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4.5.2006 | Von:
Hans Joachim Teichler

Fußball in der DDR

Fußballbegeisterung und politische Interventionen

Nachdem die Fesseln des Kommunalsports, die auch vorher oftmals heimlich gelöst worden waren, im Frühjahr 1948 ganz fielen, zeigte sich auch in der sowjetischen Besatzungszone, dass der Wunsch zum sportlichen Vergleich unter den Aktiven und das Bedürfnis nach guter sportlicher Unterhaltung und Zerstreuung bei den Zuschauern trotz aller widrigen Lebensumstände ungebrochen bzw. sogar gestiegen war. 40.000 bzw. 50.000 Zuschauer sahen die Endspiele der ersten beiden Ostzonenmeisterschaften. Im Schnitt über 10.000 Zuschauer verfolgten die Spiele um die erste DDR-Meisterschaft 1949/50. Diese Attraktivität des Fußballs und die Begeisterung der Massen für ihre Mannschaften hatte die Führung des Deutschen Sportausschusses in Planitz am 1. Mai 1949 und in Dresden am 16. April 1950 unmittelbar erlebt. Sie hatte dabei aber auch erfahren, wie fußballerische Wut und Enttäuschung sich in Proteste gegen vermeintlich politische Benachteiligungen verwandeln konnten. Die Beziehung der Partei- und der Sportführung zum Fußball sollte seit diesem Zeitpunkt nicht mehr abreißen. Meist gestaltete sich dies zum Nachteil des Fußballs, vor allem in der Anfangsphase, in welcher die DDR-Auswahl erst 1955 - ein Jahr nach dem westdeutschen Weltmeistertitel 1954 - den ersten Sieg in einem Länderspiel verbuchen konnte. Später deuten die zahlreichen Fußballbeschlüsse der SED-Führung eher auf eine partielle Unregierbarkeit des Fußballs hin, dem es dank seiner Massenpopularität immer wieder gelang, lokale Bündnisse und Umgehungsstrategien gegen zentrale Vorgaben zu schmieden.

In der stalinistischen Phase der DDR überwogen allerdings sportfremde Eingriffe: So wurde in der Saison 1950/51 der FDGB-Pokal durch eine Pokalrunde innerhalb der neugebildeten gewerkschaftlichen Sportvereinigungen (SV) ersetzt. Man ermittelte nun zwar die jeweils beste Mannschaft der SV Stahl, der SV Motor, SV Chemie usw. - eine Leistungssteigerung konnte durch diese inflationäre Vermehrung der Pokalspiele jedoch nicht erreicht werden. Schon ein Jahr später kehrte man zur alten Lösung zurück. Zahlreiche andere Eingriffe (wie der Wechsel der Spielzeit 1956) und der permanente Wechsel des Ligaunterbaus gehörten in der Folge zu den Konstanten des DDR-Fußballs. "Die wohl aberwitzigste Inszenierung lieferten die Funktionäre jedoch 1951 ab. In der Vorsaison waren drei Ostberliner Mannschaften in die Oberliga eingegliedert worden. Sie mussten stark gehandicapt antreten, da ihnen die besten Fußballer nach Einführung der Westberliner Vertragsliga davongelaufen waren. Es gab dort zwar nicht viel zu verdienen, aber immerhin etwas. Zum Ende des Spieljahres zählten alle drei Teams aus Ostberlin zu den Absteigern. Der VfB Pankow ließ sich geradezu in rekordverdächtiger Manier abschießen: 0 : 9, dreimal 1 : 8, zweimal 0 : 7, 0 : 6, 0 : 5 usw. lauteten die Ergebnisse. Am Ende stand er mit 29 Niederlagen und 131 Gegentoren auf dem letzten Platz. Die Mannschaft stieg jedoch nicht ab. Warum? Die DDR-Sportführung verfügte, dass das Berliner Regierungsviertel einen politischen Anspruch auf einen Oberligaplatz habe. Es gab noch einen Zuschlag: Berlin als politisches, wirtschaftliches Zentrum braucht neben Pankow noch eine zweite Oberligaelf; also durfte auch Union Oberschöneweide, nunmehr als Motor, bleiben."[13]

Wie wenig sinnvoll dieser Eingriff am grünen Tisch war, zeigte sich, als Einheit Pankow in der nächsten Saison (1951/52) wiederum weit abgeschlagen mit 94 Gegentoren den letzten Platz belegte. Wieder hatte die Mannschaft aus dem Ostberliner Regierungsviertel mit 32 eingesetzten Spielern den größten Kader zur Verfügung, gleichzeitig aber auch die wenigsten Zuschauer der Liga gehabt. Unter den spezifischen Bedingungen der offenen Grenze ließ sich im Osten Berlins kein spielstarker ziviler Club installieren. So blieb nichts anderes übrig, als auf eine "uniformierte" Mannschaft zurückzugreifen, die für das Fußballspielen voll, d.h. wie Profis bezahlt wurde. So wurde der ASK Vorwärts Berlin ab der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre zur spielstärksten Mannschaft Berlins und in der Folge sechsmal DDR-Meister. "Geboren" wurde die Mannschaft aber in Leipzig. Unter Rückgriff auf Studenten der neu gegründeten Deutschen Hochschule für Körperkultur und auf Spieler unterrangiger Mannschaften der Kasernierten Volkspolizei (KVP) wurde vor der Saison 1951/52 eine KVP-Mannschaft "Vorwärts Leipzig" gebildet und ohne sportliche Qualifikation als 19. Mannschaft in die Oberliga eingereiht. Die Retortenmannschaft schaffte mit Mühe den letzten Nichtabstiegsplatz der Liga.

Die Mannschaft von Vorwärts KVP Leipzig kämpfte zu Beginn der Saison 1952/53 um ihr sportliches Überleben und war weit davon entfernt, zur Popularität der neuzubildenden Armee beizutragen, die noch als Kasernierte Volkspolizei firmierte. Im Umfeld der propagandistisch flankierten Aufrüstung im Jahr 1952 sollte der Armeesport auch fußballerisch prominent in der Liga vertreten sein. Für den Neuaufbau von Armee- und Dynamo-Mannschaften fielen die üblichen Sperrfristen bei Spielerwechseln weg, womit eine klare Bevorzugung der "uniformierten" Sportgemeinschaften gegeben war. Dies versuchte die Sektion Fußball mit Unterstützung des frisch ernannten, gerade 27-jährigen Staatssekretärs im Staatlichen Komitee für Körperkultur und Sport, Manfred Ewald, zu nutzen, indem sie die Spieler von Chemie Leipzig, die 1951 Meister und 1952 Liga-Dritter geworden waren, zum Wechsel zu Vorwärts Leipzig zu bewegen suchten.

Chemie Leipzig verlor so mit einem Schlag acht Stammspieler, ergänzte sich aber in der Weihnachtspause erfolgreich, die heimische Kulisse wuchs auf über 40.000 Zuschauer an - die Legende von Leutzsch war geboren.[14] Sportliche Sympathie und politischer Protest dürften sich hierbei ergänzt haben. Im Derby wurde Vorwärts zweimal besiegt, Chemie war die bessere und beliebtere Leipziger Mannschaft und wurde in der nächsten Saison sogar Vizemeister. Dagegen spielte die mit den Chemie-Spielern verstärkte Mannschaft von Vorwärts Leipzig vor wesentlich weniger Zuschauern gegen den Abstieg. Die im Frühjahr 1953 erfolgte Umsiedlung nach Berlin wurde damit begründet, dass die Hauptstadt eine Oberligamannschaft brauche.

Mit dem ASK Vorwärts und dem SC Dynamo Berlin (1954/55 aus Dresden importiert) buhlten ab Mitte der fünfziger Jahre gleich zwei Mannschaften um die Gunst der Berliner Zuschauer. Die Armee-Mannschaft setzte sich durch und holte 1958 den ersten Meistertitel nach Ostberlin, dem fünf weitere in den sechziger Jahren und zwei Pokalsiege folgten. Aus welchen Gründen die Armeesportler 1971 in die "Fußball-Einöde Frankfurt/Oder" verpflanzt wurden, wo sie nie mehr eine führende Rolle spielten und sogar zweimal abstiegen, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Der damalige ASK-Spieler und spätere Sportjournalist Jürgen Nöldner rätselt noch heute über die Hintergründe des Umsiedlungsbeschlusses.[15] Letztlich landen alle Spekulationen immer wieder bei MfS-Chef Erich Mielke, der den Verteidigungsminister Heinz Hoffmann irgendwie überzeugt haben musste, dass zwei Clubs der "bewaffneten Organe" in Berlin zuviel waren.

Die Rolle der "Vorzeigemannschaft" aus Berlin übernahm in den folgenden Jahren der SC Dynamo, der seit 1966 BFC Dynamo hieß und zu Mielkes Lieblingsclub avancierte. Das ambivalente Image des BFC war geprägt durch sportliche Erfolge in Serie (der BFC wurde zwischen 1979 und 1988 zehnmal in Folge DDR-Meister). Diese resultierten einerseits aus einer einseitigen sportlichen Nachwuchsarbeit, wodurch die besten Spieler automatisch beim BFC spielten, und andererseits aus einer systematischen politischen Einflussnahme. So wurden zum Beispiel Spieler gezielt als IM (Inoffizielle Mitarbeiter) durch das MfS angeworben und Schiedsrichterentscheidungen von der Staatssicherheit "gekauft", um die sportlichen Erfolge sicherzustellen.[16]

Die hier beschriebene "Delegierung" von ganzen Mannschaften hatte ihren Höhepunkt in den fünfziger Jahren. Die Praxis der Konstruktion starker Mannschaften durch Verschiebung ganzer Mannschaftsteile (so zum Beispiel auch bei der SG Empor Lautern, die nach Rostock "verlegt" und dort zum FC Hansa wurde) oder durch angeordnete Fusionen blieb jedoch auch noch in den sechziger Jahren gängige Praxis. Aus einer eigentlich logischen Konzentration der Kräfte, die allerdings nicht über den freien Wettbewerb auf dem Rasen, sondern am grünen Tisch vorgenommen wurde, entstanden in der Saison 1963/64 noch heute fortwirkende Lokalrivalitäten in Leipzig und Berlin: Auf Vorschlag des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB) fasste das Zentralkomitee (ZK) der SED am 5. Dezember 1962 im Rahmen einer Beratung über den Stand der Olympiavorbereitungen für 1964 "und zur weiteren Entwicklung der Leistungen in den olympischen Sportarten", zu denen auch Fußball gehörte, den Beschluss, "den Bezirksleitungen der Partei in Berlin, Leipzig (...) vorzuschlagen, durch Zusammenschluss der Sportclubs Einheit Berlin, Rotation Berlin, und TSC Oberschöneweide einen zivilen Sportclub der Hauptstadt der DDR sowie durch Vereinigung der Sportclubs Rotation Leipzig und Lokomotive Leipzig (...) die Zersplitterung des Leistungssports in diesen Zentren zu überwinden und die Voraussetzung für eine höhere Qualität der Leitung des Leistungssportes und einen wirkungsvolleren Einsatz der Kader zu schaffen".[17]

Bei der hektischen Umsetzung des Beschlusses wurden die vermeintlich besten Spieler von Lok und Rotation Leipzig dem SC Lokomotive zugeordnet, der Rest fand sich in der BSG Chemie Leipzig wieder und entwickelte einen ungeheuren sportlichen Trotz. Die vermeintlich schwächere Mannschaft wurde überraschend Meister, und der SC Leipzig (ab 1966 1. FC Lokomotive) belegte den dritten Platz. Beide Derbys im Leipziger Zentralstadion gewann der Underdog.

Fußnoten

13.
Jörn Luther, "So rollte der Ball im Osten", in: Frank Willmann, Fußball-Land DDR. Anstoß, Abpfiff, Aus, Berlin 2004, S. 9 - 19.
14.
Noch heute sind zahlreiche Fußballanhänger davon überzeugt, dass "seit 1952 von oben alles getan wurde, um Chemie Leipzig nicht richtig zur Entfaltung kommen zu lassen" (Interview mit Günter Busch, in: Libero D, [1991] 1, S. 23). Im Jahr 1954 wurden die restlichen Chemiespieler zum FC Lokomotive delegiert. Vgl. Jens Fuge, Leutzscher Legende. Von Britannia 1899 zum FC Sachsen, Leipzig 1992.
15.
Vgl. Jürgen Nöldner, Hohe Kunst in Rot-Gelb. Alles begann in Leipzig, in: Horst Friedemann (Hrsg.), Sparwasser und Mauerblümchen. Die Geschichte des Fußballs in der DDR 1949 - 1991, Essen 1991, S. 62.
16.
Vgl. zum Einfluss des MfS auf den DDR-Fußball am Beispiel Dynamo Dresden: Ingolf Pleil, Mielke, Macht und Meisterschaft. Die "Bearbeitung" der Sportgemeinschaft Dynamo Dresden durch das MfS 1978 - 1989, Berlin 2001.
17.
SAPMO-BArch, DY 30/JIV2/3/854. Dokumentiert bei H. J. Teichler (Anm. 1), S. 430.