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22.10.2007 | Von:
Abraham Ascher

Das revolutionäre Russland in der Welt

Hoffnungen auf Deutschland

Für die russischen Marxisten stand fest, dass ihre Revolution auf dem Spiel stand, sollten andere Länder nicht bald ihrem Beispiel folgen. Im marxistischen Denken galt gerade das hoch entwickelte Deutschland mit seiner großen sozialdemokratischen Partei als das Land, das am ehesten eine Vorreiterrolle auf dem Weg zum Sozialismus übernehmen könnte. Doch die Bedingungen in beiden Ländern unterschieden sich grundsätzlich; die deutschen Arbeiter, denen es besser ging als ihren russischen Genossen, hatten bei einem Frontalangriff auf die Regierung viel zu verlieren. Einige sozialistische Führer stellten klar, dass von den deutschen Arbeitern nicht mehr als moralische und materielle Unterstützung erwartet werden könne.[8]

Es kann daher kaum überraschen, dass bereits während der Revolution des Jahres 1905, die im Westen weithin als gerechtfertigter Angriff auf eine archaische und brutale Autokratie gepriesen wurde, zahlreiche deutsche Linke Zweifel am taktischen Vorgehen der Leninisten äußerten, die nun Bolschewiki genannt wurden. Zwar hatten Anhänger des extremen linken Flügels der SPD die radikale Taktik Lenins und auch den fehlgeleiteten bewaffneten Aufstand in Moskau im Dezember 1905 unterstützt, doch wies eine beträchtliche Zahl von Sozialisten (unter ihnen August Bebel und Eduard Bernstein) die Vorstellung zurück, die deutschen Arbeiter sollten dem vom russischen Proletariat eingeschlagenen Weg folgen. Den Bolschewiki hätte dies später ein klares Signal sein müssen, sich nicht darauf zu verlassen, dass das Proletariat in Mitteleuropa eine Revolution nach ihrem Beispiel ausrief. Aber trotz häufig langer Jahre im westlichen Exil hatten die Funktionäre kein Gespür für die Mentalität der Arbeiter in diesem Teil der Welt entwickelt. Einer starren Ideologie verpflichtet, konnten sie sich nicht vorstellen, dass dort noch immer nationalistische Empfindungen verbreitet sein könnten, die die Arbeiter davon abhielten, sich von ausländischen Revolutionären führen zu lassen. Diese Fehleinschätzung sollte sich für lange Zeit als Fluch für die kommunistischen Führung erweisen.

Zwischen 1918 und 1921 verkalkulierte sich die politische Führung in Moskau immer wieder bei ihren Versuchen, die Revolution im Ausland und insbesondere in Deutschland zu fördern. Diese beschränkten sich nicht nur darauf, ihre vermeintlichen Genossen zum Handeln aufzurufen. Im April 1918 entsandte die Regierung den 35-jährigen Adolf A. Joffe, einen der engsten Freunde und Berater Leo Trotzkis, als ersten Repräsentanten der neuen Moskauer Obrigkeit nach Berlin. Die traditionelle Rolle eines Diplomaten lehnte Joffe ab - er weigerte sich, dem Kaiser sein Beglaubigungsschreiben vorzulegen und nahm umgehend Kontakt zu radikalen Kriegsgegnern unter den Sozialdemokraten auf, von denen viele inhaftiert waren. Er machte das Botschaftsgebäude zum "Hauptquartier der deutschen Revolution", wo ihm die Führer der USDP (Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands) Geheimbesuche zur Diskussion der revolutionären Strategie abstatteten. Er gab mehr als 100 000 Reichsmark für Waffen aus, die der Linken übergeben wurden. Die deutsche Polizei unterstellte der russischen Botschaft, die Revolution anzustacheln, und arrangierte es, dass eine von Russland an die Botschaft in Berlin gesandte Kiste im Bahnhofsgebäude "aus Versehen" zu Boden fiel. Aus dem Paket ergossen sich Aufrufe an die deutschen Arbeiter, einen Aufstand gegen die Regierung anzuzetteln. Joffe beteuerte seine Unschuld, doch wurden er und sein Mitarbeiterstab einen Tag nach dem Vorfall vom 5. April 1918 ausgewiesen. Diediplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und der Sowjetunion kamen für vier Jahre zum Erliegen.[9] Zurück in Moskau äußerte sich Joffe unverblümt: "Wir waren zu schwach, um eine Revolution zu entfesseln."[10]

Das Ausmaß des Versagens wurde schnell offenkundig. Der Spartakusaufstand im Januar 1919 in Berlin, der von den Kommunisten nahestehenden Radikalen angezettelt worden war, dauerte nur eine Woche und endete mit der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. In Absprache mit den regierenden Sozialdemokraten schlugen rechtsgerichtete Freikorps alle Umsturzversuche nieder. Die im April 1919 in Bayern ausgerufene Räterepublik nach sowjetischem Vorbild konnte sich drei Wochen halten, bevor auch sie von den Regierungstruppen niedergeworfen wurde. Der im März 1919 in Ungarn geschaffene sowjetische Staat unter Führung von Bela Kun überlebte etwas länger, büßte jedoch schnell an öffentlicher Unterstützung ein, nachdem die marxistische Regierung mit der Vergesellschaftung ernst machte und den Privatbesitz abschaffte. Am 1. August flüchtete Kun nach Wien; die Revolution war beendet. Anfang September schließlich fand der Revolutionsaufruf, den der in Baku durchgeführte "Erste Kongress der Völker des Ostens" an "die Massen" in Asien und Afrika richtete, nur wenig Gehör - zumal die meisten Bewohner dieser von den westlichen Kolonialmächten beherrschten Länder weder lesen noch schreiben konnten.

Diese massiven Fehlschläge veranlassten Lenin dazu, seine Strategie zu überdenken, ohne das Ideal der Weltrevolution aufzugeben. Der zweite Kongress der Komintern (Juli/August 1920) rechnete nicht mehr mit einem weiteren Vormarsch des Kommunismus in der nahen Zukunft und konzentrierte sich statt dessen auf eine Festigung der Kontrolle Moskaus über die weltweite sozialistische Bewegung. Doch die rüde Politik der Russen bewirkte nur eine weitere Entfremdung von den gemäßigten Sozialisten. Auf dem Kongress wurden die von Lenin aufgestellten "21 Bedingungen" für die Aufnahme ausländischer Parteien in die Komintern verabschiedet. Dazu gehörte es, dass die Parteien ihre Reihen von "Reformisten und Zentristen" zu "säubern" hatten und illegale Organisationen gründen sollten, die zu einem geeigneten Zeitpunkt im Sinne der Revolution aktiv zu werden hatten. Sie waren gehalten, in den Streitkräften Propaganda mit dem Ziel zu betreiben, sich nicht an einer "Konterrevolution" zu beteiligen. Sie sollten sich nach dem Prinzip des Demokratischen Zentralismus, dem Führungsprinzip der KPdSU, organisieren, die Sowjetunion gegen die Konterrevolution verteidigen und alle Beschlüsse der Komintern als bindend betrachten.[11] Diese schroffen Bedingungen waren für viele Sozialisten inakzeptabel und führten in den meisten europäischen Parteien, die einen Beitritt zur Komintern in Betracht gezogen hatten, zur Spaltung. Ferner schwächten sie den internationalen Einfluss der Sowjetunion erheblich.

Für wenige Jahre befand sich der politische Extremismus in Europa nun im Niedergang, und zudem stabilisierte sich die Wirtschaft in den meisten Ländern. In der ersten großen Krise nach der wirtschaftlichen Depression von 1929 schienen sich die Aussichten auf eine proletarische Revolution insbesondere in Deutschland wieder zu verbessern, doch erneut verspekulierten sich die sowjetischen Führer. Die höchste Gefahr ging vom raschen politischen Aufstieg des extremen rechten Flügels in Deutschland aus, der die Weimarer Republik verachtete und zu einer Abschaffung der Demokratie entschlossen war. In den Jahren 1928 bis 1932 konnten die Nationalsozialisten ihren Stimmenanteil von 2,6 auf 37,4 Prozent (230 Sitze im Deutschen Reichstag) steigern und wurden zur stärksten Partei. Gleichermaßen unheilvoll für die Republik war der Rückgang des Stimmenanteils der SPD sowie die wachsende Unterstützung für die Kommunisten. Um die Machtübertragung auf die Nationalsozialisten zu verhindern, hätten Kommunisten und Sozialdemokraten einen Block bilden und sich den Kräften der politischen Mitte anschließen müssen, die sich der Weimarer Republik verpflichtet fühlten.

Doch die von Moskau diktierte Strategie wies in eine völlig andere Richtung. Überzeugt davon, dass sie sich der Unterstützung einer Mehrheit der deutschen Arbeiter sicher sein können, begannen die Kommunisten 1929 damit, die Sozialdemokraten als "Sozialfaschisten" zu verunglimpfen, mit denen jede Zusammenarbeit unmöglich sei. Eineinhalb Jahre später erklärte KPD-Führer Ernst Thälmann, eine Koalitionsregierung unter Beteiligung der Sozialdemokraten spalte und verwirre das Proletariat und sei damit "tausendmal schlimmer als eine offen faschistische Diktatur, die einem geeinten, zum Kampf für seine Interessen entschlossenen Proletariat gegenüberstehen würde". Und Hermann Remmele, ein anderer führender Kommunist, behauptete, es sei "nicht schlimmer, unter Brüning zu hungern als unter Hitler".[12]

Gewiss haben die Sozialdemokraten (insbesondere jene, die der preußischen Regierung angehörten) nicht immer die hehren Prinzipien der Demokratie hoch gehalten. 1929 beispielsweise hatte die Obrigkeit aus Furcht vor gewalttätigen Ausschreitungen die Demonstrationen zum 1. Mai verboten. Die Kommunisten organisierten einen unbewaffneten Protestmarsch und wurden von der Polizei unter Führung von SPD-Funktionären mit Gummiknüppeln und Feuerwaffen auseinandergetrieben. In den Tagen danach gab es bewaffnete Zusammenstöße mit 25 getöteten und 36 schwer verletzten Zivilisten.[13] Derartige Vorfälle aber mit der Politik Hitlers gleichzusetzen, war grotesk, und das sollten die Kommunisten zu ihrem Leidwesen bald erfahren. Für sie bedeutete die Naziherrschaft nicht nur die Zerschlagung ihrer Partei in Deutschland; der Weltkrieg kostete die Sowjetunion allein über 20 Millionen Tote.[14]

Fußnoten

8.
Vgl. Abraham Ascher, German Socialists and the Russian Revolution of 1905, in: Ezra Mendelsohn/Marshall S. Shatz (Eds.), Imperial Russia, 1700 - 1917: State, Society, Opposition. Essays in Honor of Marc Raeff, DeKalb 1988, S. 260 - 277.
9.
Vgl. Edward Hallett Carr, The Bolshevik Revolution, 1917 - 1923, New York 1961, Bd. 3, S. 76f., sowie Richard Pipes, The Russian Revolution, New York 1990, S. 668.
10.
Zit. nach: E. H. Carr (Anm. 9), S. 77.
11.
Vgl. Richard Pipes, Russia under the Bolshevik Regime, New York 1980, S. 379f.
12.
Ossip K. Flechtheim, Die KPD in der Weimarer Republik, Offenbach 1948, S. 165ff.
13.
Vgl. ebd., S. 155.
14.
Vgl. James I. Stokesbury, A Short History of World War II, New York 1980, S. 379f.