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25.1.2006 | Von:
Dennis Mocigemba

Computer und Nachhaltigkeit

Digitale Spaltung

Die Geschichte des Computers als technisches Artefakt und Produkt ist geprägt von polarisierenden Debatten über seine Sozialverträglichkeit. Noch Ende der sechziger Jahre waren Computer in der öffentlichen Meinung stark umstritten. Man betrachtete sie als entmenschlichenden Faktor in Arbeitsprozessen und in der Gesellschaft generell. In den USA sah sie die Bewegung gegen den Vietnamkrieg zudem als Mittel der Kriegführung an und stellte sie in einen politischen und sozialen Kontext.

Mit zunehmender Verbreitung stieg der Computer allmählich zum politischen Symbol auf. Viel einflussreicher als die diffusen Befürchtungen einer skeptischen Öffentlichkeit waren hierbei allerdings soziale Bewegungen und ihre Forderungen aus Kreisen, die an der Entwicklung und Verbreitung von Hard- und Software maßgeblich beteiligt waren. Pioniere wie Joseph Carl Robnett Licklider und Douglas Engelbart priesen mit griffigen Visionen und Schlagworten ("Mensch-Computer-Symbiose" bzw. "Intelligenzverstärkung") die Nützlichkeit der Computertechnologie auch im Privaten, einem Bereich, in dem sich diese für breite Teile der Bevölkerung zu jener Zeit noch nicht erkennen ließ.

Diese zunächst unpolitischen Visionen wurden bald mit politischen und sozialen Forderungen aufgeladen: "Computer Power to the People!", lautete in den siebziger Jahren das Motto der als "Computer Liberation" firmierenden Bewegung. "By Computer Lib. I mean simply: making people freer through computers",[2] beschrieb Ted Nelson, der vielleicht profilierteste Aktivist jener Tage, das Ziel. Nelson warnte vor einer gesellschaftlichen Spaltung durch die ungleiche Verteilung von Computern und den damit einhergehenden ungleichen Chancen, von ihnen zu profitieren. Plakativ und provokativ sprach er von zwei sich voneinander entfernenden Kulturen, den Nerds und den Fluffies; die einen hatten Zugriff auf und Kenntnisse über die neue Technologie, den anderen blieb sie verwehrt.

Die starke Verbreitung von Personalcomputern (PCs) und des Zugangs zum Internet in der industrialisierten Welt lässt derartige Forderungen als Relikte vergangener Zeiten erscheinen. Doch ist die Debatte um die Verfügungsmacht und den Zugang zu IT-Technologie auch heute noch aktuell. Die gesellschaftliche Spaltung vollzieht sich allerdings nicht mehr vornehmlich zwischen technikbegeisterten Nerds und skeptischen Fluffies. Zwar sprechen deutsche Initiativen wie "Schulen ans Netz" oder verschiedene Seniorennetze gezielt vermeintlich benachteiligte soziale Gruppen an. Eine viel tiefere digitale Spaltung jedoch vollzieht sich im globalen Maßstab zwischen industrialisierter Welt und Entwicklungsländern.

Die digitale Spaltung (digital divide) war Anlass für den ersten UN-Weltgipfel zur Informationsgesellschaft (WSIS) 2003 in Genf. Dort wurden Grundsätze und ein Aktionsplan zur Gestaltung einer weltweiten Informationsgesellschaft formuliert. Der zweite Gipfel dieser Art fand im November 2005 in Tunis statt. Er wurde dominiert von Diskussionen über die freie Meinungsäußerung im Internet, die Öffnung der Märkte in ärmeren Ländern für die Informationstechnologien und die Verwaltung des Internets (internet governance).


Fußnoten

2.
Theodor Holm Nelson, Computer Lib/Dream Machines, (Eigenverlag) 1974, S. 70.