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16.3.2006 | Von:
Reinhard Fatke
Martin Biebricher

Jugendbeteiligung - Chance für die Bürgergesellschaft

Beteiligung kann man lernen

Neben einer Beschreibung des Ist-Zustandes lassen die Befragungsergebnisse eine tiefer gehende Analyse zu. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, welche Faktoren ausschlaggebend für Umfang und Intensität der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen sind. Dazu wurde untersucht, in welchem Maße die Partizipationsintensität in der Familie, in Schule und Freizeit, die Zufriedenheit mit bisherigen Partizipationserfahrungen am Wohnort, die allgemeine Lebenszufriedenheit, eine mögliche intrinsische Motivation zur Partizipation, ein konkreter Veränderungswille, eine hohe Attraktivität der Partizipationsangebote, das individuelle politische Interesse, die Politikzufriedenheit, das subjektive Qualifikationsempfinden in Bezug auf Partizipation, mögliche Zeitrestriktionen, die Einbindung in Vereine, der Informationsstand bezüglich der Partizipationsangebote am Wohnort, die Bestätigung aus dem sozialen Umfeld sowie die Partizipationsaffinität des Freundeskreises das individuelle Partizipationsverhalten beeinflussen.

Die Studie identifiziert sieben Faktoren, welche die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen im kommunalen Gemeinwesen nachweislich stärken. Demnach hängt die Mitwirkung der jungen Menschen wesentlich von positiven Partizipationserfahrungen in Schule, Verein und Kommune ab. Außerdem sind der Informationsstand über die lokalen Beteiligungsangebote sowie das Zutrauen in die eigenen Kompetenzen ausschlaggebend für die Mitsprache der Kinder und Jugendlichen. Ein engagierter Freundeskreis sowie der eigene Wunsch, etwas verändern zu wollen, motivieren darüber hinaus, sich schon früh für das Gemeinwesen einzusetzen.

Daraus können Handlungsempfehlungen für eine Stärkung der Partizipation von Kindern und Jugendlichen im kommunalen Gemeinwesen abgeleitet werden. Ein zentraler Faktor dabei ist die Zufriedenheit mit bisherigen Partizipationserfahrungen am Wohnort. Die Zufriedenheit bezieht sich sowohl auf den Partizipationsprozess als auch auf das -ergebnis. Zufriedenheit ist stets das Ergebnis eines individuellen Abgleichs zwischen Erwartungen und Erleben. Es gilt deshalb zunächst, die Erwartungen von Kindern und Jugendlichen an den Beteiligungsprozess sowie an das Ergebnis zu ermitteln und die lokalen Partizipationsangebote darauf auszurichten. Darüber hinaus sollte die Zufriedenheit von Kindern und Jugendlichen mit Partizipationsprojekten kontinuierlich erfasst und evaluiert werden, um darauf aufbauend Verbesserungspotenziale zu identifizieren. Da Zufriedenheit nur in Bezug auf selbst erlebte Partizipation entstehen kann, ist die Sicherstellung der Partizipationszufriedenheit primär ein Instrument zur Intensivierung der Mitwirkung bereits partizipierender Kinder und Jugendlicher, weniger aber zur Heranführung bislang partizipationsferner Zielgruppen.

In diesem Zusammenhang richtet sich der Blick auf den Informationsstand bezüglich der Mitwirkungsmöglichkeiten, das subjektive Qualifikationsempfinden, die Einbindung in Vereine sowie die Partizipationsintensität in der Schule. Es gilt also, die Partizipationsangebote am Wohnort zielgruppengerecht zu kommunizieren, sodass Kinder und Jugendliche ihre Beteiligungsmöglichkeiten kennen und über aktuelle Projekte und Vorhaben informiert sind. Wesentlich ist außerdem, durch gezielte Angebote die Partizipationskompetenz von Kindern und Jugendlichen und damit das subjektive Qualifikationsempfinden zu stärken. Darüber hinaus sprechen die empirischen Ergebnisse für eine Einbeziehung der örtlichen Vereine in kommunale Partizipationsprojekte. Schließlich ist auch die Partizipationsintensität in der Schule ein Faktor, um Kinder und Jugendliche an Beteiligungsprojekte am Wohnort heranzuführen. Hier scheint besonders eine stärkere Vernetzung der Angebote von Schule und kommunaler Jugendarbeit Erfolg versprechend.

Hingegen sind die Faktoren "Partizipationsaffinität des Freundeskreises" und "konkreter Veränderungswille" zwar bedeutsam für Umfang und Intensität des Partizipationsverhaltens von Kindern und Jugendlichen, entziehen sich aber weitgehend einer direkten Beeinflussbarkeit.

Insgesamt lassen sich die Handlungsempfehlungen aus den Ergebnissen des Jugendlichenmodells in Form einer Partizipationsspirale darstellen (Vgl. Abbildung 2 der PDF-Version). Hierbei dienen der Informations- und Qualifikationsstand der Kinder und Jugendlichen sowie zielgruppengerechte, mit Schule und Vereinen vernetzte Partizipationsangebote als Einstieg in eine Mitwirkung am Wohnort, die dann über positive Partizipationserfahrungen (Zufriedenheit) als sich selbst verstärkender Prozess seine Fortsetzung findet.

Die Bertelsmann Stiftung wird auf der Basis dieser Ergebnisse in den nächsten zwei Jahren gemeinsam mit den Städten Essen, Leipzig und Saalfeld neue Wege bei der Partizipation von Kindern und Jugendlichen erproben. Im Rahmen der Praxisphase der Initiative "mitWirkung!" sollen dabei in den drei Modellstädten wirksame Strukturen zur nachhaltigen Beteiligung junger Menschen entwickelt und verankert werden. Dabei wird vor allem auf die Qualifizierung und Begleitung der lokalen Akteure gesetzt. In allen drei Städten werden Mitarbeiter der Kommunalverwaltungen, Jugendarbeiter und Lehrer zu Prozessmoderatoren für Kinder- und Jugendbeteiligung ausgebildet. Durch das Angebot regelmäßiger Beteiligungstrainings in Schulen und Jugendeinrichtungen wird außerdem die Partizipationskompetenz der jungen Menschen gezielt aufgebaut und gestärkt. Parallel dazu sollen der interkommunale Austausch und die Vernetzung der Kommunalpolitik durch gemeinsame Fachveranstaltungen und Foren gefördert werden.

Die Erkenntnisse der Initiative "mitWirkung!" werden systematisch gebündelt und an Entscheider in Kommunen, Ländern und im Bund sowie an Vereine und Verbände weitergegeben.