt erfolgreiche Türken in den Stand der Strafwürdigkeit. In beiden Untersuchungsgebieten werden türkischen Unternehmern und Immobilienbesitzern verschiedentlich "kriminelle Machenschaften" unterstellt. Sie seien durch illegale Geschäfte zu Geld gekommen, lautet ein in der deutschen Bevölkerung verbreitetes Pauschalurteil, das türkische Geschäftsleute inkriminiert und damit symbolisch als illegitime Mitstreiter aus dem ökonomischen Wettbewerb ausschließt. In Iderstadt-Süd ist die Kriminalisierung türkischer Geschäfte etwa im Umfeld einer Bürgerinitiative weit verbreitet, die Lärm, Schmutz und Kriminalität manchmal suggestiv, manchmal ganz offen mit der türkischen Bevölkerung in Verbindung bringt. Aktivisten der Bürgerinitiative bezeichnen türkische Geschäfte als "Treffpunkte für Hehler und Diebe" und verdächtigen Familienbetriebe, auf illegale Weise Mittel aus Töpfen der öffentlichen Wirtschaftsförderung einzustreichen, an die deutsche Gewerbetreibende niemals herankämen. Auch außerhalb der Bürgerinitiative ist in Iderstadt-Süd, wie auch in Barren-Ost, wiederholt von "halbseidenen" türkischen Geschäften, "Geldwäsche" und angeblichen "Drogengeldern" für Moscheebauten die Rede.

Fußnoten

8.
Vgl. Monika Wohlrab-Sahr, "Protestantische Ethik" im islamischen Gewand. Habitusreproduktion und religiöser Wandel, in: Ralf Bohnsack/Winfried Marotzki (Hrsg.), Biographieforschung und Kulturanalyse, Opladen 1998, S. 183-201.
9.
Vgl. Robert K. Merton, The Self-Fulfilling Prophecy, in: ders., Social Theory and Social Structure. Enlarged Edition, New York 1968, S. 475-490, hier 480ff.
10.
Vgl. Hans Georg Zilian/Johannes Moser, Der rationale Schmarotzer, in: Prokla, 19 (1989) 77, S. 33-54.