Greta Thunberg wird während eines Interviews gefilmt.

15.11.2019 | Von:
Heike Göbel

Der Markt als Verbündeter im Klimaschutz

"Die Wirtschaft" steht im Zentrum der Kritik vieler Klimaschützer. Sie sehen in Unternehmen einen doppelten Gegner: einerseits als direkte Verursacher von Treibhausgasemissionen, weil Unternehmen für den Produktionsprozess Energie nutzen und damit zum Ausstoß von Kohlendioxid beitragen. In Haftung genommen werden Unternehmen andererseits auch für den gesamten CO2-Ausstoß, der von der Nutzung der von ihnen verkauften Produkte oder Dienstleistungen ausgeht. Erst in zweiter Linie richtet sich Kritik der Klimaschützer also an die Nachfrageseite, an die Millionen Kunden, die ihr Geld für die kritisierten Angebote ausgeben. Sie gelten als schutzbedürftig, verführbar, als zu uninformiert oder zu arm, um ihren Konsum und ihre Lebensgewohnheiten freiwillig schnell genug in die von Klimaschützern für notwendig gehaltene Richtung zu verändern.

Deshalb konzentriert sich der Druck vieler, die für Klimaschutz auf die Straße gehen oder in den Parlamenten sitzen, vorrangig auf die Unternehmen: Gefordert werden nicht nur strenge staatliche Vorgaben für CO2-sparende Angebote. Verlangt wird immer öfter auch, das Angebot direkt per Gesetz einzuschränken, um so die Vielfalt und damit möglichst auch Konsum und Mobilität zu begrenzen. Als überflüssig und schädlich angeprangert werden zum Beispiel Stadtgeländewagen, Fleisch, Plastiktüten oder Inlandsflüge.

Mit diesen Forderungen verbunden ist meist offene oder verdeckte Wachstums- und Kapitalismuskritik. Klimaschutz sehen viele Aktivisten ebenso wie linke Politiker als einen Weg, das ihnen aus anderen Gründen (Einkommensungleichheit, Konkurrenzdruck) schon immer verpönte private Unternehmertum und das über Wettbewerb funktionierende freie Marktsystem auszuhebeln. Andere glauben schlicht nicht daran, dass sich Wirtschaftswachstum und Klimaschutz verbinden lassen, und setzen deswegen auf Verzicht und Askese zur Minderung der Treibhausgase.

Wirtschaft als Schlüssel

So verkehrt diese Frontstellung zur (Markt-)Wirtschaft ist, so birgt sie doch die Erkenntnis, dass private, im Wettbewerb stehende Unternehmen der wichtigste Schlüssel zum Ziel einer klimaverträglichen Wirtschafts- und Lebensweise sind, zu der sich Deutschland in verschiedenen Abkommen international verpflichtet hat. Aus dieser Erkenntnis müssen allerdings die richtigen Schlüsse gezogen werden. Der wichtigste lautet: Unternehmen und der Markt müssen endlich als Verbündete betrachtet werden im Klimaschutz – aus drei Gründen.

Erstens ist Klimaschutz vorerst sehr teuer. Seine Finanzierung wird noch über lange Zeit in Konkurrenz zu anderen wichtigen staatlichen Ausgaben stehen, ob für soziale Sicherheit, Bildung, öffentliche Infrastruktur, Polizei oder Verteidigung. Ein reiches Land hat es zwar leichter, diese Ziele nebeneinander zu verfolgen, und damit gute Voraussetzungen, dem Klimaschutz langfristig die in einer Demokratie nötige Akzeptanz der Mehrheit zu sichern. Die erforderlichen Steuereinnahmen liefert aber nur eine starke, wachsende Wirtschaft.

Zweitens braucht es für dauerhaft bezahlbaren Klimaschutz sinkende Kosten durch neue Technologien und innovative Lösungen. Welche das sein werden, weiß heute niemand genau. Der Staat kann über Investitionen in Grundlagenforschung Innovationen vorantreiben. Doch wird diese Anstrengung verpuffen, wenn es an Unternehmen fehlt, die darum wetteifern, diese Erkenntnisse für neue Angebote zu nutzen – und die auch selbst in Forschung und Entwicklung investieren. Märkte treiben einen offenen Suchprozess schnell voran, wenn die Anreize stimmen, wenn denjenigen, die vorne dran sind, auch Gewinne oder höhere Einkommen winken. Überall dort, wo die Politik Marktmechanismen und privates Unternehmertum als Verbündete betrachtet, kommt es zu enormen Fortschritten im Kampf gegen die großen Lebensrisiken Armut, Hunger und Krankheit, verbessern sich Bildung und Umwelt, steigt die Lebenserwartung.

Drittens sind Märkte auch darin überlegen, Millionen Verbraucher auf einem freiheitlichen Weg in Klimaschutz einzubinden. Über CO2-Preissignale lassen sich ihre Entscheidungen auf das staatlich festgelegte Ziel hin koordinieren, ohne dem Einzelnen vorzuschreiben, wie er sich am besten anpasst. Statt Zwang bleibt die Wahl unter verschiedenen Optionen: Pendler können dann beispielsweise entscheiden, ob sie lieber auf ein CO2-ärmeres Transportmittel umsteigen, näher an den Arbeitsort ziehen oder die höheren Kosten für den CO2-Ausstoß des alten Fahrzeugs tragen, dafür aber vielleicht die Heizung austauschen, das Haus dämmen oder auf einen Fernurlaub verzichten.

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