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29.6.2007 | Von:
UlrichTrautwein
Jürgen Baumert
Kai Maaz

Hauptschulen = Problemschulen?

Hauptschule als "Sackgasse"?

Die Diskussion um die Hauptschule als Problemschule oder "bildungspolitisches Aus"[16] wird auch im Hinblick auf die Verwertbarkeit des Hauptschulabschlusses auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt geführt. Da die Arbeitskräfteallokation in der Bundesrepublik im Wesentlichen nach dem Berufsprinzip funktioniert, nach dem Arbeitgeber Leistungsfähigkeit und Lernfähigkeit eines zukünftigen Auszubildenden oder Angestellten nach der formalen Qualifikation der Bewerber einschätzen, ist die Annahme, dass der Hauptschulabschluss im Zuge der Expansion mittlerer und höherer Bildungsabschlüsse an Bedeutung verliere, augenscheinlich zutreffend.

Befunde auf Bundesebene scheinen diese Annahme zu bestätigen (Vgl. Tabelle 3 der PDF-Version). Über die Hälfte der Absolventinnen und Absolventen mit einem Hauptschulabschluss haben 2004 Maßnahmen im Übergangssystem besucht. Hierzu zählen Angebote außerschulischer Träger und schulischer Bildungsgänge wie z.B. teilqualifizierende Angebote, die auf eine anschließende Ausbildung als erstes Jahr anerkannt werden können oder Voraussetzung zur Aufnahme einer vollqualifizierenden Ausbildung sind. Dieser Anteil liegt nur für Jugendliche ohne einen Schulabschluss (84 Prozent) noch höher. Andererseits zeigt sich, dass immerhin ca. 40 Prozent der Hauptschulabsolventen den Übergang in eine Ausbildung im dualen System und 8 Prozent den Übertritt in das Schulberufssystem (vollzeitschulische Ausbildung oder Beamtenausbildung) geschafft haben. Aufgrund der unterschiedlichen Bedeutung der Hauptschule in den Bundesländern lassen sich die Ausbildungschancen von Hauptschulabsolventen zudem nicht pauschal beurteilen. In denjenigen Ländern, in denen die Hauptschule eine starke Stellung besitzt, existieren unter anderem im handwerklichen Bereich attraktive Ausbildungsoptionen.[17]

Mit dem Erwerb des Hauptschulabschlusses ist die schulische Laufbahn von Jugendlichen an Hauptschulen nicht zwangsläufig beendet. Anfang der 1970er Jahre forderte der Deutsche Bildungsrat[18] eine grundsätzliche Offenheit von Bildungswegen. Diese ist inzwischen ein wichtiges Kennzeichen der Schulsysteme in allen Bundesländern und hat zu einer Entkopplung von der in der Sekundarstufe besuchten Schulform und dem höchsten erworbenen Bildungsabschluss geführt. Der Entkopplungsprozess ist für den Mittleren Bildungsabschluss am weitesten vorangeschritten. Nur noch 43 Prozent der Schulabgänger mit einem Mittleren Abschluss des Schuljahres 2003/04 haben diesen Abschluss an einer Realschule gemacht, 9 Prozent an einer Hauptschule und 12 Prozent an einer Schule mit mehreren Bildungsgängen (Vgl. Tabelle 4 der PDF-Version).

Dass der Besuch einer Hauptschule auch den späteren Erwerb der allgemeinen Hochschulreife nicht ausschließt, konnte beispielhaft für Baden-Württemberg mit Daten der Studie Transformation des Sekundarschulsystems und akademische Karrieren[19] nachgewiesen werden. Immerhin rund vier Prozent aller Abiturienten hatten einen Teil ihrer Schullaufbahn in der Hauptschule absolviert; bei ausschließlicher Betrachtung der Abiturienten vom beruflichen Gymnasium stieg diese Zahl auf über 13 Prozent.[20]

Fußnoten

16.
Vgl. G. G. Hiller (Anm. 11).
17.
Siehe hierzu den Beitrag von Birgit Reißig und Nora Gaupp, Hauptschüler: Schwierige Übergänge von der Schule in den Beruf, in dieser Ausgabe.
18.
Vgl. Deutscher Bildungsrat, Empfehlungen der Bildungskommission, Strukturplan für das Bildungswesen, Stuttgart 1972, S. 38.
19.
Vgl. Olaf Köller/Rainer Watermann/Ulrich Trautwein/Oliver Lüdtke (Hrsg.), Wege zur Hochschulreife in Baden-Württemberg. TOSCA - Eine Untersuchung an allgemein bildenden und beruflichen Gymnasien, Opladen 2004.
20.
Vgl. Kai Maaz, Soziale Herkunft und Hochschulzugang. Effekte institutioneller Öffnung im Bildungssystem, Wiesbaden 2006.