Demonstration gegen Hartz IV am 2.10.2004 in Berlin

25.10.2019 | Von:
Daniela Schiek
Carsten G. Ullrich

Generationen der Armut? Zur familialen Transmission wohlfahrtsstaatlicher Abhängigkeit

Teilen von Lebensweisen im Hartz-IV-Generationenverbund: Eine Typologie

Um die Modi zu verstehen, anhand derer sich benachteiligte Generationenverbünde als solche kulturell reproduzieren, transformieren oder aber auflösen, haben wir auf der Grundlage der familiengeschichtlichen Gespräche und ihrer sequenzanalytischen Rekonstruktion drei Grundmuster herausgearbeitet (Abbildung).

Abbildung: Kulturelle Dynamik von "Hartz IV-Generationen"Abbildung: Kulturelle Dynamik von "Hartz IV-Generationen" (© bpb)

Im ersten Muster ("kulturelle Reproduktion") zeigt sich eine klare "Vererbung" des Lebensstils, wobei sich Eltern und ihre Kinder nicht einfach in einer ähnlichen Situation befinden. Vielmehr teilen Eltern und Kinder ihr Leben direkt miteinander und binden sich "schicksalhaft" aneinander. Es handelt sich somit um eine sowohl kulturelle wie auch materielle Lebensgemeinschaft.

Beide Generationen zeichnen sich durch einen langfristigen Bezug von Sozialleistungen und beinahe lebenslange Arbeitslosigkeit aus, ebenso sind schulische und berufliche Qualifikationen kaum vorhanden. Darüber hinaus lassen sich keine generationsspezifischen (jeweils eigenen) Erfahrungen finden – aus generationssoziologischer Sicht ist eine Revision der elterlichen Lebensweise erforderlich, damit eine neue kulturelle Generation aufgebaut werden kann. Doch dies unterbleibt bei diesem Muster. Stattdessen kommt es zu einer fast bewundernden Übernahme der Geschichte des anderen. In der Regel handelt es sich um die Übertragung eines biografischen Traumas (etwa sexuelle Missbrauchs- oder Erfahrungen anderer extremer Gewalt), dessen Verbindungskraft auch durch eine gewisse "Verzauberung" zustande kommt: Die Familie wird zu einer Schicksalsgemeinschaft, indem schreckliche Geschichten "gefeiert" und zu einem "Spektakel" gemacht werden, als handle es sich um helden- oder märchenhafte Geschichten. Dies kann als Ritual verstanden werden, der den Zusammenhalt von Gemeinschaften stärkt und bestehende Ordnungen transzendiert.[15] Sofern aber die zelebrierten Geschichten, trotzdem sie feierlich vorgetragen werden, buchstäblich schockieren, werden durch diese Praxis gleichzeitig Handlungen und Lebensperspektiven immer wieder gelähmt.

Dieses Ineinanderrücken und Zelebrieren traumatisierender Lebensgeschichten wird noch zusätzlich durch das Zusammenleben der Generationen in einer symbiotischen Gemeinschaft intensiviert. So werden, obwohl teilweise eigene Wohnungen vorhanden sind, kaum getrennte Haushalte geführt und nicht nur die Tage, sondern auch die Nächte weitgehend gemeinsam miteinander verbracht. Ebenso ist ein gewisses "Einschwören" aufeinander zu beobachten: "Wir haben ja uns", "uns bringt niemand auseinander".

Die Tatsache, dass eine biografische Version der einen Generation von der anderen übernommen wird und eine symbiotische Gemeinschaft existiert, bedeutet allerdings nicht, dass sie nicht mühsam in Kommunikationen ausgehandelt werden muss und dass das Einschwören der Generationen aufeinander nicht zu Konflikten führt. Denn gerade auf diese kommunikative Aushandlung kommt es bei der "Übertragung" der Sicht- und Lebensweisen zwischen den Generationen an. So sind es auch nicht Traumata und Belastungen als solche, die zur Lähmung der Perspektiven führen, sondern es hängt davon ab, ob sich einzelne biografische Versionen bei anderen Familienmitgliedern nachhaltig durchsetzen können und die Familiengeschichte sowie die sich um sie versammelnde Gemeinschaft anerkannt, wenn nicht sogar verehrt werden.

So zeigen sich auch im zweiten Typus, der "kulturellen Transformation", Versuche von Familienmitgliedern, bei den anderen Bewunderung und Solidarisierung für eigentlich schockierende oder zumindest wenig amüsierende Episoden zu wecken. Im Unterschied zum ersten Typus der Reproduktion erfolgt hier jedoch ein systematisches Entzaubern der Geschichten durch die anderen Familienmitglieder, infolge derer es zu Veränderungen der biografischen Sicht- wie auch der tatsächlichen Lebensweisen in der Familie kommt. In diesem Typus sind die Kinder (in unterschiedlichen Reichweiten) erfolgreich aufgestiegen und distanzieren sich (allerdings ebenfalls in unterschiedlichen Graden) deutlich von den Handlungs- und Sichtweisen ihrer Eltern und Geschwister.

Dabei kommt es jedoch nicht zu einem Abrücken der Generationen voneinander, sondern zu einer wechselseitigen intergenerationellen Angleichung. So lösen sich die Kinder hier nicht vehement von ihrer Mutter, um allein den eigenen Weg zu gehen und aufzusteigen, sondern sie nehmen ihre Eltern mit: Wir finden hier Töchter, die ihren Müttern Arbeitsstellen vermitteln, weil sie aus der Sozialhilfe aussteigen wollen und ihre Mütter aktiver sehen wollen, oder Kinder, die die biografischen Sichtweisen ihrer Mutter durch Ergänzungen und Korrekturen erfolgreich verändern, aber auch Mütter oder Schwestern, die ihre Kinder oder Geschwister daran erinnern, dass sie Optionen auf dem Arbeitsmarkt haben und ihre Leben im Hartz-IV-Bezug daher kein Schicksal ist. Obwohl also auch hier die Mütter zunächst sich selbstrechtfertigend das Gespräch dominieren, wird ihnen im familiären Kontext erfolgreich widersprochen; ihre Versionen haben keine beständige Geltungskraft.

Neben diesen kulturellen Abgrenzungen und tatsächlichen Veränderungen der gemeinsamen Lebensweisen gibt es auch klare räumliche Distanzierungsbemühungen, wie den Wunsch nach einer eigenen Wohnung, einem separaten Raum und nach unbedingter finanzieller Unabhängigkeit von der familiären Unterhalts- beziehungsweise Bedarfsgemeinschaft. Entscheidend ist hier, dass es wohlfahrtstaatliche Leistungen wie Wohngeld, Bafög wie auch die Sozialhilfe beziehungsweise das Arbeitslosengeld II selbst und Stipendien sind, die die Individualisierungsbestrebungen und Veränderungen innerhalb der Familie antreiben. Gleichzeitig sind die darin verankerten Unterhalts- und Bedarfsgemeinschaftsbestimmungen für die Kinder Hemmschuhe, die sie am Sinn des Generationenverbunds beziehungsweise starker familialer Beziehungen zweifeln und ihren Wunsch wachsen lassen, diese aufzulösen. Zum Beispiel schildert eine Tochter, wie verzweifelt sie gewesen sei, als zunächst nicht klar war, ob sie – aufgrund ihrer Eltern – vom Hartz-IV-Bezug in den Status einer Bafög-Empfängerin wechseln und ihr eigenes Leben in die Hand nehmen könne. Auch wurden uns in den Interviews Diskussionen über Individualisierungsbestrebungen einzelner Kinder beziehungsweise Geschwister gezeigt, die als "wunde Punkte" innerhalb der Familie gelten können. Und so ist schließlich zu beachten, dass sich die Transformationsprozesse und insbesondere die Distanzierungsbestrebungen der Kinder in diesem Typus in unterschiedlichem Ausmaß vollziehen können, was bedeutet, dass es neben relativ starken Verbindungen zum elterlichen Milieu und absolut friedlichen Diskussionen auch "lodernde" Probleme und unerfüllte Forderungen nach mehr Autonomie seitens der Kinder gibt, sodass sich hier die Möglichkeit einer vollständigen Trennung von den Eltern und das Ende der gemeinsamen Kompromisse zeigt.

Ein solcher "Bruch" zeigt sich in unserer Untersuchung naturgemäß nur theoretisch: Durch die Methode des familiengeschichtlichen Interviews konnten wir keine Familienmitglieder einbeziehen, die an einer solchen Diskussion mit ihrer Familie nicht mehr teilnehmen wollen oder können. Die Deutungs- und Handlungsalternativen eines vollständigen Bruchs mit dem Herkunftsmilieu haben sich uns jedoch nicht nur in den oben erwähnten Konflikten ungewissen Ausgangs gezeigt. Auch haben oftmals einzelne Geschwister explizit die Teilnahme am Gespräch verweigert oder haben gar keinen Kontakt mehr zu denjenigen Familienmitgliedern, die mit uns gesprochen und darüber berichtet haben. Mit diesem dritten Modus der "kulturellen Ausstiege" beschreiben wir also die in den Interviews wie auch in der Familie abwesenden Kinder.

In der Regel beginnt das (freiwillige) Verlassen der Mütter durch die Aussteiger*innen relativ früh. Sie ziehen aus und/oder leben mit dem Vater oder den Großeltern als Vertreter*innen einer "Gegenkultur" zusammen. Ebenso begleiten Aufenthalte in Kinderheimen, häufiges Ausreißen von zu Hause und Selbstmordversuche die Kindheit und Jugend, bis die Volljährigkeit die Möglichkeit zu einem (wenn auch zunächst sozialarbeiterisch betreuten) selbstständigen Leben bringt und sogar zu äußerst erfolgreichen Karrieren führt.

Folgt man der Literatur, sind es genau die frühen Fluchten aus dem Familienklima, die zu den außergewöhnlichen Erfolgen dieser Kinder führen.[16] Ihr Gespür, sich bedrohlichen Situationen rechtzeitig zu entziehen, sorgten für den nötigen Antrieb und die ständige Bewegung ihres Karriereweges; sie ließen sich nicht blockieren. Und sofern es sich bei den Gefahren in der Familie teilweise um echte Lebensbedrohungen handelt (Vernachlässigung, Gewalt und sogar auf ihre Kinder erweiterte Suizidversuche der Eltern), wird genau dies es sein, was die Entwicklung des Neuen bei den Kindern so massiv befördert: Das Erleben von körperlicher Gewalt ist ein starkes Motiv für die Konstitution neuer Generationen. Nichts führt stärker zu einem Vertrauensverlust in den Schutz und die Überlegenheit der Erfahrungen der Älteren als die Erkenntnis, dass sie grundlegende physische Bedrohungen zulassen oder sogar daran teilnehmen.[17] Und so werden diese erfolgreichen Aussteiger*innen in der Literatur auch "Überlebende" genannt.[18]

Während also im ersten Typus die Familiengeschichte und -gemeinschaft "verehrt" wird, wird sie im zweiten Modell systematisch, aber kooperativ "desillusioniert", wobei unklar ist, wie weit die Kooperationen gehen und sich nicht doch ein Bruch beziehungsweise Ausstieg seitens der Kinder ankündigt. So ist im dritten Typus eine gemeinsame Aushandlung offensichtlich nicht mehr möglich, und es verbleibt nur der vollständige, aber ausgesprochen erfolgreiche Ausstieg aus dem Generationenverbund.

Sozialpolitische Schlussfolgerungen

Mit der Typologie lässt sich zeigen, dass das direkte Miteinanderteilen wohlfahrtsstaatlicher Abhängigkeit zwischen den Generationen bestimmten Bedingungen unterliegt und nur einen Modus des Umgangs von Familien mit ihrer Hartz-IV- oder Sozialhilfegeschichte darstellt. Die Armutskarrieren der Familien werden ebenso auch transformiert oder unter- beziehungsweise abgebrochen. Entscheidend scheint dabei die Stärke der familialen Gemeinschaft zu sein. Man kann sagen: Je fragiler der Generationenverbund zwischen den Eltern und ihren Kindern, desto erfolgreicher wird die "Sozialhilfekarriere" gemeinsam oder aber durch die Kinder überwunden – gerade auch durch wohlfahrtsstaatliche Unterstützung.

Tatsächlich sind familiale Generationenbeziehungen und individuelle Lebenswege auf das Engste miteinander verwoben, auch wenn Familie und soziale Ungleichheit häufig wie zwei unglücklicherweise wie zufällig miteinander Verwandte behandelt werden. So hat (nicht erst) Bourdieu die Familie als zentralen Schlüssel der Klassen- beziehungsweise Kapitalreproduktion beschrieben, weshalb sie allein für Privilegierte Sinn ergebe.[19] Daher profitieren ökonomisch "gespannte" Familienbeziehungen, wenn sie durch wohlfahrtsstaatliche Leistungen vom Druck der finanziellen Abhängigkeit weitgehend entlastet werden.[20] Zwar können sich, wie in unseren Typen, die Kinder mit wohlfahrtsstaatlicher Unterstützung erfolgreich von ihrem Herkunftsmilieu lösen. Sie müssen dies aber auch, weil sie hinsichtlich ihrer Lebensoptionen durch die familienorientierte Sozialpolitik und das Unterhaltsrecht immer wieder an sie verwiesen werden und die Sozialleistung sonst nicht für sich beziehungsweise das Ingangsetzen ausgesprochen erfolgreicher Karrieren nutzen können. Sie kämen sonst buchstäblich nicht von ihrem Herkunftsmilieu los. Besonders unser zweiter Typ zeigt sehr deutlich, wie stark sich Kinder mit ihren Eltern an ihrer gemeinsamen ökonomischen Verbundenheit reiben und der Sozialstaat ihr verlässlicher Partner bei der sozialen Platzierung ist, wenn Privilegien und Kompromisse "von Haus aus" fehlen. Dabei kann die Energie, die diese Kinder ohnehin schon deutlich mehr aufbringen müssen als Kinder aus gut situierten Familien, jederzeit kippen; wie sich in unseren Interviews zeigt, ist zwischen Durchhalten und erfolgreichem Aufstieg auf der einen und der Kapitulation auf der anderen Seite nur ein schmaler Grat, und es lässt sich erahnen, dass die Aufsteiger*innen in ihrer Verzweiflung nicht immer rechtzeitig abgeholt werden.

Für benachteiligte Familien stellt sich das enge Binden von ökonomischen Chancen und wohlfahrtsstaatlichen Leistungen an die Familie, wie sie im Zuge der Hartz-IV-Gesetzgebung noch einmal verstärkt worden ist, also als Paradoxie, wenn nicht sogar als Perfidie dar. Um ihre Aufstiegs- und Integrationswirkung zu erhöhen, müssten Sozialleistungen demnach so ausfallen, dass sich unterprivilegierte Einzelne aus unzumutbaren Abhängigkeiten ohne Sanktionen und Abstiegsrisiken lösen können. Dies setzt nicht nur eine deutlich umfassendere, sondern auch eine entsprechend defamilialisierte Sozialpolitik voraus.

Fußnoten

15.
Vgl. Hans Joas, Die Macht des Heiligen. Eine Alternative zur Geschichte von der Entzauberung, Berlin 2017.
16.
Vgl. Martin Schmeiser, Deutsche Universitätsprofessoren mit bildungsferner Herkunft, in: Jahrbuch für historische Bildungsforschung, Heilbrunn 1996, S. 135–183; Sybil Wolin/Steven Wolin, The Resilient Self. How Survivors of Troubled Families Rise Above Adversity, New York 1993.
17.
Vgl. Bernhard Giesen, Generation und Trauma, in: Jürgen Reulecke/Elisabeth Müller-Luckner/Heinz Bude (Hrsg.), Generationalität und Lebensgeschichte im 20. Jahrhundert, München 2003, S. 59–71.
18.
Vgl. Wolin/Wolin (Anm. 16).
19.
Vgl. Bourdieu (Anm. 8), S. 132.
20.
Vgl. Claudine Attias-Donfut, Familialer Austausch und soziale Sicherung, in: Martin Kohli/Martin Szydlik (Hrsg.), Generationen in Familie und Gesellschaft, Opladen 2000, S. 222–237; Harald Künemund/Matthias Rein, There is More to Receiving than Needing: Theoretical Arguments and Empirical Explorations of Crowding in and Crowding Out, in: Ageing and Society 19/1999, S. 93–121.
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