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24.9.2007 | Von:
Helmut Kury

Mehr Sicherheit durch mehr Strafe?

Wirken Strafen?

In der steigenden Punitivität drückt sich vor allem die Vorstellung aus, dass man mit (härteren) Strafen die Kriminalitätsbelastung reduzieren könne. Das verwundert nicht, reagieren wir doch seit Menschengedenken auf abweichendes Verhalten mit Strafen. Die USA setzen - insbesondere seit Beginn der 1970er Jahre - vor allem auf harte Sanktionen, um die Kriminalität zurückzudrängen. Die Zahl der Inhaftierten hat dort seit 1973 geradezu dramatisch zugenommen. 2004 stieg die Inhaftiertenquote (Zahl der Inhaftierten pro 100 000 der Wohnbevölkerung) auf 724 (Russland: 581). Im Vergleich zu den USA lag die Inhaftiertenquote in Deutschland 2003 bei 97. Inzwischen sind in den USA über zwei Millionen Bürger inhaftiert, relativ gesehen mehr als in jedem anderen Land. Westeuropäische Länder rangieren in der Inhaftiertenquote zwischen Werten von 143 (Luxemburg) und 39 (Island). Das macht die enorme Spannbreite der Verhängung und Praktizierung von Freiheitsstrafen deutlich und weist gleichzeitig auf die Unterschiedlichkeit von Kriminalpolitik und Sanktionskultur in den einzelnen Ländern hin.

Vergleicht man die Inhaftiertenquoten mit der Kriminalitätsbelastung der US-Bundesstaaten, zeigt sich erwartungsgemäß ein Zusammenhang in der Weise, dass Bundesstaaten mit einer höheren Kriminalitätsbelastung tendenziell auch eine höhere Inhaftiertenquote haben. Allerdings ist der Zusammenhang nicht einheitlich, es ergeben sich auch erhebliche Unterschiede. So hatte beispielsweise der Bundesstaat Louisiana 2004 trotz höchster Inhaftiertenquote von 816 eine Kriminalitätsbelastung von 5098 registrierten Straftaten, North Carolina inhaftierte im Vergleich dazu weniger als die Hälfte (357) und hatte trotzdem eine niedrigere Kriminalitätsbelastung von 4721. Utah hatte eine noch niedrigere Inhaftiertenquote von 246 bei niedrigerer Kriminalitätsbelastung (4452). Maine hatte eine Inhaftiertenquote von lediglich 148 bei einer Kriminalitätsbelastung von 2656. Die deutlich höhere Inhaftiertenquote etwa in Texas (694) im Vergleich zu Washington State (264) bewirkte offensichtlich keineswegs, dass in Texas die Kriminalitätsrate niedriger ist als in Washington (5190 im Vergleich zu 5107 Straftaten): Sie liegt in beiden Staaten etwa gleich hoch. Offensichtlich wird die Kriminalitätsbelastung also nicht wesentlich von der Sanktionsstruktur bestimmt, sondern von anderen gesellschaftlichen Faktoren, worauf auch so gut wie alle Kriminalitätstheorien hinweisen.

Ein weiteres Beispiel dafür, dass eine Steigerung der Inhaftiertenquote, d.h. die Verhängung härterer Strafen, wenig bzw. keinen Einfluss auf die Kriminalitätsbelastung eines Landes hat, insbesondere was schwere Straftaten betrifft, ist Finnland. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Finnland im Vergleich zu den anderen nordeuropäischen Ländern Norwegen, Schweden und Dänemark eine etwa dreimal so hohe Inhaftiertenquote, trotzdem eine etwa gleich hohe Kriminalitätsbelastung. Um sich den anderen nordischen Ländern anzugleichen und vor allem auch, um die erheblichen Kosten der Inhaftierung zu sparen, reduzierte Finnland in den folgenden 40 Jahren, also bis etwa 1990, die Inhaftiertenquote auf ein Drittel des Ausgangswertes, senkte sie somit auf das Niveau der anderen Länder. Hätten harte Strafen - die Freiheitsstrafe ist die härteste Sanktion in Finnland - einen kriminalpräventiven Effekt, wäre zu erwarten, dass mit dieser bedeutenden Reduzierung der schweren Sanktionen die (Schwer-)Kriminalität überdimensional steigen würde. Das ist jedoch nicht der Fall. Die Kriminalitätsbelastung in Finnland stieg nur in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg an. Wie in den anderen westeuropäischen Ländern zeigte sie denselben Trend wie in den übrigen (nord)europäischen Ländern, bei denen eine vergleichbare Veränderung der Inhaftierungspolitik nicht stattfand, wobei der Anstieg allerdings weniger deutlich ist als im Durchschnitt der übrigen Länder. Auch das weist darauf hin, dass sich harte Sanktionen kaum bzw. überhaupt nicht auf die registrierte Kriminalitätsentwicklung auswirken. Offensichtlich ist der Zusammenhang zwischen (harter) Bestrafung und Kriminalitätsbelastung, vor allem, was schwerere Straftaten angeht, niedrig bzw. überhaupt nicht vorhanden.[22] Besonders schwere Kriminalität kann durch entsprechende harte Strafen offensichtlich, wenn überhaupt, nur geringfügig reduziert werden.

Dass (harte) Sanktionen in ihrer Wirksamkeit nicht überschätzt werden dürfen, belegt auch ein Blick in die Geschichte. Die Zahl der schweren, grausamen Straftaten war im Mittelalter deutlich höher als heute. Bei der Berechnung der Homizidraten in fünf europäischen Regionen für die Zeit von 1200 bis 2000 findet man einheitlich einen erheblichen Rückgang dieser Gewalttaten auf etwa fünf Prozent im Vergleich zum 13. und 14. Jahrhundert.[23] Das bedeutet, dass im Mittelalter etwa 20-mal so viele oder noch mehr Menschen durch Straftaten getötet wurden als heute. Gleichzeitig waren aber, wie bekannt, die Kriminalstrafen unvorstellbar streng und grausam: Es wurde geköpft, gerädert, verbrannt, gepfählt, ertränkt, gekreuzigt, gehängt, zu Tode geschleift, verstümmelt; die Täter wurden öffentlich gebrandmarkt und als solche ausgestellt, selbst noch nach ihrem Tode, sowie teilweise zusätzlich noch zu ewiger Höllenpein verdammt.[24] Offensichtlich haben selbst diese Sanktionen, die kaum noch zu übertrumpfen sind, nicht zu einer wesentlichen Reduzierung der schweren Gewaltkriminalität beigetragen. Es waren vielmehr die Veränderungen der gesellschaftlichen Verhältnisse und der Lebensbedingungen der Bürger, die im Laufe der Jahrhunderte zu einer deutlichen Reduzierung der (Schwer-) Kriminalität beigetragen haben.

Fußnoten

22.
Vgl. Dieter Dölling/Horst Entorf/Dieter Hermann/Armando Häring/Thomas Rupp/Andreas Woll, Zur generalpräventiven Abschreckungswirkung des Strafrechts - Befunde einer Metaanalyse, in: Helmut Kury (Hrsg.), Härtere Strafen - weniger Kriminalität? Zur Verschärfung der Sanktionseinstellungen, in: Soziale Probleme, 17 (2006), im Druck.
23.
Vgl. Manuel Eisner, Individuelle Gewalt und Modernisierung in Europa. 1200-2000, in: Günter Albrecht/Otto Backes/Wolfgang Kühnel (Hrsg.), Gewaltkriminalität zwischen Mythos und Realität, Frankfurt/M. 2001, S.71-100.
24.
Vgl. Wolfgang Schild, Alte Gerichtsbarkeit. Vom Gottesurteil bis zum Beginn der modernen Rechtsprechung, München 1980.