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29.6.2006 | Von:
Lucian Boia

Historische Wurzeln der politischen Kultur Rumäniens

Europäische Vorbilder und rumänische Eigenheiten

Im Laufe ihrer Geschichte haben die Rumänen verschiedene kulturelle und politische Modelle übernommen. Im Mittelalter war dies das slawisch-byzantinische Modell. Im 18. Jahrhundert dominierte der griechische und türkische Einfluss. Der Prozess der Verwestlichung setzte relativ spät, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein, vor allem um 1830. Im Bereich der Eliten konnten sich die Veränderungen schnell durchsetzen. Um 1800 kleideten sich die Rumänen der gehobeneren Klassen nach türkischem Vorbild, sprachen griechisch und schrieben in kyrillischer Schrift. Um 1850 kleideten sich ihre Enkel und Urenkel nach der Pariser Mode, sprachen französisch und hatten das lateinische Alphabet angenommen. Frankreich sollte für mehrere Generationen die größte Liebe der Rumänen bleiben, deren Elite frankophon und in den meisten Fällen sehr frankophil wurde. Der deutsche Einfluss konnte vor dem Ersten Weltkrieg mit dem Frankreichs konkurrieren. Den Rumänen gelang eine Synthese dieser beiden recht unterschiedlichen Modelle. Aber all dies betraf vor allem die oberen Gesellschaftsschichten. In den niederen sozialen Schichten drang die Verwestlichung in viel geringerem Maße vor. Rumänien blieb in weiten Teilen ein Agrarland (1930 lebten 80 % der Bevölkerung auf dem Land) und war durch erschreckende soziale und kulturelle Unterschiede gekennzeichnet (1930 waren noch 43 % der Bevölkerung Analphabeten).

Nach dem Zweiten Weltkrieg sorgte das Modell des sowjetischen Kommunismus für einen radikalen Richtungswechsel. Die alten Eliten wurden fast vollständig beseitigt (die politische und ökonomische vollständig, die intellektuelle teilweise) und durch Bauern und Arbeiter ersetzt. Die verstärkte Industrialisierung machte eine erhebliche Anzahl Bauern zu Industriearbeitern. Daraus entstand ein fast vollständiger sozialer Umbruch. Unter diesen Bedingungen geriet ein Großteil der kulturellen und politischen Traditionen in Vergessenheit. Von der bürgerlichen Gesellschaft blieb nicht viel übrig, im Gegensatz zu den kommunistischen Ländern Zentraleuropas, wo sie in den siebziger und achtziger Jahren wieder an Einfluss gewann (bestärkt durch die katholischen und protestantischen Kirchen, deren Haltung von der orthodoxen Kirche nicht geteilt wurde). Das weitgehende Fehlen einer handlungsfähigen Opposition und das durch die gescheiterte Politik der Industrialisierung hervorgerufene wirtschaftliche Elend erklären die blutige Revolution von 1989 und die "Machtübernahme" durch einstige kommunistischen Führer. Die in dieser Hinsicht exemplarische Figur ist der frühere Präsident Ion Iliescu, ehemaliger Minister des Ceausescu-Regimes und Mitglied des Führungskaders der kommunistischen Partei.

Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus wandten sich die Rumänen erneut dem Westen zu. Doch dieser Prozess kam nur langsam in Gang. Ein Großteil der Bevölkerung hatte sich an den kommunistischen Lebensentwurf gewöhnt: relative soziale Gleichstellung, Arbeitsplatzgarantie und ein mittelmäßiges, aber sicheres Einkommen. Die ersten freien Wahlen im Mai 1990, bei denen Iliescu, ein Verfechter der langsamen (und unvollendeten) Revolution, 85 Prozent der Stimmen erhielt, spiegelten diese Einstellungen wider (die sich allmählich verändern).[5]

In der heutigen politischen Kultur Rumäniens ist eine Tendenz zum Autoritarismus erkennbar, der durch historische Entwicklungen erklärbar ist: eine lange Tradition der Machtunterwerfung in einer ländlichen, von patriarchalischen Werten geprägten Gesellschaft; eine unsichere Vergangenheit ohne Beständigkeit, die in jedem Moment nach dem schützenden "Retter" zu verlangen schien; unvollendete Demokratisierung in moderner Zeit; Philosophie und Praxis eines totalitären Kommunismus. Das historische Gedächtnis der Rumänen ist personenorientiert, an erster Stelle stehen die mittelalterlichen Prinzen, die für die Unabhängigkeit und Würde der rumänischen Gebiete kämpften. So konnte sich der Kommunismus in größerem Maße als in anderen Ländern im sowjetischen Machtbereich in Richtung eines Personenkultes entwickeln, wie er von Gheorghe Gheorghiu-Dej (bis 1965) und mehr noch von Ceausescu praktiziert wurde. Letzterer institutionalisierte einen Familienkommunismus eher nordkoreanischer als europäischer Prägung in der Absicht, mit Ehefrau und Sohn als Nachfolger quasi eine Dynastie zu begründen.

Nach 1989 hieß der Retter für die Mehrheit der Rumänen Ion Iliescu. Für diejenigen, die beabsichtigten, sich vom Kommunismus zu lösen, war es Emil Constantinescu, der 1996 die Wahlen gewann. Und schließlich, 2004, hieß der Retter Traian Basescu. Das heutige politische System ist, dem französischen vergleichbar, semi-präsidentiell, wobei der Präsident der Republik mit weniger Machtbefugnissen ausgestattet ist. Den Rumänen dagegen scheinen Beschränkungen der präsidentiellen Macht unbekannt. Sie erwarten, dass der Präsident sich über seine verfassungsgemäßen Zuständigkeitsbereiche hinaus im politischen Prozess engagiert. Präsident Basescu hatte vor der Wahl verkündet, dass er beabsichtige, dieses Spiel mitzuspielen; er hält Wort, indem er ständig in die Tagespolitik eingreift (was zu einem gespannten Verhältnis zum Premierminister führte). Die Vorstellung, dieser "zweiköpfigen" Regierung zu entsagen, um ein wahrhaft parlamentarisches System anzunehmen, in dem das Amt des Präsidenten auf rein repräsentative Funktionen beschränkt wäre, ist nicht nach dem Geschmack der Mehrheit der Rumänen und hätte schlechte Chancen, verwirklicht zu werden.

Die enge Verbundenheit mit der orthodoxen Kirche ist eine weitere rumänische Besonderheit. Lediglich ein geringer Prozentsatz der Bevölkerung bezeichnet sich als "nicht gläubig". Zudem geht die Kirche aus allen Umfragen als die am meisten respektierte Institution hervor, sehr viel anerkannter als die politischen Institutionen. Die Politiker lieben es, in der Kirche gesehen zu werden, und zögern nicht, religiöse Überzeugungen kundzutun. Dennoch ist man von jeder fundamentalistischen Haltung weit entfernt. Viele Rumänen praktizieren ihren Glauben, aber viele, die sich "gläubig" nennen, sind es vor allem aus Achtung vor der Tradition und der nationalen Identität - zu deren wichtigsten Symbolen die orthodoxe Kirche zählt. Im Unterschied zu den griechischen oder russischen Kirchen pflegt die orthodoxe Kirche Rumäniens herzliche Beziehungen zum Vatikan. 1999 reiste Papst Johannes Paul II. nach Bukarest, wo er triumphal empfangen wurde. Auch im Bereich der Religion bewahrheitet sich die ambivalente Haltung der Rumänen: Sie sind eine Nation, die eifersüchtig, aber keineswegs fundamentalistisch über ihr Erbe wacht und gleichzeitig dem Dialog offen gegenübersteht.

Die Rumänen haben immer wieder die politischen und kulturellen Vorbilder gewechselt, um ihre Traditionen mit mehr oder weniger fremden Ideen und Institutionen zu verbinden, und sind so Meister der Kunst geworden, sich Formen anzueignen, ohne sich mit deren wirklichem Inhalt zu beschäftigen. Titu Maiorescu (1840 - 1917), ein Rumäne mit deutscher Ausbildung und europäischem Geist und eine einflussreiche Persönlichkeit auf kulturellem und politischem Gebiet, prägte den Begriff "Formen ohne Füllung",[6] um diese oberflächliche Verstellungskunst seiner Landsleute anzuklagen. Die Rumänen haben keine Schwierigkeiten, Gesetzgebung und Institutionen nach westlichem Vorbild aufzugreifen. Aber oft genug bleiben diese nur beschränkt funktionstüchtig, was Korruption und administratives Wirrwarr befördert. Die politischen Parteien haben sich formell in die Reihe der großen politischen Familien Europas eingegliedert, aber ihr Verhalten stimmt nicht immer mit den Kürzeln überein. So machte die Sozialdemokratische Partei (gegründet von Ion Iliescu) durch autoritäre Politik und Selbstbereicherung ihrer Funktionäre auf sich aufmerksam. Kürzlich ist die Demokratische Partei (aus der Traian Basescu hervorging) quasi von einem Tag auf den anderen "von links nach rechts" gewechselt, indem sie sich zugunsten einer populären Doktrin von der sozialdemokratischen Denkweise abwendete. Ein halbes Dutzend Parteien nennen sich "christdemokratisch", die meisten ohne eine solche Grundlage. Viele Politiker haben zwei- oder dreimal die politischen Lager gewechselt.

Die Rumänen stehen der europäischen Integration mehrheitlich positiv gegenüber, ebenso wie der Aufnahme in die NATO im März 2004 (im Gegensatz zu anderen Ländern der Region, wo die Meinung verhaltener, ja sogar skeptisch ist). Aber tatsächlich verkennt ein Teil der Rumänen die Bedeutung eines EU-Beitritts: Für sie geht es weniger um eine kulturelle und politische Entscheidung als vielmehr um die Hoffnung, dass der Anschluss an den Westen wie durch ein Wunder alle Probleme Rumäniens lösen würde.

Fußnoten

5.
Vgl. für eine detaillierte Darstellung der politischen Entwicklungen Rumäniens nach dem Zusammenbruch des Kommunismus Tom Gallagher, Theft of a Nation. Romania since communism, London 2004.
6.
Anm. der Übersetzerin: im französischen Original formes sans fonds.