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16.3.2006 | Von:
Thomas Gensicke

Bürgerschaftliches Engagement in Deutschland

Freiwilliges Engagement und soziale Integration

Das freiwillige Engagement weist nicht nur regionale, sondern auch soziale Unterschiede auf, wie am Beispiel einer mehrstufigen Engagement-Skala demonstriert werden kann, anhand derer die Befragten je nach der Intensität ihres freiwilligen Engagements eingruppiert werden (Vgl. die Übersicht der PDF-Version). Die erste Gruppe bilden Personen, die nicht gemeinschaftlich aktiv sind (1), gefolgt von Personen, die gemeinschaftlich aktiv sind, aber keine freiwilligen Tätigkeiten übernommen haben (2). Die freiwillig Engagierten unterscheiden wir nunmehr in Engagierte mit einer Tätigkeit (3), Engagierte mit zwei Tätigkeiten (4) und schließlich diejenigen mit drei und mehr Tätigkeiten (5).[8]

Der Grad der individuellen Einbindung in freiwilliges Engagement steht offensichtlich in engem Zusammenhang mit der sozialen Integration einer Person. Am deutlichsten wird dies an der herausragenden Beziehung zwischen dem Vorhandensein eines großen Freundes- und Bekanntenkreises und der Position auf der Engagement-Skala. Personen mit einem großen Freundes- und Bekanntenkreis sind nur selten in der Gruppe der nicht gemeinschaftlich Aktiven vertreten (14 Prozent), während sie fast die Hälfte der "Hochengagierten" mit drei und mehr freiwilligen Tätigkeiten ausmachen (46 Prozent). In den dazwischen liegenden Positionen auf der Engagement-Skala steigt der Prozentsatz von Personen mit großem Freundes- und Bekanntenkreis kontinuierlich an, wodurch der enge Zusammenhang beider Merkmale deutlich erkennbar wird.

Ein fast ebenso deutlicher Zusammenhang ist hinsichtlich der Kirchenbindung zu beobachten. Personen mit hoher Kirchenbindung gehören selten der Gruppe der nicht gemeinschaftlich Aktiven an (13 Prozent), sind jedoch häufig in der Gruppe der hoch Engagierten vertreten (43 Prozent). Auch hier steigt der Anteil der Personen mit hoher Kirchenbindung auf der Engagementskala von Position (1) bis (5) deutlich und stetig an. Die Kirchenbindung ist zum einen ein indirekter Indikator für die soziale Einbindung einer Person, vor allem jedoch für bestimmte religiöse Werthaltungen, die soziale Wertaspekte einschließen.

Der Freiwilligensurvey kann auch den direkten Zusammenhang von Wertorientierungen mit der Engagementskala aufzeigen. Freiwillig Engagierte, besonders die intensiver Engagierten, vertreten vermehrt Werte, die das Verhalten auf eine kreative und öffentlich engagierte Lebensführung lenken. Das ist bei Personen, welche die unteren Plätze der Engagementskala einnehmen, weit weniger der Fall. Diese Bedeutsamkeit bestimmter Wertorientierungen für freiwilliges Engagement hat seit 1999 gegenüber der Kirchenbindung zugenommen. Da auch die Bedeutung des Freundes- und Bekanntenkreises sowie des politischen Interesses gestiegen sind und die der Kirchenbindung etwa gleich geblieben ist, kann der Hintergrund des freiwilligen Engagements 2004 im Vergleich zu 1999 als "säkularer" eingestuft werden.

Neben sozial-integrativen Merkmalen und Werthaltungen steht auch der soziale Status in einem engen Zusammenhang mit der Position einer Person auf der Engagement-Skala. Nach wie vor gibt es einen positiven Zusammenhang zwischen Erwerbstätigkeit und freiwilligem Engagement. Wichtiger sind allerdings ein höheres Bildungsniveau und eine höhere berufliche Position, die eng damit zusammenhängen, dass Personen die oberen Positionen der Engagementskala einnehmen. Der Einfluss der Bildung hat sich seit 1999 weiter erhöht. Diese ist 2004 von deutlich größerer Bedeutung als materielle Faktoren wie etwa die Höhe des Haushaltseinkommens. Öffentliche Beschäftigung, besonders im "Dritten Sektor", hängt ebenfalls positiv damit zusammen, ob und mit welcher Intensität sich jemand freiwillig engagiert.

Der Zusammenhang des Alters von Personen mit der Beteiligung am freiwilligen Engagement hat sich zwischen 1999 und 2004 verringert, vor allem, weil sich Menschen im Alter ab 60 Jahren inzwischen vermehrt engagieren. Dennoch bleibt die Gruppe der 40- bis 59-Jährigen weiterhin die tragende Gruppe des Engagements, besonders bei Engagierten, die zwei und mehr Tätigkeiten ausüben, bzw. bei Engagierten, die Wahl-, Vorstands- und Leitungsfunktionen übernehmen.

Wie bereits 1999 spielt die Haushaltsgröße für die Position auf der Engagement-Skala eine wichtige Rolle. Personen, die in größeren Haushalten leben, findet man seltener auf der linken Seite der Engagementskala, also bei den nicht oder "nur" Gemeinschaftsaktiven, und in deutlich größeren Prozentsätzen auf der rechten Seite bei den Engagierten mit zwei oder mehr freiwilligen Tätigkeiten. Darin zeigt sich die hohe Bedeutung von Kindern und Jugendlichen für gemeinschaftliche Aktivität und freiwilliges Engagement.[9] In größeren Haushalten engagieren sich die Eltern oft für die eigenen Kinder (Kinderbetreuung, Sportvereine, Jugendarbeit etc.); bei den Eltern lebende Jugendliche sind selbst oft freiwillig engagiert.


Fußnoten

8.
Die bereits untersuchte Gruppe der freiwillig Engagierten wird in dieser Darstellung in drei Gruppen aufgeteilt, um auch die markanten Unterschiede innerhalb der Gruppe der Engagierten sichtbar werden zu lassen. Man erkennt auf diese Weise auch, dass der Anteil derjenigen Engagierten mit mehr als einer freiwilligen Tätigkeit seit 1999 zugenommen hat und der Anteil derjenigen mit einer Tätigkeit etwa gleich geblieben ist. Es gab demnach 2004 nicht nur mehr Engagierte, sondern diese übten auch mehr Tätigkeiten aus.
9.
Kinder und Jugendliche sind die ungleich wichtigste Zielgruppe freiwilliger Tätigkeiten. Ihnen kamen 2004 33 Prozent aller freiwilligen Tätigkeiten zugute. Das ist ganz besonders für das Engagement junger Leute typisch.