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4.5.2006 | Von:
Hans-Georg Ehrhart

Fußball und Völker-
verständigung

Völkerverständigung durch Fußball?

Wenden wir uns der positiven Rolle des Fußballs zu: seinem entwicklungs- und friedenspolitischen Potenzial. Gleich nach US-Präsident Bushs Ankündigung vom 1. Mai 2003, welche die Kriegshandlungen im Irak offiziell beendete, kündigte die FIFA an, den irakischen Fußballverband mit 400 000 US-Dollar für den Aufbau seines zerstörten Hauptquartiers zu unterstützen. Der Fußballverband der USA schickte 60 000 Bälle, und im Juni kam es zu einem ersten Spiel zwischen einer Auswahl der US-Army und des Irak. Australien, einer der engsten Alliierten der USA im Irakkrieg, lud die irakische Nationalmannschaft zu einem Match auf den Fünften Kontinent ein. Das Spiel stand unter dem Motto "World Peace Game". Bernd Stange, der deutsche Cheftrainer der irakischen Mannschaft, lag wohl nicht ganz falsch, wenn er von Propagandaspielen sprach.[26] Ihm wäre es lieber gewesen, wenn die Amerikaner das Stadion, das sie als Militärbasis nutzten, geräumt und in einem geordneten Zustand übergeben hätten. Gleichwohl: Der Fußball sollte einmal mehr als Mittel zur Völkerverständigung dienen. Bereits am 13. August 2003 bestritt der Irak sein erstes offizielles Länderspiel nach dem Krieg. Gegner war der Iran, der sportliche Erzrivale und Kriegsgegner von einst. Die Mannschaft von Stange siegte überraschend mit 1 : 0. Angesichts der katastrophalen Bedingungen zu Hause war es eine furiose Rückkehr des Irak auf die Bühne des internationalen Fußballs und ein erster Annäherungsschritt zwischen beiden Ländern.

Grundsätzlicher wird das Thema Völkerverständigung durch Sport und damit auch durch Fußball von den Vereinten Nationen (VN) angegangen. Seit Ende der neunziger Jahre entwickelte sich in diesem Rahmen ein zunehmendes Verständnis für den Zusammenhang von Entwicklung, Frieden und Sport. Ein erster Ausdruck davon war die Einrichtung einer internationalen Arbeitsgruppe und eines Büros mit der Bezeichnung "Sport für Entwicklung und Frieden". Ende 2003 verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen eine Resolution über Sport als Mittel zur Förderung der Bildung, der Gesundheit, der Entwicklung und des Friedens.[27] In dieser Resolution werden die Regierungen unter anderem gebeten, Sport als Instrument zu verwenden, das zur Verwirklichung der international vereinbarten Entwicklungsziele sowie der breiteren Ziele der Entwicklung und des Friedens beiträgt. Regierungen, internationale Sportgremien und die mit Sport befassten Organisationen und Interessengruppen werden aufgefordert, entsprechende Projekte aufzulegen. Zudem wurde das Jahr 2005 zum Jahr des Sports erklärt.

Der Sonderbeauftragte für Sport im Dienste von Entwicklung und Frieden des Generalsekretärs der Vereinten Nationen, der Schweizer Adolf Ogi, weist zu Recht darauf hin, dass der Sport zwar kein Allheilmittel für die Probleme dieser Welt sei, aber doch eine positive Wirkung ausüben könne und dementsprechend politisch gefördert werden sollte. Sport soll nicht im Dienste der Politik, des Nationalismus, der Diktatur oder einer grenzenlosen Kommerzialisierung stehen, sondern ein Instrument für Entwicklung und Konfliktlösung, Gesundheit, Bildung, nachhaltige Entwicklung und Frieden sein, ein Instrument, das nach Ogis Meinung "noch gar nicht wirklich systematisch eingesetzt worden ist".[28]

Einige Beispiele illustrieren die positive Wirkung, die Sport bzw. Fußball haben können. So sorgt das Projekt "Secundo Tempo" in Brasilien dafür, dass tausende Kinder aus den Favelas mit Bussen werktags zu Sportstätten gefahren werden. Morgens erhalten sie Schulbildung, mittags ein warmes Essen und nachmittags wird Fußball gespielt. Die Kinder sind von der Straße und die Wahrscheinlichkeit, dass sie Opfer von Drogenkriminalität und Prostitution werden, verringert sich. Ein ähnliches Projekt wird in Medellin, der ehemaligen Hauptstadt des kolumbianischen Drogenkartells, durchgeführt. Das Ergebnis kann nur beeindrucken: Dort, wo die Projekte begonnen wurden, ist die Kriminalität drastisch gesunken und die wirtschaftliche Entwicklung gestiegen.[29] In Kenia läuft ein Projekt unter dem Motto "Alive & Kicking", das darauf abzielt, eine wirtschaftliche Infrastruktur für die Herstellung reparierbarer Lederbälle aufzubauen und Fußball als präventives Instrument für die Gesundheitsfürsorge von Jugendlichen - insbesondere im Bereich der AIDS-Prävention - zu nutzen. Nach fünf Monaten Projektlaufzeit waren bereits drei Nähzentren entstanden, die 600 Bälle pro Woche herstellen.[30]

Fußballprojekte werden auch gestartet, um gewaltsame Konflikte zu überwinden und Versöhnungsprozesse zu verstärken. So berichtet der polyglotte Fußballtrainer Rudi Gutendorf von seiner Tätigkeit in Ruanda einige Jahre nach dem Völkermord, der fast einer Million Menschen das Leben gekostet hat: "Die Söhne habe ich dann vereint in der Nationalmannschaft. Und dann haben wir das Glück gehabt, Kenia im Afrika-Pokal zu schlagen. Da hat der Tutsi geflankt und der Hutu eingeköpft. Da haben die vor Freude gekuschelt und sich geküsst, das ganze Stadion und das ganze Land. Seit der Zeit weiß ich, was Fußball bewirken kann."[31]

Ein hochgelobtes und mehrfach ausgezeichnetes Projekt startete 1998 im bürgerkriegsgezeichneten Bosnien-Herzgowina. Das von der UEFA, Dänemark, Norwegen, den Vereinten Nationen und der EU unterstützte Vorhaben heißt "Open Fun Football Schools" und zielt darauf ab, Frieden, Demokratie, Stabilität und sozialen Zusammenhalt insbesondere zwischen antagonistischen Gruppen in der Region zu fördern. Jede fünf Tage dauernde Fußballschule muss zwei Kommunen unterschiedlicher Ethnizität und vier Fußballvereine involvieren. Die Mannschaften bestehen aus Kindern beider Kommunen und aller Fußballvereine. Es sind regionale Zentren aufgebaut worden, in denen Trainer aus allen ethnischen und nationalen Gruppen gemeinsam ausgebildet wurden. Zusätzlich existiert mittlerweile eine nationale Struktur, welche die Organisation solcher Fußballschulen unterstützen soll. Bei aller positiven Bewertung - so wurde zum Beispiel ein positiver Einfluss auf Werte, Mannschaftsgeist und kommunales Engagement festgestellt - mahnt ein Evaluierungsbericht jedoch zur Vorsicht vor übertriebenen Erwartungen.[32]

Fußball wird auch gegen Rassismus eingesetzt. In diesem Zusammenhang sei an die weltweite Antidiskriminierungskampagne "No to racism" erinnert, die während der Jugendweltmeisterschaft in den Niederlanden und dem Confederations Cup in Deutschland im Juni 2005 durchgeführt wurde. Ein anderes Beispiel: Die EU finanzierte 1994 ein wissenschaftliches Projekt mit dem Titel "Rassismus und Fremdenfeindlichkeit im Europäischen Fußball", das zu dem britischen Projekt "Let's kick racism out of football" führte. Dass diese Aktivitäten nicht ausreichen, zeigen die Überlegungen der UEFA, die sich um die Unterstützung des Europaparlaments für ihre Aktion "Abpfiff für Rassismus" bemüht und über ein kompromissloseres Vorgehen nachdenkt. So sollen künftig Vereine, Spieler und Verbände bei wiederholten rassistischen Vorkommnissen von europäischen Wettbewerben ausgeschlossen werden. Außerdem sollen die Schiedsrichter künftig bei solchen Ereignissen das Spiel abbrechen dürfen.[33]

Im Mittelpunkt vieler Basisprojekte steht der Straßenfußball. Dieser hat sich mittlerweile unter dem Namen "Streetfootballworld" als eine globale Bewegung etabliert, der sich bereits über 70 Straßenfußballprojekte aus der ganzen Welt angeschlossen haben. Das Projekt hat eine eigene Organisation, gespielt wird nach eigenen Regeln. Über einen Sieg entscheiden nicht nur die Tore, sondern auch Fairplay und Genderaspekte. Es wird ohne Schiedsrichter gespielt, und das erste Tor muss immer von einer Frau erzielt werden. Das Projekt will Teamgeist, globales Lernen und ein Leben ohne Gewalt fördern. Fußball soll national und transnational als kultureller Mittler und Medium zur Förderung sozialer Entwicklung genutzt werden. Im Sommer 2006 wird eine WM des Straßenfußballs in Berlin-Kreuzberg ausgetragen.[34] Die von Jürgen Griesbeck gegründete Stiftung "Streetfootballworld" ist ein Projekt, das von der "Youth Football Foundation" gefördert wird: Deren Präsident ist übrigens Bundestrainer Jürgen Klinsmann.[35]

Fußnoten

26.
Vgl. H. Faller (Anm. 19).
27.
Vgl. A/RES/58/5 vom 17. 11. 2003.
28.
Adolf Ogi, Sport - Entwicklung - Frieden: eine politische Frage, in: Entwicklungspolitik, (2005) 19, S. 23.
29.
Vgl. ebd., S. 26.
30.
Vgl. www.sportanddev.org/en/projects/see-all-projects/index_534.htm, 21.3. 2006.
31.
Interview mit Rudi Gutendorf, in: 11 Freunde, (2003) 3, S. 25.
32.
Vgl. Pelle Kvalsund/David Nyheim/John Telford, CCPA Open Fun Football Schools. An Evaluation, Final Report, 8. 11. 2004, S. 27.
33.
Vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 1. 12. 2005, S. 39.
34.
Vgl. Christo Förster/Claudia Haas, Spielerische Entwicklung. Streetfootball - eine Nord-Süd-Bewegung zur WM 2006, in: Entwicklungspolitik, (2005) 19, S. 30 - 32.
35.
Vgl. www.streetfootballworld.org/index_html/en, 21.3. 2006. Vgl. Jürgen Griesbeck, Kicken statt kämpfen, in: Zeitschrift für Kultur-Austausch, (2000) 1, S. 100f.