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31.5.2007 | Von:
Tanja von Egan-Krieger
Konrad Ott
Lieske Voget

Der Schutz des Naturerbes als Postulat der Zukunftsverantwortung

Die Idee intra- und intergenerationeller Gerechtigkeit

In einem ersten Schritt ist Nachhaltigkeit als ein Zielsystem zu verstehen, das individuelle und vor allem kollektive Verpflichtungen mit sich bringt. Mit Immanuel Kant gesprochen, handelt es sich um ein Zielsystem, das zu erreichen moralisch geboten ist. Die leitende Idee ist die der intra- und intergenerationellen Gerechtigkeit. In intergenerationeller Hinsicht lassen sich folgende drei Fragen formulieren: Bestehen überhaupt Verpflichtungen gegenüber zukünftigen Personen? Soll man der Zukunftsverantwortung einen egalitär-komparativen (relationalen) oder einen absoluten Standard zugrunde legen? Was zählt zu einer fairen Hinterlassenschaft?

Es ist an anderer Stelle dargelegt worden, dass Pflichten gegenüber zukünftigen Generationen bestehen.[5] Im Anschluss daran stellt sich die Frage, wie gut zukünftige Personen im Verhältnis zu gegenwärtigen gestellt werden sollen. Die ethische Kontroverse dreht sich darum, ob der Zukunftsethik ein absoluter oder ein komparativer Standard ("Es soll zukünftigen Generationen alles in allem nicht schlechter gehen als uns") zugrunde gelegt werden soll. Ein absoluter Standard sichert einen menschenwürdigen "Sockel", während der komparative Standard sich auf Gleichstellungsziele bezieht.

Im Greifswalder Ansatz wird der komparative Standard aufgrund der folgenden Argumentation vertreten:[6]
  • Die Überzeugung, dass in der Kette der Generationen keine Generation etwas Besonderes ist, ist begründet, da sich eine gegenteilige Behauptung in Diskussionen mit Vertretern unterschiedlicher Generationen nicht mit Aussicht auf Konsens rechtfertigen und sich darüber hinaus auch nicht universalisieren ließe, ohne sich aufzuheben.
  • Jede Form primärer Diskriminierung, d.h. von Wertunterscheidungen zwischen Personen aufgrund kontingenter Merkmale (Hautfarbe, Geschlecht, Geburtsjahr), ist verboten.[7] Auch eine Bevorzugung oder Benachteiligung von Personen, nur, weil sie zu einer bestimmten Generation gehören, wäre eine primäre Diskriminierung.
  • Es gilt die so genannte "presumption in favor of equality": Allgemein anerkannte egalitäre Grundsätze politischer Gerechtigkeit wie etwa "Jeder ist vor dem Gesetz gleich", "Jede Stimme zählt bei einer Wahl gleich viel", "Jeder verdient gleiche Berücksichtigung" werden in die Sphäre distributiver Gerechtigkeit übertragen. Daraus ergeben sich Forderungen, dass Güter gleich zu verteilen sind, falls keine plausiblen Gründe für die Ungleichverteilung sprechen.[8]

    Damit sind zwei der drei obigen Fragen beantwortet. Wir gehen weiterhin von der Vermutung aus, dass eine durchschnittlich hohe Lebensqualität, wie sie der komparative Standard fordert, für alle Menschen im Rahmen einer dauerhaft umwelt- und mitweltgerechten Wirtschaftsweise erreichbar ist. Die dritte Frage nach der fairen Hinterlassenschaft lässt sich nicht auf der abstrakten Ebene moraltheoretischer Begründungen beantworten. Sie erfolgt auf der konzeptionellen Ebene.

  • Fußnoten

    5.
    Vgl. Konrad Ott, Essential Components of Future Ethics, in: Ralf Döring/Michael Rühs (Hrsg.), Ökonomische Rationalität und praktische Vernunft. Gerechtigkeit, Ökologische Ökonomie und Naturschutz. Festschrift anlässlich des 60. Geburtstages von Prof. Dr. Ulrich Hampicke, Würzburg 2004, S. 83 - 108.
    6.
    Vgl. K. Ott/R. Döring (Anm. 3), S. 96.
    7.
    Vgl. Ernst Tugendhat, Vorlesungen über Ethik, Frankfurt/M. 1993.
    8.
    Vgl. K. Ott/R. Döring (Anm. 3). S. 86, im Anschluss an John Rawls, Eine Theorie der Gerechtigkeit, Frankfurt/M. 1975 und in Abgrenzung zum so genannten Anti-Egalitarismus.