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29.6.2006 | Von:
Lucian Boia

Historische Wurzeln der politischen Kultur Rumäniens

Nationale Mythologie

Der Nationalismus ist in der rumänischen Kultur verwurzelt. Die rumänischen Fürstentümer Walachei und Moldau traten erst Ende des 14. Jahrhunderts auf die Bühne der Geschichte. Die "bescheidene" Vergangenheit als "Untergebene" der Großmächte hat Komplexe und Frustrationen genährt und Spuren im öffentlichen Bewusstsein hinterlassen, die durch eine glorreiche Geschichtsmythologie kompensiert werden. So wurden die edle romanische Herkunft betont und die Daker auf eine höhere Zivilisationsstufe gehoben. Die Ursprünge, ob romanisch, dakisch oder dako-romanisch, sind in der rumänischen Kultur gegenwärtig. Die Rumänen stellen sich gern als Verteidiger Europas und des Christentums gegen das Osmanische Reich dar, indem sie an ihre Kämpfe gegen die Türken im Mittelalter erinnern, ein "Opfer", das ihrer Meinung nach am Anfang des historischen Entwicklungsrückstandes steht.[4]

Rumänien ist aus dem Willen der Rumänen heraus entstanden, in einem Einheitsstaat zu leben. Dadurch erklärt sich die zentrale Rolle einer nationalen Ideologie im Bewusstsein und deren Fortbestehen in der heutigen Zeit. Die befürchteten oder tatsächlichen, dem Staat drohenden Gefahren (etwa die erzwungenen Gebietsabtretungen 1940) haben Argwohn gegen die Nachbarn (Russen, Ungarn und Bulgaren) und auch gegen Minderheiten (die Ungarn im Besonderen) gesät. Anfangs trug das von der Sowjetunion installierte kommunistische Regime vehement anti-nationale Züge; Ziel war es, den Rumänen "internationalistische" Anschauungen einzuflößen, die dazu dienen sollten, die Übernahme der russischen Kultur und der sowjetischen Interessen zu fördern. Dieser Versuch misslang; er rief eine nationale Reaktion hervor, die ihren Höhepunkt von 1965 bis 1989 unter dem langen Regime Nicolae Ceauçescus fand. Der Diktator setzte auf nationale Rhetorik (ruhmreiche Geschichte; Einheit des rumänischen Volkes; Misstrauen gegenüber dem Ausland), um seine Macht abzusichern. Die Rumänen waren geneigt, die nationale Ideologie wieder aufleben zu lassen, so dass viele in die Falle des übertriebenen Nationalismus tappten, nachdem in den fünfziger Jahren die nationale "Seele" fast verloren gegangen war. Auch nach dem Fall des Kommunismus bestand das Misstrauen gegen das Ausland, insbesondere den Westen und westliches Kapital, fort und wurde in der Amtszeit Ion Iliescus (1990 bis 1996) weiter genährt. "Wir verkaufen unser Land nicht", lautete ein Slogan Anfang 1990. Die Rumänen haben heute allen Grund, diese Haltung zu bereuen, denn westliche Kapitalanleger haben dieses als wenig stabil geltende, sich in Richtung ungarischem, tschechischem oder polnischem Markt orientierende Land jahrelang gemieden.

Das Fortbestehen des nationalen Geschichtsdiskurses wurde auch durch einen 1999 entfesselten Lehrbuchskandal deutlich. Die neue Generation der für Gymnasien bestimmten Geschichtslehrbücher, die eine weniger heroische Sicht der rumänischen Vergangenheit vortrug, rief bei großen Teilen der Öffentlichkeit Empörung hervor, da die Menschen überzeugt waren, dass diese "neue Geschichte" die "wahre" verfremdete (also die im Wesentlichen nationalistische Geschichte, die lange Zeit gelehrt wurde).

Fußnoten

4.
Vgl. eine Analyse der rumänischen Geschichtsmythen in: Lucian Boia, Geschichte und Mythos. Über die Gegenwart des Vergangenen in der rumänischen Gesellschaft, Köln-Weimar-Wien 2003.