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30.5.2006 | Von:
Sabine Kebir

Brecht und die politischen Systeme

Frühe Politisierung

Brechts Politisierung verstärkte sich, nachdem er am 1. Mai 1927 von der Wohnung des befreundeten Soziologen Fritz Sternberg aus beobachtet hatte, wie die Berliner Polizei in eine verbotene Arbeiterdemonstration schoss und einige Menschen tötete. Der KPD beizutreten kam für ihn nicht in Frage. Aber er sah in ihr die Kraft, welche die Vereinzelung und politische Ohnmacht der Unterschichten beenden könnte. Wenige Wochen nach dem Erfolg mit der Dreigroschenoper bat Brecht den KPD-kritischen, aber der Partei angehörenden Autor Bernhard von Brentano um eine "kleine Sammlung von Literatur (...), aus der man als Intellektueller die Grundzüge der materialistischen Dialektik studieren" könne.[2] Als seinen wichtigsten Lehrer betrachtete er lebenslang den Rechtswissenschaftler und Philosophen Karl Korsch, welcher der KPD-Opposition (KPD-O) angehörte und basisdemokratische Konzepte verfocht.

Bei der Lektüre von Lenin und Marx bemerkte er bei sich selbst Widerstände, fühlte sich aber philosophisch angezogen, weil hier die Gegensätze der Realität zumindest richtig benannt seien. "Mehr, als den Standpunkt einzunehmen, dass hier die fruchtbaren Gegensätze liegen, ist meiner Meinung nach der Kunst dieser (...) Übergangszeit nicht gestattet." Brechts Einstieg in den Marxismus erfolgte nicht auf der Basis der damals zirkulierenden Heilsvisionen, sondern auf hegelianischer Grundlage. Er favorisierte nicht Fortschritt durch Identifikation mit Idealen, sondern durch bewusste Teilnahme am Kräftespiel von Widersprüchen, auch wenn sie sich als unauflösbar erwiesen und Kompromisse erforderten. Deshalb schloss er sich nicht dem Bund proletarischer Schriftsteller an, bemühten sich die Mitglieder dieser Organisation doch darum, "die Ansichten der Proletarier zu treffen". Dagegen sollten seiner Auffassung nach auch sozialistisch orientierte Künstler "unbekümmert (...) machen, was ihnen Spaß macht". Aber nur diejenigen würden "gute Arbeit liefern", die die "Spannungen" der Epoche im Hinterkopf hätten.[3] Der engagierte Künstler war für ihn keineswegs pars pro toto, Teil eines Ganzen, sondern ein eng spezialisierter Intellektueller. Das bedeutete zunächst die Behauptung einer unabhängigen Position gegenüber Publikumserwartungen, wirkte aber auch der künftigen Vereinnahmung durch Macht und Ideologien entgegen. Mit seinen Lehrstücken schuf Brecht sperrige dramatische Vorlagen mit unlösbaren Widersprüchen, die auch von Laienspielgruppen und Schulen gespielt werden konnten. Durch Rollenwechsel konnten die Spieler auch die Situation der anderen Figuren nachvollziehen. Dabei konnten Haltungen erlernt werden, die für die Demokratie grundlegend sind.

Als dramatisch empfand Brecht, dass immer neue technische Möglichkeiten der Kommunikation entstanden, die Mündigkeit und demokratischen Austausch zwischen den Bürgern hätten fördern können. Er befürchtete aber, dass sich z.B. das Radio zum Instrument seichter Unterhaltung und schleichender Manipulation entwickeln könnte. 1927 forderte er, dass es "an die wirklichen Ereignisse näher herankommen" müsse: etwa mit der Übertragung von Reichstagssitzungen, Prozessen, Disputationen zwischen Fachleuten oder Interviews. Die "phantastischen Summen, die das Radio an öffentlichen Geldern" einnehme, erforderten auch öffentlich Rechenschaft.[4]

Die Intellektuellen, von denen Brecht sich politisch schulen ließ, hielten die Sowjetunion wegen des Mangels an Demokratie nicht für richtungweisend für Deutschland. Diesen Makel lasteten sie aber weniger dem System als der Unterentwicklung des Landes an. Brecht setzte fortan immer zu große Hoffnungen auf eine emanzipatorische Entwicklung, die durch die Nationalisierung von Produktionsanlagen und Ressourcen ausgelöst werden könne.

1929 errangen die Nationalsozialisten in Thüringen einen großen Wahlerfolg. Die Weimarer Demokratie schien im Begriff, sich selber abzuschaffen. Mit Walter Benjamin konzipierte Brecht zwischen Herbst 1930 und Frühjahr 1931 die Zeitschrift "Krise und Kritik". Hier sollte die Rolle der Intellektuellen in den kommenden Auseinandersetzungen definiert werden. Fachleute sollten die Krise der Demokratie aus wissenschaftlicher, kultureller und künstlerischer Sicht analysieren. Die Zeitschrift sollte keinen populistischen Standpunkt des Proletariats verfechten, sondern allein den der Intelligenz. Unter den angesprochenen Autoren waren Hanns Eisler, Kurt Weill, Georg Lukàcs, Karl Korsch, Herbert Marcuse, Erwin Piscator, Fritz Sternberg, Theodor W. Adorno, Karl August Wittfogel und Siegfried Kracauer. Alfred Kurella[5] war der einzige unter ihnen, der die KPD-Linie vertrat.

Schon Anfang der dreißiger Jahre hatten Brecht und Benjamin den Fortschrittsbegriff der Sozialdemokraten und die eschatologische Siegesgewissheit der Kommunisten abgelehnt. Sie sahen, dass Katastrophen und furchtbare Rückschritte möglich waren, und zweifelten an der "unendlichen Perfektibilität der Menschheit". Das Zeitschriftenprojekt scheiterte letztlich an der Verschärfung der politischen Situation.[6]

Fußnoten

2.
Brecht an Bernhard von Brentano, Sept./Okt. 1928, in: GBFA 28, S. 310.
3.
GBFA 21, S. 142 - 145.
4.
Ebd., S. 215 - 217.
5.
Alfred Kurella (1895 - 1975) hatte seit 1919 Funktionen in der internationalen kommunistischen Jugend- und Kulturbewegung inne; in der DDR war er Kulturfunktionär.
6.
Vgl. Erdmut Wizisla, Benjamin und Brecht, Frankfurt/M. 2004, S. 268ff.