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29.6.2007 | Von:
UlrichTrautwein
Jürgen Baumert
Kai Maaz

Hauptschulen = Problemschulen?

Die Zukunft der Hauptschule

Die Hauptschule scheint dann einen sinnvollen Bestandteil des mehrgliedrigen Schulsystems darzustellen, wenn sie ein anspruchsvolles Programm für einen bedeutsamen Anteil der Schülerschaft anbieten kann und attraktive schulische oder berufliche Anschlussmöglichkeiten bestehen. Sinkt der Hauptschüleranteil in einer Region auf eine sehr niedrige Quote und ist die Schülerschaft einer Hauptschule durch eine ungünstige Komposition gekennzeichnet, ist mit einer Belastung des Unterrichts und einer Beeinträchtigung von Leistungs- und Persönlichkeitsentwicklung zu rechnen. Aber auch wenig belastete Hauptschulen haben sich spezifischen Herausforderungen zu stellen. Diese bestehen beispielsweise in Schülern mit schulischen Misserfolgskarrieren und spezifischen Leistungsdefiziten, deren Förderung eines professionellen didaktischen und pädagogischen Kontextes bedarf. Zudem verlangt der Anspruch, neben einer besonderen Förderung berufsnaher Fähigkeiten den leistungsstarken Absolventen auch den Übergang in weiterführende Schulen zu ermöglichen, den Hauptschulen in curricularer und didaktischer Hinsicht einen Spagat ab.

Ein Verzicht auf die Hauptschule durch Integration in eine Gemeinschaftsschule bzw. in eine Schule mit mehreren Bildungsgängen ist, wie verschiedene Bundesländer demonstrieren, möglich; aber auch ein solcher Verzicht bringt neue Herausforderungen mit sich. Die vielleicht größte Sorge von Lehrkräften an Realschulen sowie vieler Eltern von Kindern an Realschulen besteht darin, dass durch eine Zusammenlegung mit Hauptschulen negative Kompositionseffekte an den neuen Schulen auftreten würden, die bislang in besonderer Weise die Hauptschulen kennzeichneten. Ob diese Sorge gerechtfertigt ist, lässt sich nicht endgültig beantworten.

In PISA 2000 waren negative Kompositionseffekte in den so genannten Schulen mit mehreren Bildungsgängen vergleichsweise gering ausgeprägt, was darauf hindeuten mag, dass diese Schulen relativ robust gegen Kompositionseffekte sind; allerdings ist unklar, wie sehr regionalspezifische Faktoren für diesen Befund verantwortlich sind. Zu den wichtigen Herausforderungen in einem wenig differenzierten Schulsystem gehört es, gerade auch für die leistungsschwächeren Schüler selbstwertschützende Nischen zu schaffen. Je größer der Prozentsatz der Schüler ist, die eine bestimmte Schulform besuchen, desto größer ist der Bedarf an begabungsgerechten internen oder externen Differenzierungsformen. Auch ist eine gute Balance zwischen Allgemeinbildung und beruflich orientierter Bildung zu finden. Eine wichtige Aufgabe, deren Bewältigung von den Eltern an Gemeinschaftsschulen zu Recht kritisch beobachtet wird, ist darüber hinaus die spezifische Förderung derjenigen Schüler, die nach der Sekundarstufe I in eine gymnasiale Oberstufe überwechseln können oder wollen.

Die Ergebnisse der jüngeren Schulleistungsstudien haben viel dazu beigetragen, dass die Stärken und Schwächen des mehrgliedrigen Schulsystems inzwischen auf hohem Niveau analysiert werden können; durch die verbreiterte Befundlage wurde die Debatte um das differenzierte Schulsystem, die in Deutschland eine lange Tradition hat, wiederbelebt und bereichert. So wichtig diese Debatte sein mag - aus Sicht der empirischen Schulleistungsforschung scheint ein warnender Hinweis angebracht zu sein: Es sollte nicht vergessen werden, dass über den Erfolg oder Misserfolg von Schule in besonderer Weise das Lehrerhandeln im Unterricht entscheidet, das nur teilweise von Faktoren wie Schulformzugehörigkeit oder Klassenzusammensetzung bestimmt ist. Der Analyse und Verbesserung von Unterrichtsqualität gebührt deshalb eine besondere Aufmerksamkeit in Wissenschaft, Lehrerschaft und Öffentlichkeit.