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25.1.2006 | Von:
Dennis Mocigemba

Computer und Nachhaltigkeit

Freie Software und Open Source

Im Jahr 1976 verkauften Bill Gates und Paul Allen einen BASIC-Interpreter, einen "Übersetzer" der Computersprache BASIC, für den damals sehr populären Altair-Heimcomputer. Dieser Verkauf rief Aufsehen und Empörung hervor, weil er gegen die damals unter Programmierern dominierende Hacker-Ethik verstieß.[6] Diese garantierte Softwareentwicklern freien Zugriff auf und uneingeschränktes Teilen von Information. In einem offenen Brief verteidigte Gates sein Vorgehen und stellte seine Arbeit als Programmierer mit jener der Hardwareentwickler auf eine Stufe. Er bezichtigte Entwickler, die Software frei teilten, des Diebstahls und warf ihnen vor, die Entwicklung guter Software zu erschweren. Der Brief löste heftige Debatten aus, und der Vorfall ging als Software Flap in die Geschichte ein.

Mit dem Aufstieg der Softwareproduktion zur Industrie verloren ethisch-moralische und soziale Forderungen gegenüber ökonomischen Interessen zunehmend an Bedeutung, bis der Informatiker Richard Stallman 1985 die Free Software Foundation (FSF), eine gemeinnützige Organisation zur Förderung und Produktion Freier Software, gründete. Sein Konzept umfasst vorrangig Fragen zur Lizenzierung von Software und die Forderung nach einem für jedermann zugänglichen Quelltext. Bekanntheit erlangte Stallman durch das GNU-Projekt.[7] Dieses verfolgt das Ziel, ein freies Betriebssystem zu etablieren und die Hacker-Ethik wiederzubeleben. Motivation schöpfte Stallman dabei vornehmlich aus seiner Arbeit an einem Texteditor namens Emacs, der von vielen Entwicklern gemeinsam erarbeitet und ständig verbessert wurde. Die Nutzungsbedingungen von Emacs sahen vor, dass jeder das Programm frei anwenden und seinen Bedürfnissen (z.B. durch das Schreiben von Zusatzfunktionen) anpassen darf, solange er diese Änderungen der Gemeinschaft von Nutzern (Emacs Commune) mitteilt: "Emacs was more than a single software programm. It was a social contract."[8] Stallman sprach häufig von einer Church of Emacs und den moralischen Verpflichtungen der Entwicklergemeinde.

Neben einigen heute weit verbreiteten Entwicklerwerkzeugen (z.B. Debugger, Compiler) ist die GNU General Public License (GNU GPL) aus dem Jahr 1989 das wahrscheinlich wertvollste Resultat des GNU-Projekts. Diese versucht ganz im Geiste alter Hackerzeiten am Massachusetts Institute of Technology (MIT) oder in der Emacs Commune das Teilen von Information und das gemeinschaftliche Entwickeln zu forcieren. Sie garantiert die Partizipation am Entwicklungsprozess von Software nach den Fähigkeiten des Einzelnen und nicht nach Firmenzugehörigkeit. Die GNU GPL hatte einschneidende Wirkung auf den Entwicklungsprozess von Software: 1991 veröffentlichte Linus Torvalds das dem GNU-Projekt lange fehlende Herz eines freien Betriebssystems, den Kernel namens Linux. Er stellte diesen unter die GNU GPL. Der Siegeszug von Linux ist seither auch ein Siegeszug der GNU GPL und somit eines alternativen, egalitären, offenen und freieren Entwicklungsmodells von Software.

Trotz seines Votums für die GNU GPL distanzierte sich Torvalds stets vehement von den ethisch-moralischen Ansprüchen der FSF. Er bezeichnete Stallman als "religiösen Fanatiker" und grenzte sich wiederholt von dessen sozialen und politischen Forderungen ab: "Ich muss zugeben, dass mir die gesellschaftspolitischen Fragen, die Stallman so am Herzen lagen (...), kaum bewusst waren (...). Mich interessierte die Technik, nicht die Politik."[9] 1998 spaltete sich ein Teil der Free-Software-Bewegung von Stallman ab und führte den Begriff Open Source ein. Dieser unterscheidet sich nur geringfügig von Stallmans Free Software-Konzept. Open-Source-Anhänger kritisieren an der Free-Software-Bewegung vornehmlich deren starke ideologische Ausrichtung und die Überbewertung ethisch-moralischer gegenüber technischen Diskussionen. Derartige Spannungen innerhalb dieses alternativen Modells der Softwareentwicklung führten zu zwei unterschiedlichen Schulen. Eric Raymond brachte dies mit einer Metapher auf den Punkt: Den Ansatz Stallmans und der FSF verglich er mit dem Bau einer Kathedrale, den Ansatz der Open-Source-Bewegung mit einem Basar: Während der Kathedralenbau einen großen Entwurf benötigt und hehre moralische Werte die treibende Kraft hinter dem Bau darstellen, existiert der Basar aufgrund einer Vielzahl unterschiedlicher Einzelinteressen, die keines ideologischen Überbaus bedürfen.[10] Das Ziel, den Entwicklungsprozess zu öffnen und zu demokratisieren, ist beiden Ansätzen gemein, bezüglich Motivation und Mittel hingegen unterscheiden sie sich.

Mit seinem Engagement für Freie Software und der daraus hervorgegangenen Open-Source-Bewegung hat Stallman die wahrscheinlich bedeutendste Nachhaltigkeitsdebatte innerhalb der IT-Welt angestoßen und soziale Aspekte, zum Beispiel bezüglich egalitärer Zugangs- und Nutzungschancen, sowohl im Produktions- als auch im Nutzungsprozess von Software fest verankert.


Fußnoten

6.
Vgl. Steven Levy, Hackers. Heroes of the Computer Revolution, London 1994, S. 39ff.
7.
GNU ist ein rekursives Akronym und steht für "GNU is not Unix".
8.
Sam Williams, Free as in Freedom. Richard Stallman's Crusade for Free Software, Sebastopol 2002, S. 85.
9.
Linus Torvalds/David Diamond, Just for Fun. Wie ein Freak die Computerwelt revolutionierte, München 2002, S. 66.
10.
Vgl. Eric Raymond, The Cathedral and The Bazaar. Musings on Linux and Open Source by an Accidental Revolutionary. Revised and expanded edition, Sebastopol 2001.