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31.8.2007 | Von:
Peter Sitzer
Wilhelm Heitmeyer

Rechtsextremistische Gewalt von Jugendlichen

Interpretation im Lichte der Theorie Sozialer Desintegration

Rechtsextremistische Gewalt ist von verschiedenen Handlungsvoraussetzungen, Kontextbedingungen und Eskalationsfaktoren abhängig, die wiederum in komplexen Beziehungen zueinander stehen. Vor dem Hintergrund der referierten Befunde soll abschließend die Funktion rechtsextremistischer Gewalthandlungen für die Täter erklärt werden. Ausgangspunkt unserer Überlegungen ist die Erkenntnis, dass intersubjektive Anerkennung ein existenzielles Bedürfnis des Menschen ist.[39] Die Theorie Sozialer Desintegration unterscheidet drei grundlegende Anerkennungsbedürfnisse, die individuell befriedigt werden müssen.[40] Aus dieser Perspektive kann rechtsextremistische Gewalt als "produktive" Verarbeitung individueller Anerkennungsdefizite verstanden werden. Wenngleich im Folgenden die Konsequenzen verweigerter Anerkennungsbedürfnisse separat behandelt werden, kann rechtsextremistische Gewalt am besten als Folge von Anerkennungsdefiziten in den drei zentralen Integrationsdimensionen erklärt werden.
    1. Die Partizipation an den materiellen und kulturellen Gütern einer Gesellschaft wird als positionale Anerkennung erfahren. Objektiv sind ausreichende Zugänge zum Arbeits-, Wohnungs- und Konsummarkt relevant, subjektiv eine hinreichende Zufriedenheit mit der beruflichen und sozialen Position. Anerkennungsdefizite in dieser Dimension können aus schulischen und beruflichen Misserfolgen resultieren, aus geringen sozialen Aufstiegschancen oder einem drohenden oder befürchteten sozialen Abstieg. Solche Anerkennungsdefizite finden sich bei rechtsextremistischen Gewalttätern überdurchschnittlich häufig. Ideologien der Ungleichwertigkeit haben vor diesem Hintergrund eine doppelte Funktion: Zum einen kann das positive Selbstbild gewahrt werden, indem anderen die Verantwortung für die eigene prekäre Lage zugeschrieben wird. Zum anderen kann das Selbstwertgefühl durch die Abwertung anderer Personen und Gruppen erhöht werden. Schließlich legitimieren Ideologien der Ungleichwertigkeit Gewalt gegen die stigmatisierten Personen und Gruppen. Die Funktion von Gewalthandlungen liegt unter anderem darin, sich in Gewalt befürwortenden Gruppen Status zu erkämpfen und auf diese Weise den Mangel positionaler Anerkennung zu relativieren.

    2. Die rechtliche Gleichheit gegenüber anderen und der gerechte Ausgleich konfligierender Interessen werden als moralische Anerkennung erfahren. Dabei setzen die Aushandlung und konkrete Ausgestaltung des Interessenausgleichs sowohl entsprechende Teilnahmechancen als auch die Teilnahmebereitschaft der betroffenen sozialen Gruppen voraus. Anerkennungsdefizite in dieser Dimension können insbesondere aus beanspruchten Etabliertenvorrechten resultieren, aber auch aus rassistischen, antisemitischen, fremdenfeindlichen, heterophoben oder sexistischen Überzeugungen. Rechtsextremistische Gewalt hat vor diesem Hintergrund eine zweifache Funktion: Zum einen kann sie als Kampf um "soziale Gerechtigkeit" verstanden werden, was aus der Perspektive eines Rechtsextremisten die Übervorteilung der "weißen Rasse" oder die Rückbesinnung auf traditionelle Geschlechterrollen bedeuten kann. Zum anderen kann sie als Kampf um öffentliche und politische Aufmerksamkeit begriffen werden, um auf die eigene prekäre Situation hinzuweisen.

    3. Die Zuwendung und Aufmerksamkeit in sozialen Nahbeziehungen, die Gewährung von Freiräumen und die Ausbalancierung sozialen Rückhalts und normativer Anforderungen werden als emotionale Anerkennung erfahren. Anerkennungsdefizite in dieser Dimension können insbesondere aus direkten und indirekten Gewalterfahrungen in der Familie sowie aktiver und passiver Anerkennungsverweigerung durch die Eltern resultieren. Solche Defizite finden sich bei rechtsextremistischen Gewalttätern fast durchgängig. Vor diesem Hintergrund kann die Gewaltbereitschaft Jugendlicher erstens als das Ergebnis direkter "Lernprozesse" erklärt werden, zweitens als Folge von Entwicklungsdefiziten - wie geringes Einfühlungsvermögen, mangelnde Kooperationsfähigkeit und Konfliktlösekompetenzen - und drittens als Möglichkeit, Gefühle der Schwäche durch die Ausübung von Macht über das Opfer zu kompensieren. Auch Rassismus, Antisemitismus, Ethnozentrismus, Fremdenfeindlichkeit, Heterophobie und Etabliertenvorrechte sind das Ergebnis solcher Lernprozesse. Anknüpfungspunkte finden Ideologien der Ungleichwertigkeit insbesondere bei Jugendlichen, die infolge emotionaler Anerkennungsdefizite autoritäre Ideen oder menschenfeindliche Einstellungen und Emotionen ausgebildet haben. Funktional sind Ideologien der Ungleichheit insbesondere für die Identitätsbildung Jugendlicher mit solchen Lebenserfahrungen.
Aus der Perspektive der Theorie Sozialer Desintegration werden rechtsextremistische Gewalthandlungen Jugendlicher als das Ergebnis eines Prozesses verstanden, dessen Voraussetzungen in der Familie gelegt werden, und der bei spezifischen Handlungsbedingungen und -gelegenheiten eskalieren kann. Zwar entwickeln sich nur wenige Jugendliche mit positionalen, moralischen oder emotionalen Anerkennungsdefiziten zu rechtsextremistischen Gewalttätern. Allerdings kann sich das abhängig von den Handlungsbedingungen, Gelegenheitsstrukturen und Eskalationsfaktoren kurzfristig ändern, zumal menschenfeindliche Einstellungen und rechtsextremistische Orientierungen weit verbreitet sind.

Fußnoten

39.
Einen kurzen Überblick über die Ideengeschichte geben: Peter Sitzer/Christine Wiezorek, Anerkennung, in: Wilhelm Heitmeyer/Peter Imbusch (Hrsg.), Integrationspotenziale moderner Gesellschaften, Wiesbaden 2005.
40.
Vgl. Reimund Anhut/Wilhelm Heitmeyer, Desintegration, Konflikt und Ethnisierung. Eine Problemanalyse und theoretische Rahmenkonzeption, in: Wilhelm Heitmeyer/Reimund Anhut (Hrsg.), Bedrohte Stadtgesellschaft. Soziale Desintegrationsprozesse und ethnisch-kulturelle Konfliktkonstellationen, Weinheim-München 2000; Reimut Anhut/Wilhelm Heitmeyer, Desintegration, Anerkennungsbilanzen und die Rolle sozialer Vergleichsprozesse für unterschiedliche Verarbeitungsmuster, in: W. Heitmeyer/P. Imbusch (Anm.39); Reimund Anhut/Wilhelm Heitmeyer, Disintegration, Recognition and Violence, in: Les C@hiers de Psychologie Politique, 9 (2006).