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4.5.2006 | Von:
Hans-Georg Ehrhart

Fußball und Völker-
verständigung

Fußball und Diktatur

Wir wissen nicht viel über die geschlossene Gesellschaft in der Diktatur Nordkoreas, aber so viel ist bekannt: Die Nordkoreaner sind fußballbegeistert und nahmen als Überraschungsmannschaft 1966 an der WM in England teil. Welche Rolle spielt also Fußball in einer unfreien Gesellschaft? Bereits in der Zwischenkriegszeit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde deutlich, dass das Verhältnis von Fußball und Diktatur sehr unterschiedlich sein kann und differenziert betrachtet werden muss. Wenn es die vorherrschende Ideologie und Politik wollte, wurde auf den Fußball und die Fußballer keine Rücksicht genommen. Die Schergen Stalins und Hitlers scheuten vor Willkürakten nicht zurück, wenn es um die Durchsetzung ihres politischen Willens ging. So starb Walter Bensemann, der Mitbegründer des DFB, Gründer des FC Bayern München - des sogenannten "Judenclubs" - und der Fachzeitschrift "Kicker" nach seiner Enteignung durch die Nazis mittellos in der Schweiz. Andere, wie der Rekordtorschütze Gottfried Fuchs, mussten emigrieren oder kamen, wie etwa Julius Hirsch, in Konzentrationslagern um.[14] Für andere Diktaturen war der Fußball und der mit seiner Hilfe zusätzlich befeuerte Nationalismus ein willkommenes Mittel, um die eigene Größe zu zelebrieren. So unterstützte das faschistische Regime Italiens die Entwicklung des nationalen Fußballs und zelebrierte den Gewinn der WM 1934 und 1938 als Ausdruck nationaler Größe und ideologischer Überlegenheit.

Mag man den Fans zugute halten, dass sie vor lauter nationaler Begeisterung die politische Funktionalisierung des Fußballs nicht erkennen, so ist es umso wichtiger, dass Verbände und Politik von außerhalb Position beziehen. Ein gutes Beispiel dafür ist der Verband des Mutterlandes des Fußballs, die Football Association, die 1928 aus Protest gegen die zunehmende Politisierung dieses Sports durch Diktaturen aus der FIFA austrat und erst nach dem Zweiten Weltkrieg wieder beitrat.[15] In Deutschland brauchte der DFB über ein halbes Jahrhundert, ehe er sich 2001 dazu durchrang, seine Verstrickungen in das NS-System von einem Historiker untersuchen zu lassen. Rechtzeitig vor Beginn der WM in Deutschland legte Nils Havemann 2005 seine Studie "Fußball unterm Hakenkreuz" vor, in der er darlegt, wie vorbehaltlos sich der DFB in den Dienst des NS-Staates stellte.[16]

Noch 1978 war es zu einem Skandal bei der WM im diktatorisch regierten Argentinien gekommen, als der DFB jenen rechtsradikalen Kampfflieger Hans-Ulrich Rudel in das Mannschaftsquartier der deutschen Nationalelf einlud, dessen Teilnahme an einem Traditionstreffen in einer Bundeswehrkaserne zwei Jahre zuvor zur Entlassung der verantwortlichen Generäle durch Verteidigungsminister Georg Leber geführt hatte. Die fehlende politische Sensibilität verdeutlichte der damalige Spieler Herbert Zimmermann vom 1.FC Köln. Danach gefragt, ob er überhaupt schlafen könne, wenn in der Nähe Gefangene gefoltert würden, entgegnete er: "Wieso? Wir haben ja die GSG 9 bei uns."[17] Argentinien hatte die WM zugesprochen bekommen, bevor die Generäle die Macht übernahmen. Für einen internationalen Boykott gab es keine Mehrheit. Selbst die argentinische Guerilla war dagegen und hoffte, dass die diktatorische Natur des Regimes einer größeren internationalen Öffentlichkeit vor Augen geführt und es dadurch delegitimiert würde.

Dass eine Fußballweltmeisterschaft angesichts der wachsenden Medienpräsenz nicht unpolitisch ist, war bereits 1974 in der Bundesrepublik Deutschland unter Beweis gestellt worden. Ein Jahr zuvor waren 5 000 Flüchtlinge vor den chilenischen Putschisten nach Deutschland geflohen, davon ein Drittel in die DDR. Sie organisierten sich in Chile-Komitees und machten mit Aktionen während des Spiels der chilenischen Mannschaft auf die Lage in ihrem Heimatland aufmerksam. Die Bilder wurden in die ganze Welt hinausgetragen und sollen sogar von Häftlingen in Chile gesehen worden sein. Diese Aktionen waren Teil eines politischen Kampfes mit Hilfe von "soft power", die auf weiche, kulturelle Faktoren wie Information und Bilder setzt.

Diktaturen neigen bekanntermaßen zu härteren Mitteln bei der Durchsetzung ihres Herrschaftsanspruchs. Der Fall Lutz Eigendorf hat gezeigt, dass sie auch vor Mord an einem bekannten Fußballer im Ausland nicht zurückschrecken. Eigendorf war 1979 vom Eliteclub BFC Dynamo Berlin, der vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) gefördert wurde, geflohen und spielte für den 1. FC Kaiserslautern und Eintracht Braunschweig. Ihm wurde zum Verhängnis, dass MfS-Chef Erich Mielke ein begeisterter Fußballanhänger war und Eigendorfs DDR-kritische Äußerungen in westdeutschen Medien als Feindpropaganda wertete, die mit Liquidation zu ahnden sei.

Während dieser Mord verdeckt geschah und erst nach der Öffnung der Stasi-Archive mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aufgeklärt werden konnte,[18] wurde im Irak des Saddam Hussein die Willkür, der Fußballer in Diktaturen ausgesetzt sein können, offen ausgeübt. Saddams Sohn Udai war 18 Jahre lang Vorsitzender des irakischen Fußballverbandes. Da er der Ansicht war, Fußballer könne man zum Erfolg zwingen, stand auf Niederlagen der Nationalmannschaft bis zu zwei Wochen Haft und gegebenenfalls die Peitschenstrafe. Erreicht wurde mit dieser Brachialmethode das Gegenteil: Unter seiner Regentschaft wurde der einstmals erfolgreiche irakische Fußball durch Korruption, politische Gängelei und persönliche Willkür heruntergewirtschaftet.[19]

Wozu die politisch-religiöse Durchdringung des Fußballs führen kann, zeigt ein Bericht aus der International Herald Tribune, der im Oktober 2005 unter der Überschrift "Sharia on the soccer field. God is in the rules" erschienen ist. Darin wird eine Fatwa, also eine islamische Rechtsposition, wiedergegeben, deren Umsetzung auf die Abschaffung des heutigen Fußballs hinauslaufen würde. Das Argument lautet, dass die internationalen Regeln von Häretikern gemacht worden seien und nicht den Regeln der Scharia entsprächen. Fußball solle kein vergnüglicher Zeitvertreib sein, sondern ausschließlich der körperlichen Ertüchtigung für den "heiligen Krieg" (Jihad) dienen. Fußball wird also instrumentalisiert für die eigenen ideologischen Ziele.[20]

Fußnoten

14.
Vgl. Dietrich Schulze-Marmeling (Hrsg.), Davidstern und Lederball, Göttingen 2003.
15.
Vgl. Christiane Eisenberg, Fußball als globales Phänomen. Historische Perspektiven, in: APuZ, (2004) 26, S. 12.
16.
Vgl. Nils Havemann, Fußball unterm Hakenkreuz. Der DFB zwischen Sport, Politik und Kommerz, Frankfurt/M. 2005. Anmerkung der Redaktion: Vgl. auch den Beitrag des Autors in dieser Ausgabe.
17.
Norbert Seitz, Von Bern bis Los Angeles, in: APuZ, (1994) 24, S. 8.
18.
Vgl. Herbert Schwan, Der lange Arm der Stasi: "Tod dem Verräter!", München 2000.
19.
Vgl. Heike Faller, Zwischen Krieg und Spiel, in: http://zeus.zeit.de/text/2003/36/Irak_36, 27. 3. 2006.
20.
Vgl. Geoff D. Porter, Sharia on the soccer field. God is in the rules, in: International Herald Tribune vom 17.10. 2005.