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16.3.2006 | Von:
Eckhard Priller
Annette Zimmer

Dritter Sektor: Arbeit als Engagement

Heterogenität der Beschäftigungsstrukturen und Engagementmotive

Gemeinsam ist den neuen und alten Organisationen, dass sich auch bei den etablierten und hoch professionalisierten Organisationen ein "Kern" ihres bürgerschaftlich bewegten Ursprungs und damit ihres spezifischen Charakters als Wertgemeinschaft feststellen lässt: Sie sind nach wie vor nicht nur attraktiv für Ehrenamt und freiwillige Mitarbeit bzw. Volunteering, sondern in ihrem Kontext findet auch tatsächlich mehr als 80 Prozent des bürgerschaftlichen Engagements statt.[20] Nach unseren Ergebnissen belief sich das Gesamtvolumen der in gemeinnützigen Organisationen in Deutschland geleisteten freiwilligen Arbeit bereits Ende der neunziger Jahre auf ein Äquivalent von umgerechnet mindestens 400 000 Vollzeitarbeitsplätzen.[21] Besonders attraktiv für freiwillige Mitarbeit sind zweifellos die in den Bereichen Kultur, Freizeit und Erholung tätigen Organisationen. Vor allem die Sportvereine schlagen hier zu Buche. Aber auch die in den Bereichen Umweltschutz, Internationales, Gesundheit und Soziale Dienste tätigen Organisationen binden in ganz erheblichem Umfang und trotz eines beachtlichen Professionalisierungsgrades bürgerschaftliches Engagement.

Damit ist gleichzeitig eine weitere Strukturbesonderheit von Dritte-Sektor-Organisationen angesprochen: das Neben- und Miteinander von Lohnarbeit als hauptamtlicher Beschäftigung und bürgerschaftlichem Engagement als ehrenamtliche Leitungs- und Führungstätigkeit wie auch als freiwillige unbezahlte Mitarbeit (Volunteering). Im Alltag der Organisationen sind die Übergänge zwischen bürgerschaftlichem Engagement und bezahlter Beschäftigung häufig fließend. So zeigen Untersuchungen zu Sportvereinen in Ostdeutschland, dass auch nach Auslaufen der ABM-Programme und -Verträge die Tätigkeit als Übungsleiter bzw. -leiterin, als Sportwart oder Trainer in den Vereinen ehrenamtlich fortgesetzt wurde.[22]

Christiane Frantz[23] hat in ihrer Studie zu Karrieren in NGOs herausgearbeitet, dass eine hauptberufliche Tätigkeit in den international tätigen Dritte-Sektor-Organisationen insofern mit hohen "Eintrittskosten" verbunden ist, als nahezu alle der von ihr interviewten Hauptamtlichen zuvor ehrenamtlich, wenn nicht bei der betreffenden Organisation, dann aber bei einer anderen Dritte-Sektor-Organisation in diesem Arbeitsbereich tätig gewesen waren. Ferner finden sich hier auch eine Reihe von "Sektorumsteigern", die gemäß den Untersuchungsergebnissen von Christiane Frantz eine gut dotierte Position im Sektor Markt ganz bewusst zugunsten einer Beschäftigung - in der Regel eine Leitungstätigkeit - im Dritten Sektor aufgegeben haben. Als Motive für den beruflichen Wechsel werden die im Vergleich zu den Sektoren Markt und Staat größeren Gestaltungsspielräume, die Sachbezogenheit der Arbeit sowie vor allem die Zielsetzungen der Organisationen und damit ihre besondere Qualität als "Wertgemeinschaften" genannt. Die Ergebnisse von im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) bei mehr als 2 000 Leitungs- und Führungskräften durchgeführten Telefoninterviews[24] bestätigen die Befunde zu den Berufs- und Ehrenamtskarrieren im Dritten Sektor: Beschäftigung in diesem Sektor ist demnach mehr als Lohnarbeit! Gerade auch die hauptamtlich Beschäftigten zeichnen sich durch eine starke Wertorientierung und eine hohe Bereitschaft zum bürgerschaftlichen Engagement in seinen vielfältigen Formen aus.

Doch sind in Dritte-Sektor-Organisationen nicht "traditionelle Altruisten" tätig. Besonders die Studie von Christiane Frantz zeigt, dass der Berufsalltag auch hier in hohem Maße von Pragmatismus geprägt ist. Zur Professionalität gehört auch der Blick für das Machbare. Der Wunsch, eigenen Vorstellungen und Neigungen nachgehen zu können - Selbstverwirklichungsmotive - ist ein wesentlicher Anreiz sowohl für die Aufnahme einer hauptamtlichen Tätigkeit, also für Beschäftigung, wie auch für ein Aktivsein in einer Leitungstätigkeit auf Vorstandsebene im Ehrenamt oder aber als freiwilliger Mitarbeiter bei einer Dritte-Sektor-Organisation. Hierbei variieren die Motive durchaus zwischen "Spaß an der Tätigkeit" und "Etwas dazulernen zu wollen". Letzteres ist, wie verschiedene Studien zeigen,[25] insbesondere für Frauen und in zunehmendem Maße auch für Jugendliche und junge Erwachsene ein wichtiger Anreiz für Volunteering als unbezahlte Mitarbeit in einer gemeinnützigen Organisation. Vor dem Hintergrund einer Wissensgesellschaft, die uns mit der Anforderung eines lebenslangen Lernens konfrontiert, gewinnt bürgerschaftliches Engagement als unbezahlte freiwillige Tätigkeit nochmals einen anderen Stellenwert. Danach sind Dritte-Sektor-Organisationen auch Lernfelder und Erprobungsraum nicht nur für soziale Kompetenzen, worauf insbesondere im Kontext der Sozialkapitaldiskussion Bezug genommen wird, sondern eben auch für alltagspraktisches und berufsrelevantes Wissen. Die Ergebnisse unserer Organisationsbefragung zeigen deutlich, dass bürgerschaftlich Engagierte als freiwillige Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in einem sehr breiten und klar berufsqualifizierenden Spektrum von Tätigkeiten aktiv sind.[26] Dieses reicht von Öffentlichkeitsarbeit, Interessenvertretung und Fundraising über die Organisation von Veranstaltungen bis hin zu Buchführung, Adressenverwaltung oder Transport- und Fahrdiensten.

Ferner weisen neuere Studien die Vielschichtigkeit und die multiplen Verbindungen zwischen bürgerschaftlichem Engagement und beruflicher Tätigkeit außerhalb des Dritten Sektors aus. Gemäß der qualitativen Studie von Ulrike Schumacher[27] können sich der Beruf außerhalb des Dritten Sektors und bürgerschaftliches Engagement als unbezahlte Leitungstätigkeit oder Mitarbeit in gemeinnützigen Organisationen gegenseitig ergänzen oder wechselseitig verstärken. Das Engagement kann als Alternative und/oder Ausgleich zum stressigen Beruf sowie als Wiedereinstieg in den Berufsalltag dienen.

Die besondere Arbeits- und Beschäftigungsstruktur in Dritte-Sektor-Organisationen, die sich durch ein Miteinander von bürgerschaftlichem Engagement und bezahlter Tätigkeit auszeichnet, wird weiter verstärkt durch die Heterogenität der Beschäftigungsverhältnisse. Diese schließen haupt- und nebenamtliche Tätigkeiten ebenso ein wie Voll- und Teilzeitarbeit, Honorartätigkeit, stundenweise Beschäftigung sowie auch besondere Beschäftigungsformen, wie etwa in der Vergangenheit Zivildienst oder ABM und gegenwärtig die so genannten Ein-Euro-Jobs. Analog zu den Sektoren Staat und Markt lässt sich bei den beschäftigungsintensiven Organisationen derzeit ein deutlicher Trend zur Flexibilisierung der Beschäftigungsformen und insbesondere die Zunahme von Teilzeitbeschäftigung feststellen. Ferner sind gemeinnützige Organisationen ein wichtiger Arbeitsmarkt für Frauen. Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass die beschäftigungsintensiven Organisationen vorrangig in den Bereichen Soziale Dienste und Gesundheitswesen zu finden sind. Allerdings sind, analog zur Beschäftigungssituation in Marktunternehmen und staatlichen Einrichtungen, auch in Dritte-Sektor-Organisationen Frauen in Leitungs- und Führungspositionen eher selten tätig.

Eine Beschäftigungsstruktur, die sich durch einen hohen Frauenanteil und flexible Arbeitsformen auszeichnet, kann sowohl negativ als Ausdruck von Kürzungsmaßnahmen und "Billigjobs" gebrandmarkt als auch positiv als Chance zur Integration und damit als Brücke in den Arbeitsmarkt eingeschätzt werden. Je nach Perspektive wird dies sehr unterschiedlich wahrgenommen, wobei jedoch nicht vergessen werden darf, dass der Dritte Sektor aufgrund seiner Spezifik kein Äquivalent zum "normalen" Arbeitsmarkt darstellt. Dafür sind seine Organisationen zu sehr durch bürgerschaftliches Engagement geprägte und auf die Ressource Solidarität angewiesene Wertgemeinschaften, die jedoch gerade aufgrund dieser Strukturbesonderheit flexibel auf gesellschaftliche Bedarfe reagieren und damit maßgeblich zur gesellschaftlichen Integration beitragen können. Nicht zuletzt infolge der Heterogenität der Beschäftigungsstrukturen und der engen Verbindung zwischen bürgerschaftlichem Engagement und beruflicher Tätigkeit sind Dritte-Sektor-Organisationen unter anderem in der Lage, den Übergang zwischen verschiedenen Lebensphasen oder auch Beschäftigungsverhältnissen zu erleichtern. Die besondere Eignung des Dritten Sektors als "Übergangsarbeitsmarkt"[28] äußert sich nicht nur in den besonderen Beschäftigungschancen für Frauen, denen aufgrund flexibler Arbeitszeitgestaltung die Vereinbarkeit von beruflicher Tätigkeit und familiären Aufgaben hier offenbar besser gelingt als in anderen Bereichen, sondern auch in der überproportionalen Beschäftigung von Älteren.[29]

Die hohe Attraktivität von Dritte-Sektor-Organisationen als Arbeitsplatz bestätigen Befragungen von Beschäftigten in Dritte-Sektor-Organisationen.[30] Besonders positiv fielen die Bewertungen hinsichtlich der Leitung, Arbeitsorganisation, Führung durch die Vorgesetzten und des Betriebsklimas aus. Auch die hohe Motivation der Beschäftigten, die allgemeine Zufriedenheit mit ihrer beruflichen Tätigkeit sowie eine bewusste Entscheidung für eine berufliche Tätigkeit in diesem Sektor spielen eine große Rolle. Besonders positiv werden die Beziehungen unter den Mitarbeitern und das Image der Organisation als Arbeitgeber bewertet. Hervorgehoben wird von den Beschäftigten, dass sie eine sinnvolle und verantwortungsvolle Tätigkeit ausübten und Freude an ihrer Arbeit hätten. Unzufriedenheit findet man hingegen eher bei der Entlohnung und den beruflichen Aufstiegs- und Entwicklungsmöglichkeiten. In Abhängigkeit von den Bereichen des Dritten Sektors werden bestimmte Belastungen auch als negativ empfunden. Im Pflegebereich sind dies der "Zeitdruck", der psychische Stress und die seelisch belastende und aufreibende Arbeit. Hohe Arbeitsbelastungen sind in diesem Bereich zudem häufig mit schlechten Arbeitsbedingungen gekoppelt. Dies wird dadurch verstärkt, dass beispielsweise im Sozialbereich durch die zunehmende Budgetierung und den Kostendruck von Seiten des Staates die Organisationen effizienter arbeiten müssen, was zu höherer Arbeitsbelastung und Überforderung der Mitarbeiter führen kann.


Fußnoten

20.
Vgl. den Beitrag von Thomas Gensicke in diesem Heft.
21.
Vgl. A. Zimmer/E. Priller (Anm. 3), S. 60.
22.
Vgl. Jürgen Baur/Sebastian Braun, Zweiter Arbeitsmarkt im Sport, Aachen 1999.
23.
Vgl. C. Frantz (Anm. 3).
24.
Näheres vgl. http://www.be-management.org. Die Projektergebnisse werden in Kürze veröffentlicht.
25.
Vgl. Gisela Jakob, Zwischen Dienst und Selbstbezug. Eine biografieanalytische Untersuchung ehrenamtlichen Engagements, Opladen 1993; Lesley Hustinx, Reflexive modernity and styles of volunteering. The Case of the Flemish Red Cross volunteers, Leuven 2003.
26.
Vgl. A. Zimmer/E. Priller (Anm. 3).
27.
Vgl. Ulrike Schumacher, Kombinationen von bürgerschaftlichem Engagement und Erwerbsarbeit. Zur Rolle freiwilliger Tätigkeiten in der Krise der Arbeitsgesellschaft, in: Sandra Kotlenga/Barbara Nägele/Nils Pagels/Bettina Ross (Hrsg.), Arbeit(en) im Dritten Sektor. Europäische Perspektiven, Mössingen-Thalheim 2005, S. 188 - 200.
28.
Günther Schmid, Wege in eine neue Vollbeschäftigung. Übergangsarbeitsmärkte und aktivierende Arbeitsmarktpolitik, Frankfurt/M. 2002; Annette Zimmer/Christina Stecker (Hrsg.), Strategy Mix for Nonprofit Organisations. Vehicles for Social and Labour Market Integrations, New York 2004.
29.
Vgl. Dietmar Dathe/Ernst Kistler, Arbeit(en) im Dritten Sektor, in: S. Kotlenga u. a. (Anm.27), S. 54 - 66.
30.
Vgl. Ruth Simsa, Beschäftigung im Dritten Sektor, in: S. Kotlenga u. a. (Anm.27), S. 167 - 187.