Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse (Symbolbild). Eine Modelleisenbahn fährt auf Schienen in einem von 2 Händen gehaltenen Bräter.

8.11.2019 | Von:
Thomas Klie

Demokratische Integration. Strukturbedingungen von Regionen und ihr Einfluss auf Wahlbeteiligung und freiwilliges Engagement

Sozialstruktur und demokratische Integration

In unserem Monitoring wird die demokratische Integration in den 96 Raumordnungsregionen als "latente Variable" durch die Indikatoren Wahlbeteiligung und Anteil der ehrenamtlich Engagierten berücksichtigt. Mit dem Modell lassen sich 87 Prozent der Varianz für die so gemessene demokratische Integration erklären, was einer multiplen Korrelation von R = 0,93 entspricht. Das heißt, das Modell kann die Unterschiede zwischen den Raumordnungsregionen sehr gut erklären. Folgende Beziehungen erscheinen dabei besonders interessant:
  1. In den östlichen Bundesländern ist die demokratische Integration – gemessen in Wahlbeteiligung und ehrenamtlichem Engagement – deutlich geringer als in den westlichen Bundesländern (Gesamteffekt: –0,843). Allerdings beruht dieser deutliche Unterschied gemäß Modell nicht auf einem direkten, sondern ausschließlich auf einem indirekten Effekt, der vor allem über eine geringere wirtschaftliche Leistungskraft, eine stärkere Tendenz zu relativer Benachteiligung, einem höheren demografischen Druck und einer geringeren Bedeutung von Familismus als Lebensform beruht. Werden diese Merkmale von Raumordnungsregionen kontrolliert, lässt sich kein Zusammenhang zwischen der Region und dem Grad der demokratischen Integration beobachten.

  2. Mit steigender Tendenz zur Lebensform Familismus steigt auch der Grad der demokratischen Integration (Gesamteffekt: 0,889, direkt: 0,854). In Regionen, in denen dieser Lebensform große Bedeutung zukommt, ist auch die Verbundenheit mit dem demokratischen System relativ stark ausgeprägt, was sich in einer hohen Wahlbeteiligung und einem hohen Anteil ehrenamtlich Engagierter zeigt. So zeigt sich in Wahlanalysen, dass in Paar- und Familienhaushalten die Wahlbeteiligung höher liegt als in Single-Haushalten.[12] Hier mag insbesondere der fehlende soziale Druck im eigenen Haushalt eine zentrale Rolle spielen.

  3. Mit steigender Tendenz zu relativer Benachteiligung durch einen vergleichsweise niedrigen Lebensstandard verringert sich das Ausmaß der demokratischen Integration (Gesamteffekt: –0,229). Dieser Zusammenhang beruht vor allem auf einem direkten Effekt (–0,311), der als Hinweis auf enttäuschte Erwartungen, verletzte Vorstellungen über soziale Gerechtigkeit und daraus folgend verringertes Systemvertrauen interpretiert werden kann. Dieser Zusammenhang wird leicht abgeschwächt durch einen indirekten Effekt (0,082), der über das Ausmaß von belastender Kriminalität wirksam ist.

  4. Mit steigender wirtschaftlicher Leistung steigt auch der Grad der demokratischen Integration (Gesamteffekt: 0,274; direkt: 0,213; indirekt: 0,062). Vor dem Hintergrund einer hohen Korrelation von wirtschaftlicher Leistung und Bildung sind diesbezüglich insbesondere die Bildungseffekte in der Wahlbeteiligung zu berücksichtigen.[13]

  5. Der Gesamteffekt von demografischem Druck ist negativ, das heißt, mit steigendem demografischem Druck (steigender Anteil Älterer) sinkt der Grad der demokratischen Integration (–0,135). Die Effektzerlegung zeigt aber, dass neben einem positiven direkten Effekt (0,292) ein deutlich negativer indirekter Effekt wirksam sein könnte (–0,427), der vor allem über einen mit dem demografischen Druck verbundenen höheren Risiko für relative Benachteiligung verläuft. Der direkte positive Effekt beruht vermutlich darauf, dass ein höherer Anteil älterer Menschen auch tendenziell mit einem höheren durchschnittlichen Systemvertrauen und höherer Wahlbeteiligung verbunden ist.

  6. Mit steigender Bedeutung einer städtischen Siedlungsweise (Urbanität) sinkt der Grad der demokratischen Integration (Gesamteffekt: –0,136). Dieser Zusammenhang beruht vor allem auf einem indirekten Effekt (–0,281): Denn mit steigender Urbanität steigt das Risiko von relativer Benachteiligung und nimmt die Bedeutung von Familismus als Lebensform ab.

  7. Unerwartet steigt mit steigender belastender Kriminalität auch der Grad der demokratischen Integration (Gesamteffekt: 0,156). Ein Grund dafür könnte sein, dass bei höherer Kriminalitätsbelastung auch ein Interesse an einem verstärkten Engagement (vor allem durch eine etwas höhere Wahlbeteiligung) entsteht.
Insgesamt zeigt sich hier die erhebliche Bedeutung der berücksichtigten sozialen Strukturen für die Erklärung von demokratischer Integration. Zugleich lassen die multivariaten Analysen erkennen, welche konkreten strukturellen Bedingungen hinter den erneut deutlich gewordenen erheblichen Unterschieden zwischen den östlichen und den westlichen Bundesländern stehen.

Die im Monitoring berücksichtigten Strukturen wurden bezogen auf Wahlbeteiligung und Engagementquote separat analysiert.[14] Einige von ihnen haben auf Engagementquote und Wahlbeteiligung den gleichen Einfluss. Es gibt aber auch bedeutsame Unterschiede.
  1. Die strukturellen Unterschiede zwischen östlichen und westlichen Bundesländern wirken sich auf die Wahlbeteiligung stärker aus als auf das bürgerschaftliche Engagement. Der Einfluss hat jedoch die gleiche Richtung: Wahlbeteiligung und Engagement sind in den Regionen der östlichen Bundesländer deutlich schwächer ausgeprägt.

  2. Die wirtschaftliche Leistungskraft hat einen sehr deutlichen und direkten Einfluss auf die Wahlbeteiligung, nicht jedoch auf den Anteil der Engagierten.

  3. Urbanität als städtische Siedlungsform hat auf den Anteil der Engagierten einen größeren und auch anderen Einfluss als auf die Wahlbeteiligung. Der Anteil der Engagierten nimmt mit steigender Annäherung an eine städtische Siedlungsform deutlich ab. Auf die Wahlbeteiligung hat der Urbanitätsgrad jedoch einen positiven direkten Effekt: Mit steigender Annäherung an eine städtische Siedlungsform steigt die Wahlbeteiligung. Allerdings ergibt das aufgrund eines relativ hohen und negativen indirekten Effekts (über relative Benachteiligung und Familismus) insgesamt eine geringe Effektgröße.

  4. Relative Benachteiligung hat auf den Anteil der Engagierten einen größeren Einfluss als auf die Wahlbeteiligung. Die Richtung des Einflusses ist jedoch die gleiche: Mit steigender Bedeutung von relativer Benachteiligung in einer Region sinkt der Anteil der Engagierten und die Wahlbeteiligung.

  5. Der hohe Anteil älterer Menschen wirkt sich jeweils direkt positiv auf den Anteil der Engagierten und die Wahlbeteiligung aus, wobei der Effekt beim Engagement nochmals höher liegt. Dem stehen neutralisierende negative indirekte Effekte entgegen. Der Gesamteffekt beim Engagement liegt aufgrund der höheren direkten Effekte somit nahe null, wohingegen der Gesamteffekt auf die Wahlbeteiligung negativ bleibt.

Ausblick

Mit dem Monitoring "demokratische Integration" ist es gelungen, die Bedeutung von Strukturmerkmalen von Regionen abzuleiten und diese in Beziehung zu Aktivitätsmustern der regionalen Bevölkerung zu setzen. Damit erhalten die Diskussion um Strukturbedingungen von Regionen und Gemeinden und die Frage nach gleichwertigen Lebensbedingungen in Deutschland weitere empirisch begründete Nahrung. Das zugrunde liegende Modell und die herausgearbeiteten Einflussgrößen bedürfen weiterer Diskussionen – auch unter methodischen Gesichtspunkten. Besonders zu betonen ist, dass sowohl mit dem Wahlverhalten als auch mit dem Engagement Aktivitäten und nicht Einstellungen gemessen werden. Damit ist in einem normativen Verständnis von Zivilgesellschaft – als wertegebundene Vorstellung guter Gesellschaft[15] – noch keine Aussage über die das Engagement und das Wahlverhalten tragenden Einstellungen verbunden. Diese sollen bei einer Weiterentwicklung des Monitoringansatzes, der in Aussicht genommen wurde, ebenso einbezogen werden wie andere Hintergründe ungleichwertiger Lebensverhältnisse und ihrer Folgen, die in der Kommission "Gleichwertige Lebensverhältnisse" identifiziert wurden. Weitere wichtige Einflüsse wie Bildung und politisches Interesse konnten nicht berücksichtigt werden, was aber angesichts der Bedeutung von Bildung (und Einkommen) für Engagementquote und Wahlbeteiligung wichtig wäre.

Gleichwohl wird durch das Monitoring "demokratische Integration" unterstrichen, wie bedeutsam Strukturbedingungen auf regionaler und lokaler Ebene für eine vitale Zivilgesellschaft, für Engagement als Voraussetzung für den sozialen Zusammenhalt und für Demokratie als gelebte und wertgeschätzte Staatsform sind. Das Monitoring enthält insofern Frühwarnindikatoren für eine Politik- und Programmgestaltung, und dies nicht nur für Programme der Rechtsextremismusprävention, sondern ebenso für die vielfältigen regional ausgerichteten oder auszurichtenden Programme auf Bundes- und auf Landesebene, die Einfluss auf die Kontextbedingungen von Regionen nehmen (sollen). Beschäftigungsprogramme, wie sie auch im Zweiten Engagementbericht der Bundesregierung in Regionen mit struktureller Arbeitslosigkeit empfohlen wurden, gehören ebenso dazu wie Infrastrukturprogramme zur Stabilisierung von Grundfunktionen der Daseinsvorsorge.[16] Politische Beteiligungsprozesse auf lokaler Ebene, die auch auf die Entwicklung einer neuen Identität von Städten und Gemeinden und ihrer Entwicklung in Partizipationsprozessen gerichtet sind, erscheinen hier ebenso wichtig wie familienpolitische Maßnahmen etwa durch die Bereitstellung von Wohnraum für Familien.

Die produktive und gut begleitete Verarbeitung der örtlich veränderten Altersstruktur[17] gehört ebenso zu den regional zu ergreifenden Maßnahmen wie solche der Arbeitsmarkt- sowie regionalen Wirtschafts- und Ansiedlungspolitik. Gerade dort, wo das Monitoring Hinweise auf eine geringe demokratische Integration gibt, sind entsprechende Maßnahmen in ressortübergreifender Weise in Betracht zu ziehen und zu entwickeln – und dies in den jeweiligen Regionen in einer lokalen und zum Teil sublokalen Differenzierung. Insofern unterstützen die hier vorgestellten Erkenntnisse die Bemühungen auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene, politische Antworten auf demografische Dynamiken zu qualifizieren, Gefahren sozialer Desintegration vorzubeugen und begünstigende Faktoren für demokratiefeindliche Einstellungsmuster und ihrer regionalen Durchdringung zu erkennen.

Fußnoten

12.
Vgl. Ewers/Möller (Anm. 6).
13.
Vgl. Armin Schäfer, Der Verlust politischer Gleichheit. Warum die sinkende Wahlbeteiligung der Demokratie schadet, Frankfurt/M.–New York 2015.
14.
Vgl. Klie (Anm. 3).
15.
Vgl. BMFSFJ (Hrsg.), Zweiter Bericht über die Entwicklung des bürgerschaftlichen Engagements in der Bundesrepublik Deutschland, Berlin 2017, S. 119ff.
16.
Vgl. ebd., S. 535ff.
17.
Vgl. BMFSFJ (Hrsg.), Siebter Altenbericht, Berlin 20172.
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