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19.1.2006 | Von:
Mehdi P. Amineh

Die Politik der USA, der EU und Chinas in Zentralasien

In diesem Beitrag werden die rivalisierenden Machtprojektionen der drei wichtigsten erölimportierenden Akteure in Zentralasien seit 1991 beschreiben.

Einleitung

Der Fall der Sowjetunion und das Ende des Kalten Krieges, der Globalisierungsprozess und die Entwicklungen in der Informations- und Kommunikationstechnologie haben zu einer Neudefinition des Konzepts "Geopolitik" beigetragen. Mit dem Fall der Sowjetunion sind nicht nur acht unabhängige Staaten in Zentralasien entstanden; zugleich ist auch ein gesamtes Weltordnungskonzept über das geopolitische Verständnis von Identität im politischen Raum auseinander gefallen. Im Gegensatz zum traditionellen Konzept der Geopolitik - der so genannten realistischen Schule der Internationalen Beziehungen -, das den Staat als wesentlichen Akteur ineiner anarchischen Weltordnung begreift, lehnt die Schule der "kritischen Geopolitik" oder "Neo-Geopolitik"[1] jegliche staatszentrische Analyse ab. Im neo-geopolitischen Verständnis gehören nichtstaatliche Akteure wie multinationale Unternehmen, terroristische Gruppen, Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen genauso zum Konzept der Geopolitik wie Staaten.

Ein wichtiger Bestandteil der gegenwärtigen internationalen Politik ist der Wettstreit zwischen Staaten und multinationalen Unternehmen um Erdöl- und Erdgasreserven in der Welt. Das Überleben eines Landes und seiner Gesellschaft, wirtschaftliche Dynamik und technologische Innovation hängen heute von den Energieressourcen Erdöl und Erdgas ab und nicht mehr von einem großen Militärapparat. Zugang zu den Erdöl- und Gasreserven eines Landes oder einer Region zu bekommen, ist damit ein essentieller Faktor in der Machtprojektion von Staaten geworden.[2]

Seit dem Fall der Sowjetunion ist weltweit eine unipolare militärische Machtstruktur entstanden. Sie besteht aus den drei wirtschaftlichen Kernregionen Nordamerika, Westeuropa sowie Ost- und Südostasien. Davor gab es lediglich ein wirtschaftliches Kerngebiet, bestehend aus der Atlantischen Allianz zusammen mit Japan und unter Einbeziehung von Taiwan und Südkorea in Ostasien. Das Wirtschaftswachstum dieser beiden Randgebiete Eurasiens wurde von der Atlantischen Allianz gefördert und sollte der Sicherheit der westlichen Welt zugute kommen. Hier ist nun offensichtlich eine Veränderung eingetreten. Seit dem Aufstreben Chinas - nach den Vereinigten Staaten der zweitgrößte Erdölkonsument der Welt mit rasanter industrieller Entwicklung und den Bestrebungen nach Regionalisierung auch in Ostasien - gehen Wirtschaftswachstum und Sicherheit nicht mehr Hand in Hand. Der Strukturwandel der früheren Staatenordnung und die damit verbundenen Veränderungen in der Weltwirtschaft bilden für die Regierung von US-Präsident George W. Bush den politischen Handlungsrahmen seiner Machtprojektion auf die Region "Greater Middle East". Die Vereinigten Staaten haben es sich zum Ziel gesetzt, diese Region zu demokratisieren, gegebenenfalls sogar mit Gewalt. Sie unterliegt bereits faktisch US-amerikanischer Autorität.

Die Politik der Machtprojektion beinhaltet Kontrolldimensionen über die Staatsgrenzen industrialisierter und industrialisierender Gesellschaften hinaus und ist die entscheidendeKraft im Übergangsprozess einer Welt, in dereinzelne Gesellschaften zu einer einzigen Weltgemeinschaft des globalen Kapitalismus zusammenwachsen. Die Ziele der Machtprojektoren werden vom Raum und der Zeit der Machtprojektion, den ihnen zugesprochenen Ressourcen und dem Zielland oder der Zielregion, welche(s) der Machtprojektor unter seine Kontrolle bringen will, bestimmt.

Das post-sowjetische Zentralasien ist eine solche Zielregion.[3] Seit Ende des Kalten Krieges hat sich seine Stellung in der Weltordnung verändert, wie auch die sozioökonomischen und ideologischen Kräfte, die in diese Region von außen eindringen. In Zentralasien treffen die rivalisierenden Machtprojektionen der Vereinigten Staaten, der EU, Chinas und auch Russlands, Irans und Japans aufeinander. Bei politischen und wirtschaftlichen Überlegungen für Zentralasien müssen amerikanische, europäische und chinesische Politiker darauf achten, dass sich im jeweils eigenen Land die Langzeitziele in der Außen- und Sicherheitspolitik (öffentlicher Raum) und die (kommerziellen) Kurzzeitinteressen im privaten Raum miteinander vertragen. Nach dem Untergang der Sowjetunion scheint sich die Staatsräson sowohl in Friedens- als auch in Kriegszeiten nicht nur zu kommerzialisieren, sondern vor allem zu privatisieren.[4]


Fußnoten

1.
Zum Konzept der kritischen Geopolitik vgl. Mehdi P. Amineh/Henk Houweling, The crisis in IR -Theory: Towards a Critical Geopolitics Approach, in: M. P. Amineh/H. Houweling (Eds.), Central Eurasia in global politics: Conflict, Security and Development, Leiden-Boston 2005(2), S. 1 - 21; G. Tuathail/S. Dalby, Rethinking Geopolitics, London 1998.
2.
Vgl. M. P. Amineh/H. Houweling, Caspian Energy: Oil and Gas Resources and the Global Market, in: Dies. (Eds.), ebd., S. 77 - 92; M. P. Amineh, Globalisation, Geopolitics and Energy Security in Central Eurasia and the Caspian Region, Den Haag 2003, S. 57 - 69.
3.
Zentralasien umfasst die Regionen Zentralasien (Kasachstan, Kirgisien, Tadschikistan, Turkmenistan, Usbekistan) und Südkaukasus (Armenien, Aserbaidschan, Georgien).
4.
Vgl. M. P. Amineh/H. Houweling (Anm. 1).