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28.12.2005 | Von:
Jürgen Leibold
Steffen Kühnel
Wilhelm Heitmeyer

Abschottung von Muslimen durch generalisierte Islamkritik?

Es gibt Hinweise dafür, dass generalisierte Islamkritik in der deutschen Mehrheitsgesellschaft einen verstärkenden Effekt auf vorhandene Abschottungsmuster der türkisch-muslimischen Minderheiteingruppe hat. Differenzierte Kritik und strukturelle Integration sind erforderlich.

Einleitung

Jede Weltanschauung und jede Religion muss sich in einer pluralen Welt kritischen Fragen stellen, etwa um Grundwerte wie die Gleichwertigkeit und die psychische und physische Unversehrtheit von Menschen zu sichern.

Dies sollte in differenzierter Weise geschehen, denn es ist zu erwarten, dass abwehrende Haltungen gegenüber diesen Fragen umso wahrscheinlicher werden, je generalisierter kritische, distanzierende oder abwertende Einstellungen vorgetragen werden. Dies gilt umso mehr, wenn diese Problematik erstens in ein Mehrheits-Minderheitsverhältnis eingelagert ist, zweitens aufeinander treffende Kulturen bzw. Religionen erhebliche Wertedifferenzen und Distanzen aufweisen, und drittens eine politische Instrumentalisierung bis hin zur Gewalt möglich ist.

Mit dieser Konstellation sind wir auch in Deutschland konfrontiert: Eine christlich eingefärbte säkulare Mehrheitsgesellschaft steht hier einer (zahlenmäßig türkisch dominierten) muslimischen Minderheit gegenüber.

Die lange Zeit existierende Indifferenz der Mehrheitsgesellschaft gegenüber der islamischen Religion ist bekanntlich spätestens seit dem "11. September" von Misstrauen abgelöst worden und erfährt mit jedem Terroranschlag, der als islamistisch motiviert wahrgenommen wird, immer neue Verstärkung. Dies gilt insbesondere nach Beteiligungen von jungen eingebürgerten Muslimen an Terroranschlägen wie in London.

In der öffentlichen Debatte dominiert die Auffassung, dass Distanzen zwischen "einheimischer" Mehrheit und zugewanderter Minderheit in erster Linie auf die nicht vorhandene Integrationsbereitschaft, die als Bringschuld betrachtet wird, eben der Minderheit zurückzuführen sei.

Dieses eindimensionale Denken schließt eine Interaktionsdynamik aus, die Gelegenheitsstrukturen von Seiten der Aufnahmegesellschaft voraussetzt, deren Möglichkeiten dann auszuschöpfen sind. Zusätzlich ist es allerdings auch notwendig, das Ausmaß und die Qualität von Einstellungen zu berücksichtigen, die sich gegen die Zuwanderer und ihre religiösen Überzeugungen richten und damit möglicherweise distanzierende oder rückzugsorientierte Verhaltensweisen von Migrantinnen und Migranten initiieren bzw. Meinungsführern in Migrantencommunities erst die Möglichkeit dazu liefern, Rückzüge zu "predigen".

Rückzug als Folge generalisierter Abwertung des Islam?

Es stellen sich zwei komplexe Fragen: Erstens: Welche Einstellungen gegenüber Muslimen und ihren Glaubensrichtungen finden wir in der Mehrheitsgesellschaft und welche Reaktionen auf Seiten der muslimischen Minderheit lassen sich feststellen bzw. sind zu erwarten? Zweitens: Werden die Distanzen auf beiden Seiten größer, und was würde dies bedeuten angesichts der gesellschaftlichen Entwicklungen sich abzeichnender Segregationsprozesse in großen Städten,[1] möglicherweise sich verstärkender Desintegration von Teilen der jüngeren Generation muslimischer Migranten[2] und der abzusehenden Verschiebung der Relationen zwischen Mehrheit und Minderheit in Städten und Stadtteilen? Über das Zusammenwirken dieser Prozesse sind unseres Erachtens nur unzureichende Analogien zu anderen Ländern möglich. Aber es ist zumindest plausibel, dass einerseits die generalisierte Abwertung des Islam in der Mehrheitsbevölkerung sich verstärkt und eben dies andererseits von Teilen der Muslime zum Anlass genommen wird, notwendige und differenzierte kritische Fragen abzuwehren und sich in das religiöse Milieu zurückzuziehen.

Empirische Ergebnisse zur Verbreitung von "Islamophobie" in Deutschland

Wie verbreitet sind die generalisierten Abwertungen, Unterstellungen und Distanzierungen in der Mehrheitsbevölkerung? Eine Antwort darauf ermöglichen die repräsentativen Bevölkerungsbefragungen im Rahmendes Langzeitprojektes "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" (GMF), in denen auch das erhoben wird, was wir als "Islamophobie"[3] bezeichnen.[4]

Längere Zeitreihen, welche die Entwicklung der Islamophobie aufzeigen können, gibt es allerdings bislang noch nicht. Da wir in unseren GMF-Studien erst in der zweiten Umfrage 2003 ein fundierteres Instrument zur Messung von Islamophobie entwickeln konnten, beschränkt sich der folgende Zeitvergleich auf die Entwicklung von 2003 bis 2005. Bei den beiden Fragen zur generellen Ablehnung von Muslimen (vgl. Tabelle 1 der PDF-Version) in Deutschland zeigen sich dabei nur sehr geringe Veränderungen. Stimmten 2003 knapp 27 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass Muslimen die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden sollte, sank dieser Wert 2005 auf gut 24 Prozent. Umgekehrt stieg der Anteil derjenigen, die sich durch Muslime wie Fremde im eigenen Land fühlen, von 31 Prozent in der Befragung 2003 auf knapp 34 Prozent in 2005.[5]

Während das Ausmaß der generellen Ablehnung von Muslimen in den letzten drei Jahren weitgehend stabil blieb, gab es deutliche Veränderungen bei den Antworten auf zwei andere Fragen, die wir zur Erfassung der kulturellen Abwertung des Islam formuliert haben. Lehnten 2003 knapp 37 Prozent der Befragten die Meinung ab, dass der Islam eine bewundernswerte Kultur hervorgebracht habe, waren 2005 bereits knapp 50 Prozent dieser Ansicht. Der schon 2003 sehr hohe Anteil von knapp 66 Prozent der Befragten, welche die Aussage ablehnten, dass die muslimische Kultur in unsere westliche Welt passe, stieg 2005 bis auf gut 74 Prozent an. Islamischen Kulturen scheinen deutsche Befragte also mit steigender Tendenz eher skeptisch gegenüberzustehen.

Die Distanz in der Bevölkerung zu Muslimen und muslimischen Kulturen zeigt sich auch darin, dass nur selten eine differenzierte Sicht auf den Islam vorzufinden ist.[6] In unserer Umfrage 2005 stimmte eine große Mehrheit von 72 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass die Glaubensrichtungen des Islams sehr ähnlich seien (vgl. Tabelle 2 der PDF-Version). Noch größer ist mit 81 Prozent der Anteil derjenigen, welche die Ansicht teilen, dass die verschiedenen Glaubensrichtungen kaum zu unterscheiden seien. Diese geringe Differenzierungskompetenz gegenüber den islamischen Glaubensrichtungen korrespondiert mit der Ansicht, dass Muslime kaum Distanz zu islamistischen Terroristen aufweisen. So stimmen 60 Prozent unserer Befragten der GMF-Umfrage 2005 der Aussage zu, dass islamistische Terroristen einen starken Rückhalt bei den Muslimen finden. Und 64 Prozent der Befragten teilen die Ansicht, dass islamistische Terroristen von vielen Muslimen als Helden verehrt werden.

Die Fremdheit der Befragten gegenüber dem Islam drückt sich schließlich auch in der Vermutung aus, dass Muslime in Deutschland ihrerseits den Kontakt zu Deutschen meiden. 80 Prozent der Befragten unserer Umfrage stimmten 2005 der Ansicht zu, wonach Muslime in Deutschland lieber unter sich bleiben wollen; und zwei Drittel gehen offenbar von einer Realisierung dieser Haltung aus, wenn sie der Aussage zustimmen, dass die Mehrheit der Muslime große Distanz zur restlichen Bevölkerung hält.

Weiterhin gibt es auch empirische Hinweise darauf, dass große Teile der Mehrheitsbevölkerung zu Muslimen deutliche Distanz halten. In unseren GMF-Umfragen haben wir die Aussage bewerten lassen, ob man Probleme damit habe, in eine Gegend zu ziehen, in der viele Muslime wohnen. Von 2002 bis 2004 stieg der Anteil derjenigen, die dieser Aussage zustimmten, von 47 über 51 auf 58 Prozent an. Erst in der letzten Umfrage 2005 sank der Anteil wieder auf den Ausgangswert von 47 Prozent. Unabhängig davon, ob zukünftig mit keinen Veränderungen, mit einem weiteren Rückgang oder einem neuerlichen Anstieg der Zahlen zu rechnen ist, lässt sich konstatieren, dass es zurzeit in der deutschen Bevölkerung große Vorbehalte gibt, in der Nähe von Muslimen zu wohnen.[7]

Es ist zu vermuten, dass sich die Vorbehalte, in Gegenden mit hohen Anteilen von Muslimen zu ziehen, zu einem guten Teil auf islamophobe Einstellungen zurückführen lassen. Unsere Analysen der GMF-Umfrage 2005 zeigen nämlich, dass Befragte, die den oben vorgestellten Fragen nach der generellen Ablehnung von Muslimen und der offenen Islamfeindlichkeit zustimmen, es tendenziell eher ablehnen, in Gegenden mit hohem muslimischen Bevölkerungsanteil zu ziehen, als Befragte, die diesen Fragen nicht zustimmen.

Wahrnehmung generalisierter Einstellungen durch die muslimische Gemeinschaft

Die wichtige Frage ist nun, wie diese generalisierten Einstellungen, Unterstellungen und Distanzierungen von der muslimischen Gemeinschaft wahrgenommen werden. Öffentlich werden die Stellungnahmen von offiziellen Verbandsvertretern sowohl als Distanzierungen gegenüber dem islamistisch inspirierten Terror wie auch als Zurückweisung generalisierten Verdachtes. Von besonderer Bedeutung sind aber die Reaktionen von Muslimen jenseits öffentlicher Stellungnahmen.

Wir haben bisher keine empirischen Ergebnisse, die entsprechende Konsequenzen erfassen. Hier existiert eine eklatante Forschungslücke, um die "Interaktionseffekte" im Verhalten vor dem Hintergrund der oben genannten drei gesellschaftlichen Entwicklungslinien (Segregation, Desintegration, Relationsverschiebung von Bevölkerungsanteilen) einordnen und interpretieren zu können. Deshalb sind wir zurzeit auf Hilfskonstruktionen angewiesen, wenn wir der Frage nachgehen, welchen Effekt generalisierte Abwertungen, Verdächtigungen und Distanzierungen haben.[8] Plausibilität darf aber die Annahme beanspruchen, dass die berichteten islamophoben und generalisierenden Einstellungen bei erheblichen Teilen der Mehrheit nicht zu einer Verbesserung des Klimas zwischen Mehrheit und Minderheit beitragen. Offen ist dann die Frage, ab wann es zu einer Verhärtung schon existierender Indifferenz kommt. Schließlich stellt sich die besonders wichtige Frage danach, welche Bedingungen zu Rückzügen, das heißt Segmentation und/oder Radikalisierungen als "Antwort" auf verletzende Vermutungen der Mehrheit führen.

Zwei Elemente sind dabei in den Blick zunehmen und dringend empirisch zu bearbeiten: Die Entwicklungen von Kontakten sowie von Religiosität und "Integrationskapital".

Kontakthäufigkeit

Die Kontaktforschung hat in vielen Untersuchungen zeigen können, wie sich das Verhältnis zwischen Mehrheiten und Minderheiten durch Kontakte und daraus resultierende Freundschaften unter bestimmten, zum Teil sehr anspruchsvollen Bedingungskonstellationen verbessern kann. Diese Ergebnisse sind auch im GMF-Projekt bestätigt worden.[9] Gleichwohl gibt es keine stetige Verbesserung, wie die nachfolgende Zeitreihe zeigt. Das heißt, diese Interaktionen sind störanfällig, ohne dass wir derzeit genau sagen können, welche vermittelnden Faktoren dazu beitragen. Gewaltige "Signalereignisse" wie der "11. September" gehören vermutlich dazu.

In Abbildung 1 der PDF-Version ist die Entwicklung der Kontakthäufigkeiten seit 1985 wiedergegeben.[10] Verglichen mit dem Ausgangswert von 1985 - 72 Prozent der befragten Personen mit Migrationshintergrund berichteten über Besuche bei Deutschen - liegt der Anteil 2003 mit 69 Prozent leicht darunter. Der Kurvenverlauf weist allerdings keinen eindeutigen Trend auf, so dass die Schwankungen im Zeitverlauf möglicherweise zufälliger Natur sein können. Relativ ähnlich zu dem Besuch bei Deutschen verläuft die Kurve für Besuche von Deutschen, wobei letztere generell etwas häufiger vorzukommen scheinen als Besuche von Muslimen bei Deutschen. Betrachtet man beide Kurven gleichzeitig, könnte man zu dem Schluss kommen, dass bis 2000 eine geringe Zunahme der Kontakthäufigkeit und seitdem eine Abnahme zu beobachten ist.[11]

Dieses Ergebnis ist kompatibel mit der Befragung durch das Zentrum für Türkeistudien (ZfT) aus den Jahren 2000 und 2005. "Danach scheint sich das Verhältnis zwischen Deutschen und Muslimen aus der Wahrnehmung türkischer Muslime nach dem 11. September und der seither anhaltenden Diskussion um das Wesen des Islam nicht dramatisch verändert zu haben, wenngleich Freunde und Nachbarn heute etwas weniger Toleranz aufbringen."[12] Insbesondere bei jungen Muslimen wird das Verhältnis skeptisch beurteilt.[13]

Die dritte Kurve in Abbildung 1 der PDF-Version zeigt die Entwicklung der Anzahl deutscher Personen unter den ersten drei Freunden der befragten Muslime. Da diese Frage im SOEP seltener gestellt wurde, zeigt der Kurvenverlauf nur die Entwicklung zwischen 1988 und 2001. In diesem Zeitraum lässt sich ein geringfügiger Anstieg beobachten. Lag der Mittelwert der Zahl der deutschen Freunde 1988 bei knapp 0,6 stieg er bis 2001 auf knapp 0,7 an. Trotz dieses Anstiegs ist festzuhalten, dass im Mittel weniger als eine deutsche Person unter den drei erstgenannten Freunden der Befragten zu finden ist.

Die Fragen nach dem Besuch bei bzw. von Deutschen und nach der Anzahl Deutscher unter den erstgenannten drei Freunden wurden nur Personen gestellt, die nicht die deutsche Staatsangehörigkeit haben. Gleichzeitig wurde in jedem Jahr erfasst, ob eine Person in dem jeweiligen Jahr die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen hat. Auch wenn die Gruppe der die Staatsangehörigkeit wechselnden Personen nicht sehr groß ist, lässt sich doch feststellen, dass diese jeweils zu höheren Prozentwerten Deutsche besuchen, von Deutschen besucht werden und auch eher deutsche Freunde haben.[14] Kontakte zu Deutschen können somit als Indikator für die Integrationsbereitschaft angesehen werden, die sich dann insbesondere in der Annahmeder deutschen Staatsbürgerschaft niederschlägt.

Insgesamt weisen die drei Kurven nicht auf einen deutlichen Anstieg der Separationstendenzen unter den Muslimen in Deutschland hin. Die Daten lassen auch eine weitgehende Konstanz bei den Kontakten erkennen. Wenn der Kontakt mit Deutschen doch abgenommen haben sollte, dann allerdings - nach einem Anstieg des Kontakts bis 2001 - erst in den letzten Jahren. Dies ist aber gerade der Zeitraum, in dem - nach dem 11. September 2001 - Terrorismus durch Islamisten breite Aufmerksamkeit gefunden hat. Wenn die Kontakthäufigkeiten ein zutreffender Indikator für Separationstendenzen sind und es somit tatsächlich seit 2001 zu einer zunehmenden Abgrenzung zwischen muslimischer und nicht-muslimischer Bevölkerung in der Bundesrepublik kommt, wäre dies eine nicht ungefährliche Entwicklung.

Religiosität und "Integrationskapital"

Die ZfT-Umfragen weisen auf einen Trend hin, nach dem die Religiosität unter den Muslimen zugenommen hat.[15] Danach stieg der Anteil der sich selbst als sehr religiös bezeichnenden Befragten von 2000 bis 2005 von 8 auf 28 Prozent an. Gleichzeitig sank der Anteil derjenigen, die sich als eher nicht oder gar nicht religiös bezeichnen, von 28 auf 17 Prozent (vgl. Abbildung 2 der PDF-Version).

Die Daten weisen darauf hin, dass der Grad der Religiosität deutlich gestiegen ist. Die Autoren der ZfT-Umfragen stellen zudem eine stärkere Polarisierung zwischen den sehr und den gar nicht Religiösen fest. Sie lassen offen, ob etwa der "11. September" eine stärkere Auseinandersetzung und Positionierung zum Islam quasi erzwungen hat. Ergebnisse einer weiteren ZfT-Befragung[16] geben Hinweise in diese Richtung wie ebenso darauf, dass sich das Verhältnis im Zusammenleben verschlechtert hat. Zumindest ein Viertel der Befragten gab an, sich durch die Diskussion in der Folge des "11. September" stärker mit dem Islam auseinander gesetzt zu haben und sich stärker als Muslime zu identifizieren als vorher. Nach diesen Ergebnissen verstehen sich 2005 79 Prozent der unter 30-Jährigen als eher oder sehr religiös; auch dieser Anteil ist deutlich gestiegen von 63 Prozent in 2000.

Nun ist subjektive Religiosität nicht gleichzusetzen mit regelkonformer Praxis, die sich am ehesten durch Moscheebesuche dokumentiert. Auch hier sind die Ergebnisse für unsere Fragestellung interessant: "Ein Fünftel der Befragten besucht nie oder so gut wie nie eine Moschee, 7 Prozent nur zu den Feiertagen und 12 Prozent mehrmals im Jahr. Die Mehrheit besucht jedoch regelmäßig einmal im Jahr die Moschee und 42 Prozent mindestens einmal in der Woche. (...) Im Vergleich zu den Ergebnissen des Jahres 2000 hat sich die Häufigkeit des Moscheebesuches leicht erhöht. Insbesondere die Teilnahme am Freitagsgebet hat zugenommen."[17]

Was bedeutet dies für den Kontakt bzw. die Abgrenzung? Eine Untersuchung von Helmut Schröder u.a.[18] zeigt, dass mit verstärktem Moscheebesuch die Neigung und das Interesse abnehmen, die Kontakte und damit den Austausch mit Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft zu pflegen bzw. zu verstärken. Dieses Ergebnis wird durch unsere Analysen von Daten des Sozio-ökonomischen Panels bestätigt. Wenn auf der einen Seite Deutschkenntnisse den Kontakt und damit eine Integration begünstigen und auf der anderen die Wichtigkeit des eigenen - muslimischen - Glaubens eher eine Abgrenzung befördert, dann sollten diese beiden Fragen zur Vorhersage der Kontakthäufigkeit einen Beitrag leisten können. Tatsächlich zeigt sich genau dieses Ergebnis.

Die statistische Analyse ergibt Folgendes: Je besser die Befragten ihre Deutschkenntnisse einschätzen, desto häufiger geben sie Besuche bei Deutschen und Besuche von Deutschen in den Befragungen an. Und auch im Freundeskreis ist dieser Effekt deutlich erkennbar, denn je besser die subjektive Sprachkompetenz bewertet wird, umso mehr deutsche Personen finden sich unter den drei besten Freunden. Hingegen verdünnen sich die Kontakte umso mehr, je wichtiger den Befragten der eigene Glaube ist. Dieses statistisch signifikante Ergebnis lässt sich zu mehreren Zeitpunkten von Mitte der neunziger Jahre bis zur jüngsten Erhebung 2003 feststellen.[19] Die relativ stärkere Vorhersagekraft weist dabei die Einschätzung der Deutschkenntnisse auf.[20] Von besonderer Bedeutung ist dies, weil aus den Daten des Sozio-ökonomischen Panels auf der anderen Seite auch hervorgeht, dass sich die subjektive Sprachkompetenz in der betrachteten Gruppe seit 1984 kontinuierlich verbessert hat.

Dieses Ergebnis korrespendiert mit anderen.So kann anhand der seit 1970 erhobenen MARPLAN-Ausländerbefragung gezeigt werden, dass der Anteil an positiven Einschätzungen der Deutschkenntnisse durch Interviewer ebenfalls durchgängig gestiegen ist. Frank Kalter und Nadia Granato weisen auf Basis von Mikrozensusdaten zudem darauf hin, dass Ausländer[21] in Deutschland seit 1970 Erfolge hinsichtlich ihrer Bildung, Erwerbsbeteiligung und beruflichen Stellung erzielt haben. Allerdings besteht weiterhin erheblicher Abstand im Vergleich zu deutschen Personen, und insbesondere die Bildungsungleichheit hat sich sogar verstärkt. Dabei weisen die Türken insgesamt die größten Unterschiede zu den Deutschen auf.[22] Auch die Untersuchungen von Katrin Brettfeld und Peter Wetzels zu Einstellungen und Verhalten muslimischer Jugendlicher bestätigen dieses Bild; so ist mit starker religiöser Bindung ein geringer Gebrauch der deutschen Sprache im Freundeskreis verbunden, und höhere Religiosität geht mit einem niedrigeren sozioökonomischen Familienstatus einher.[23]

Schlussfolgerungen

Zusammengenommen stehen wir erst am Anfang einer Beantwortung der Frage, ob generalisierte abwertende Einstellungsmuster und Vermutungsdiskurse in der deutschen Mehrheitsgesellschaft einen verstärkenden Effekt auf vorhandene Abschottungs- und Distanzmuster unter Muslimen in Deutschland haben oder sogar solche Muster erst erzeugen. Erste Hinweise hierfür zeigen die Entwicklungen, die sich in unterschiedlichen Umfragen zeigen.

Auch wenn solche Interaktionsprozesse bisher nur auf schwacher empirischer Basis verhandelt werden, ist es doch notwendig darauf hinzuweisen, die verschiedenen Gefahrenmomente sowohl in Teilen der Mehrheitsgesellschaft als auch in Teilen der Migrationsgruppen zu thematisieren. Dies gilt vor allem deshalb, weil wir auch nicht wissen, wie sich die Veränderungen der Bevölkerungsrelationen in nicht ferner Zukunft mit den bisher diskutierten Problemlagen verbinden. Migrantinnen und Migranten werden von sich abzeichnenden gesellschaftlichen Verarmungsprozessen vermutlich stärker betroffen sein, weil sie in Relation zu den Deutschen hinsichtlich ihrer strukturellen Integration weiterhin deutliche Defizite aufweisen. Folge könnte zunehmende Desintegration sein. Dies ist insofern von besonderer Brisanz, als dann ihr eigenes "kulturelles Kapital", insbesondere auch die Religion, immer mehr an Bedeutung gewänne, ist es doch das "letzte" Kapital, über das die betroffenen Migranten autonom verfügen können. Gerade dann aber wirken Abwertungen umso verletzender und lassen "Schutzaktivitäten" wahrscheinlicher werden: Rückzüge und Abschottungen gehören dazu.

Dies kann konfliktanreizend wirken: "Je ausschließlicher eine Gruppe von ihrem spezifischen Kapital abhängt und je mehr sie sich Chancen auf einen Erfolg des Konfliktes ausrechnen kann, umso stärker ist das Motiv für den Konflikt."[24] Diese Konstellation tritt dann ein, wenn die Abwertung des spezifischen kulturellen Kapitals von Minderheiten durch die Mehrheit - also in diesem Fall durch die Abwertung der muslimischen Religion - zunimmt und aufgrund von Desintegration kein anderes Kapital oder dieses nur unzureichend zur Verfügung steht, und die Verschiebung der Bevölkerungsrelation eine Konfliktreaktion erfolgreich erscheinen lässt. Insofern ist mehreres notwendig: Differenzierte statt generalisierte Kritik und die Förderung struktureller Integration und damit von Anerkennung.

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Fußnoten

1.
Vgl. Sozialraumanalyse - Soziale, ethnische und demographische Segregation in den nordrhein-westfälischen Städten. ILS, Dortmund-Bochum 2003.
2.
Bericht der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration über die Lage der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland, Berlin 2005, S. 94ff.
3.
Vgl. Wilhelm Heitmeyer, Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, in: ders. (Hrsg.), Deutsche Zustände, Folge 1, Frankfurt/M. 2002, S. 15 - 34; Jürgen Leibold/Steffen Kühnel: Islamphobie. Sensible Aufmerksamkeit für spannungsreiche Weichen, in: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände, Folge 2, Frankfurt/M. 2003, S. 100 - 119.
4.
Der Begriff "Islamophobie" fand erstmals 1997 durch einen Bericht der gemeinnützigen britischen Stiftung Runnymed Trust Eingang in die wissenschaftliche Diskussion.
5.
Für die Erstellung von Tabelle 1 haben wir die Antwortvorgaben so zusammengefasst, dass die aufgeführten Prozentwerte für Antworten stehen, die mit islamophoben Haltungen korrespondieren.
6.
Eine detailliertere Analyse zur Bedeutung einer fehlenden Differenzierung gegenüber Muslimen und ihren Glaubensrichtungen findet sich in J. Leibold/S.Kühnel, Islamophobie. Differenzierung tut Not, in: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände, Folge 4, Frankfurt/M. 2006, S. 135 - 155.
7.
Die Vorbehalte, in eine Gegend mit einem hohen Anteil von Muslimen zu ziehen, dürften allerdings zum Teil auch daran liegen, dass Befragte unterstellen, Muslime in Deutschland lebten eher in Gebieten, die eine geringere Infrastruktur und einen Wohnungsbestand mit einer schlechteren Ausstattung aufweisen.
8.
Wir greifen dabei auf verschiedene Umfragen unter Migranten zurück.
9.
Vgl. Ulrich Wagner/Rolf v. Dick/Kirsten Endrikat, Interkulturelle Kontakte. Die Ergebnisse lassen hoffen, in: W. Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände, Folge1, Frankfurt/M. 2002, S. 96 - 109.
10.
Die Abbildung basiert auf Daten des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Berlin. Im Unterschied zu den oben berichteten Ergebnissen aus den GMF-Umfragen, bei deren Erhebung in jedem Jahr andere Personen befragt wurden, sind in der Panelstudie des SOEP die gleichen Personen jährlich wieder befragt worden. Veränderungen im Befragtenkreis gibt es allerdings dadurch, dass durch Auszug aus dem ursprünglichen Haushalt neue Haushalte mit zum Teil neuen Befragten - in der Regel Partner - in die Umfrage aufgenommen wurden oder zunächst befragte Personen in späteren Umfragen nicht erreichbar waren.
11.
Wir betrachten im Folgenden Befragte, die im Rahmen der SOEP-Befragungen angegeben haben, einer nicht-christlichen Religion anzugehören und die selbst oder deren Eltern aus einem Land gekommen sind, das große muslimische Bevölkerungsanteile aufweist. Personen aus Staaten, die neben Muslimen im nennenswertem Umfang nicht-christliche Bevölkerungsgruppen aufweisen, wurden nicht in die Analyse aufgenommen. Obwohl dies möglicherweise nicht auf alle betrachteten Personen zutrifft, bezeichnen wir diesen Personenkreis im Folgenden als Muslime. Aufgrund dieser Datenlage kann nicht näher abgeschätzt werden, inwieweit die Angaben der berücksichtigten Personen auf die Gruppe der Muslime in Deutschland verallgemeinert werden können.
12.
Stiftung Zentrum für Türkeistudien, Religiöse Praxis und organisatorische Vertretung türkischstämmiger Muslime in Deutschland. Religiöse Praxis, organisatorische Einbindung, Einstellungen, Essen 2005, S. 71.
13.
Vgl. ebd., S. 74.
14.
Es liegen mittlerweile Hinweise dafür vor, dass durch den erleichterten Wechsel der Staatsangehörigkeit die Entwicklung der Integration von Ausländern auf Basis der Differenzierung nach Deutschen und Ausländern unterschätzt wird. Eine genauere Darstellung des Problems findet sich in: Kurt Salentin und Frank Wilkening, Ausländer, Eingebürgerte und das Problem einer realistischen Zuwanderer-Integrationsbilanz, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 2 (2003) 55, 278 - 298.
15.
Vgl. Stiftung Zentrum für Türkeistudien (Anm. 12), S. 20f.
16.
Vgl. Andreas Goldberg/Martina Sauer, Perspektiven der Integration der türkischstämmigen Migranten in Nordrhein-Westfalen. Ergebnisse der vierten Mehrthemenumfrage 2002, Münster 2003.
17.
Vgl. Stiftung Zentrum für Türkeistudien (Anm. 12), S. 28.
18.
Vgl. Helmut Schröder u.a., Ursachen interethnischer Konfliktpotentiale, in: Wilhelm Heitmeyer/Reimund Anhut (Hrsg.), Bedrohte Stadtgesellschaft. Soziale Desintegrationsprozesse und ethnisch-kulturelle Konfliktkonstellationen, Weinheim 2002, S. 101 - 198.
19.
Da die Wichtigkeit des Glaubens nicht immer im gleichen Jahr erfasst wurde, wie die Kontakthäufigkeit, haben wir bei der letzten verfügbaren Befragung aus dem Jahr 2003 zur Messung der Wichtigkeit des Glaubens auf die Daten aus dem Jahre 1999 zurückgegriffen. Obwohl die Wichtigkeit des Glaubens somit einige Jahre zuvor gemessen wurde und sich bei manchen Befragten im Laufe der Zeit geändert haben mag, zeigt sich auch 2003 der erwartete negative Zusammenhang zwischen der Wichtigkeit des Glaubens und der Kontaktwahrscheinlichkeit mit Deutschen.
20.
Wir haben in unseren Analysen noch eine Reihe weiterer Größen wie Alter, Geschlecht, Bildung und den Zeitpunkt der Immigration betrachtet. Dabei zeigten sich jedoch keine über die Erhebungsjahre stabilen Zusammenhänge, so dass wir hier von einer inhaltlichen Interpretation absehen. Als alternatives Maß zur Wichtigkeit des Glaubens bei der Erfassung der Religiosität der Befragten haben wir auch Antworten auf die Frage nach der Häufigkeit des Besuchs religiöser Veranstaltungen herangezogen. Die verglichen mit der Wichtigkeit des Glaubens geringere Stabilität ist möglicherweise eine Folge davon, dass religiöse Veranstaltungen nur besucht werden können, wenn sie auch angeboten werden. Hier kann es, z.B. durch die Errichtung von Moscheen, im Zeitverlauf Unterschiede geben. Als alternatives Maß zur subjektiven Einschätzung der Deutschkenntnisse haben wir auch untersucht, ob das Interview auf Deutsch oder in einer anderen Sprache stattfand. Die eigene Einschätzung hat jedoch einen größeren Effekt.
21.
Italiener, Portugiesen, Spanier, Griechen, Türken und Migranten aus (dem ehemaligen) Jugoslawien.
22.
Vgl. Frank Kalter/Nadia Granato, Sozialer Wandel und strukturelle Assimilation in der Bundesrepublik. Empirische Befunde mit Mikrodaten der amtlichen Statistik, in: Klaus J. Bade/Michael Bommes (Hrsg.), Migration - Integration - Bildung Grundfragen und Problembereiche, IMIS-Beiträge, Heft 23/2004.
23.
Vgl. Katrin Brettfeld/Peter Wetzels, Junge Muslime in Deutschland: Eine kriminologische Analyse zur Alltagsrelevanz von Religion und Zusammenhängen von individueller Religiosität mit Gewalterfahrungen, -einstellungen und -handeln. Studie im Auftrag des Bundesministerium des Innern, in: Bundesministerium des Innern (Hrsg), Texte zur Inneren Sicherheit. Islamismus, Berlin 2004, S. 267 - 274.
24.
Hartmut Esser, Ethnische Konflikte als Auseinandersetzung um den Wert von kulturellem Kapital, in: Wilhelm Heitmeyer/Rainer Dollase (Hrsg.), Die bedrängte Toleranz, Frankfurt/M. 1996, S. 94.