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31.5.2007 | Von:
Tanja von Egan-Krieger
Konrad Ott
Lieske Voget

Der Schutz des Naturerbes als Postulat der Zukunftsverantwortung

Forstwirtschaft

Die Idee der Nachhaltigkeit hat in der Forstwirtschaft eine lange Tradition. In der "Sylvicultura oeconomica" von Hans Carl von Carlowitz von 1713 taucht das Wort "nachhaltend" zum ersten Mal in seiner heutigen Bedeutung auf. Carlowitz plädiert darin für eine "continuirliche und nachhaltende Nutzung". Im 19. Jahrhundert setzte sich der Grundsatz der Nachhaltigkeit - verstanden als Nachhaltigkeit der Holzproduktion - in der Forstwirtschaft in ganz Mitteleuropa durch. In der heutigen forstpolitischen Diskussion wird der Begriff der Nachhaltigkeit deutlich weiter gefasst. Wälder leisten neben der Holzproduktion eine Reihe weiterer Funktionen. Sie sind Musterbeispiele für multifunktionale ökologische Systeme. Im Anschluss an den so genannten "Millennium Ecosystem Assessment Report"[13] lassen sich die Funktionen der Wälder folgendermaßen gliedern: Zu den direkten Funktionen gehören die Versorgungsfunktion, die kulturelle Funktion und die Regulationsfunktion. Die Versorgungsfunktion bezieht sich in erster Linie auf Holz, von dem in Deutschland jährlich ca. 40 Mio. m3 geschlagen werden.[14] Die Funktionen der Wälder in Bezug auf Bodenschutz, Immissionsschutz, Lärmschutz, Wasserschutz sowie lokalen, regionalen und globalen Klimaschutz können der Regulationsfunktion zugeordnet werden.

Die kulturelle Funktion der Wälder beinhalten die Aspekte Wissenschaft, Erholung, Bildung sowie die Erfüllung ästhetischer, emotionaler und spiritueller Bedürfnisse. Zu den indirekten Funktionen gehören die Lebensraumfunktion und die Grundlagenfunktion. Wälder sind für viele Tier- und Pflanzenarten wichtiger Lebensraum. Mitteleuropa war vor den starken menschlichen Eingriffen größtenteils mit Wald bedeckt. Diese Tatsache hat zu einer vielfachen Anpassung von Lebewesen an das Ökosystem Wald geführt.[15] Die Grundlagenfunktion der Wälder beruht auf sämtlichen dort stattfindenden Stoff- und Energiekreisläufen sowie ihrer Vernetzung, welche das Erbringen der direkten Funktionen erst ermöglichen. Die Erhaltung und Stärkung dieser Funktion kommt einem Schutz der ökosystemischen Resilienz gleich[16] und dient dem Ziel, den Wechsel der Waldökosysteme in einen aus menschlicher Sicht nachteiligen Alternativzustand zu vermeiden.[17]

Im Anschluss an die Theorie starker Nachhaltigkeit gilt zwingend, Wälder als einen zentralen Bestandteil unseres Naturkapitals zu erhalten. Wälder sollten darüber hinaus in Zukunft in der Lage sein, alle oben genannten Funktionen zu erfüllen. Dieses Ziel ist nur erreichbar, wenn sie naturnah bewirtschaftet werden. Zu den Grundsätzen naturnaher Waldwirtschaft sollten beispielsweise gehören: erstens die Ausnutzung aller Möglichkeiten zur natürlichen Verjüngung, das Zulassen von natürlicher Sukzession (z.B. auf Katastrophenflächen); zweitens eine einzelstamm- bis gruppenweise Holzernte; drittens eine Erhöhung des Altholzanteils und die Sicherung von Totholzanteilen; viertens eine Gewährleistung waldverträglicher Wildbestände sowie fünftens die wesentliche Erhöhung des Anteils heimischer Baumarten.

Allerdings machen die Zielkonflikte zwischen den einzelnen Funktionen eine teilweise Differenzierung der Waldnutzung erforderlich. Das bedeutet, dass neben dem naturnahen Waldbau, der den Großteil der Waldfläche einnehmen sollte, auch Nutzungsformen bestehen sollten, auf denen bestimmte Waldfunktionen Vorrang genießen. So ist beispielsweise für den Schutz anspruchsvoller Wildarten (Auerwild, Luchs) die Einrichtung großflächiger Waldschutzgebiete notwendig. Daneben sind kleinflächige temporäre Schutzgebiete für Arten später Sukzessionsphasen erstrebenswert.

Der Zustand der Wälder ist nach wie vor unbefriedigend. Viele Wälder weisen massive Schädigungen auf. Der Klimawandel setzt die Wälder unter Anpassungsdruck und bringt etliche Risiken mit sich (Schädlingsbefall, Waldbrände, Stürme). Sollen unsere Wälder in ihrer Vielfalt als Erbe für die zukünftigen Generationen erhalten werden, müssen wir bisherige Bewirtschaftungsformen überdenken und, wo nötig, ändern.

Fußnoten

13.
World Resources Institute, Millennium Ecosystem Assessment. Ecosystems and Human Well-Being, Washington, DC 2005.
14.
Vgl. BMVEL, Bundeswaldinventur II, http://www.bundeswaldinventur.de
15.
Vgl. Harald Thomasius/Peter Schmidt, Wald, Forstwirtschaft und Umwelt, Bonn 1996, S. 207 - 210.
16.
Die Resilienz eines Ökosystems gibt den Umfang an Störungen an, der absorbiert werden kann, bevor das System seine Struktur, d.h. die Variablen und Prozesse ändert, die sein Verhalten bestimmen.
17.
Vgl. Tanja von Egan-Krieger, Theorie der Nachhaltigkeit und die deutsche Waldwirtschaft der Zukunft, Diplomarbeit an der Universität Greifswald 2005.