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23.4.2007 | Von:
Robert Gugutzer

Körperkult und Schönheitswahn - Wider den Zeitgeist - Essay

Der Körper als Wahnvorstellung

Ist das Diskursfeld, auf das sich die Rede vom Körperkult bezieht, die Religion, so ist jenes, auf das sich die Rede vom Schönheitswahn bezieht, die Psychiatrie bzw. Psychopathologie. Damit einher geht eine Verschärfung des Moralismus und der sozialen Abwertung, die mit diesen beiden Ausdrücken verbunden sind. Im Vergleich zum Körper als Kultobjekt einer Diesseitsreligion scheint die Grenze des moralisch Akzeptablen nämlich auf jeden Fall dann erreicht, wenn die Körperthematisierung wahnhafte Formen annimmt. Das Fotomodell, das so sehr hungert, bis es an Magersucht stirbt, der Bodybuilder, der aufgrund seiner gedopten Muskelmassen nicht mehr richtig gehen kann, 70-jährige Frauen, die sich ihr Gesicht zum wiederholten Male liften lassen, 50-jährige Männer, die sich Haare transplantieren und den Penis verlängern lassen - verrückt! Krank! So zahlenmäßig gering solche Fälle auch sind, sie müssen gleichwohl herhalten als typische Beispiele für den grassierenden Schönheitswahn unserer Zeit. Was aber ist eigentlich das Wahnhafte, das Verrückte daran?

Im psychiatrischen Sinne ist ein Wahn durch eine dauerhaft von der Norm abweichende Wahrnehmung der Realität gekennzeichnet. Wer ernsthaft glaubt und konsequent behauptet, Jesus zu sein, gilt bei uns als verrückt. Entscheidend ist hierbei die Abgrenzung von Wahn und Norm (analog zu der von Kult und Natur). Denn: "Man kann nicht über Verrücktheit reden, ohne über Normalität zu sprechen" (Fritz B. Simon). Dem Schönheitswahn verfallen zu sein, hieße dem entsprechend, ernsthaft zu glauben und konsequent zu versuchen, das gesellschaftlich vorgegebene Schönheitsideal mit einem über das Normale hinausgehenden Aufwand oder Ausmaß zu realisieren. Psychopathologisch ist ein Schönheitshandeln dann, wenn es die normativen Standards der ästhetischen Körperpraxis sprengt. Wer von Schönheitswahn spricht, erklärt sich daher zum Anwalt dieser Normen.

Die Hüter dieser Handlungsnormen haben einen leicht identifizierbaren Gegner: die Medien- und Konsumgesellschaft. Denn in einer Mediengesellschaft wie der unseren sind es die Massenmedien, welche die Definitionsmacht über schön oder nicht-schön, richtiges und falsches Schönheitshandeln innehaben (und nicht mehr, wie von der Antike bis zur neuzeitlichen Feudalgesellschaft, die oberen sozialen Stände oder Klassen). Im Sinne der Anklage missbrauchen Fernsehen, Zeitschriften und Internet diese Macht, indem sie ungesunde oder wahnwitzige Ideale und Praktiken vermitteln. Ihr kongenialer Partner ist die Konsumgesellschaft, welche die wahre Schönheit zur Ware Schönheit hat verkommen lassen, die (fast) beliebig käuflich ist.

Die Verteidiger der Rede vom Schönheitswahn pflegen damit selbst einen Diskurs, dem eine Definitionsmacht über Norm und Abweichung inklusive der damit einhergehenden Ausgrenzungs- und Stigmatisierungsmechanismen innewohnt. Verglichen etwa mit dem medial sehr bedeutsamen Modediskurs ist jedoch ein Unterschied zu beobachten: Während dieser von Normen und Idealen spricht und über das Pathologische schweigt, spricht jener über das Pathologische und verschweigt das Normative. Das muss nun allerdings nicht verwundern. Wie sollte auch in einer individualisierten und wertepluralistischen, medizinisch-technologisch weit vorangeschrittenen Gesellschaft eine ästhetische Norm verbindlich gemacht werden? Was ist unter ästhetischen Gesichtspunkten schon normal? Und wieso überhaupt sollte es pathologisch sein, sich Fett absaugen und die Brust mit Silikonimplantaten vergrößern zu lassen, normal hingegen, sich eine Warze entfernen oder abstehende Ohren korrigieren zu lassen, ja, sich die Haare zu färben und die Fingernägel zu lackieren? Sind das nicht lediglich graduelle Unterschiede?

Im Zeitalter ihrer technologischen und ökonomischen Machbarkeit ist Schönheit mehr denn je relativ. Der diskursive Versuch, Schönheitspraktiken in pathologisch und normal, verrückt und gesund auseinander zu dividieren, ist daher ein moralischer Anachronismus. Wir leben in einer "Erlebnisgesellschaft" (Gerhard Schulze), in der Ethik zunehmend durch Ästhetik ersetzt wird. Der Sinn des Lebens liegt heutzutage für immer mehr Menschen im Streben nach einem schönen Leben, und dass der Körper hierbei eine zentrale Rolle spielt, ist nahe liegend. Das Schöne tritt an die Stelle des Guten. Frei nach einem aktuellen Buchbestseller: Gute Mädchen kommen in den Himmel, schöne überall hin! Und für Jungs gilt das nicht minder!