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13.1.2006 | Von:
Edda Ziegler

Dichterliebe und Denkmalstreit

Der deutsch-deutsche Heine

Auch nach 1945 blieb Heine ein Politikum. Das führt seine Wirkungsgeschichte im geteilten Deutschland drastisch vor Augen. Eine "Stunde Null", einen radikalen Neuanfang, gab es auch in der Heine-Rezeption nicht. Die literarischen Traditionen, an die die beiden deutschen Staaten anknüpften, hätten unterschiedlicher nicht sein können.

Mit offenen Armen empfing man Heine in der DDR und erhob ihn umgehend zum Bestandteil des klassischen kulturellen Erbes in sozialistischer Tradition. Man sah und ehrte in Heine vor allem den politischen Schriftsteller; sein Werk erschien in hohen Auflagen. Die junge Bundesrepublik der Adenauer-Zeit dagegen übte sich in Heine-Abstinenz. Hier pflegte man die alten nationalistischen Ressentiments gegen den "vaterlandslosen Gesellen", den Emigranten, Juden und Nestbeschmutzer. Ebenso wie die Exilautoren, mit denen gemeinsam er im "Dritten Reich" aus dem Literaturkanon ausgegrenzt worden war, kam Heine in der Bundesrepublik zunächst nicht vor - weder in Schulbüchern und Verlagsprogrammen noch in akademischer Forschung und Lehre, zumindest nicht als kritischer "Zeitschriftsteller". Denn als solcher passte er nicht in die bürgerlich-konservative Literaturtradition, die man nach 1945 im Westen wieder belebte. Und er passte auch nicht in die rein ästhetischen, literaturimmanenten Interpretationsansätze in der Tradition Friedrich Diltheys und des George-Kreises, die nun wissenschaftlich en vogue waren.

Der nächsten Generation jedoch, den Studenten der sechziger Jahre, galt die Heine-Abstinenz als eines unter vielen Indizien für jenes Verschweigen, Verdrängen und Vergessen der NS-Vergangenheit, das sie nicht länger hinnehmen wollten, weder bei den Vätern noch bei den akademischen Lehrern. Erst der von der 68er Bewegung ausgetragene Generationenkonflikt ermöglichte es, Heine auch in die Bundesrepublik endgültig literarisch einzubürgern.

Es vergingen mehrere Gedenkjahre, bis dieHeine-Renaissance auch Düsseldorf erreichte. Noch musste der politisch instinktlose Vorschlag, das längst überfällige Heine-Denkmal ausgerechnet von Arno Breker, dem prominentesten Bildhauer der NS-Zeit, ausführen zu lassen, abgewehrt werden, noch musste die mehr als zwanzigjährige politische Provinzposse um die Benennung der Düsseldorfer Universität nach Heinrich Heine durchgestanden sein,[5] bis endlich 1981, zu Heines 125. Todestag, auch Düsseldorf zu einem Heine-Denkmal kam: Bert Gerresheims begehbares "Heine-Vexier-Monument". Es ist übrigens - zumindest darin hat sich Sisis Idee letztlich durchgesetzt - die Stiftung eines Mäzens.

Mittlerweile hat die Stadt Düsseldorf verschiedene Initiativen unternommen, um sich des Erbes ihres größten Sohnes zu versichern und es ins rechte Licht zu rücken; Initiativen, die mehr sind und tiefer wirken als ein traditionelles Denkmal. Sie hat Handschriften- und Nachlass-Sammlungen erworben, hat 1956, zu Heines 100. Todestag, die Heinrich-Heine-Gesellschaft und 1970 das Heinrich-Heine-Institut gegründet. Und sie hat sich - bestes Beispiel für die geglückte Einbürgerung Heines in Deutschland - an einem der beiden Projekte historisch-kritischer Heine-Gesamtausgaben beteiligt, die ab 1963 begonnen wurden. Dass es dazu in Deutschland zweier konkurrierender wissenschaftlicher Unternehmen bedurfte, zeigt einmal mehr die Schwierigkeiten der Deutschen mit ihrem Heine und die literaturpolitisch begründete Sonderstellung, die er noch immer einnimmt.

Heine ist der einzige deutsche Autor, dessen Werk in Ost und West in getrennten historisch-kritischen Gesamtausgaben ediert wurde - und wird. Die westdeutsche, die Düsseldorfer Ausgabe ist abgeschlossen; die umfassender konzipierte, ostdeutsch-französische Kooperation der Weimarer Säkularausgabe befindet sich noch immer in Arbeit - eine Situation, die Heine sicher mit einem sarkastischen Bonmot kommentiert hätte. Und die ihm wohl gefallen hätte als Beweis dafür, wie unverderblich doch sein Ruhm auch unter widrigsten Umständen ist und wie singulär sein Status als immer währendes literarisches Politikum. Wie formulierte er 1835? Man diskutiert "über mich in Deutschland, man lobt mich und man tadelt mich, aber immer mit Leidenschaft und unaufhörlich."


Fußnoten

5.
Vgl. dazu den Beitrag von Thomas Gutmann in diesem Heft.