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5.4.2007 | Von:
Martin Löffelholz

Kriegsberichterstattung in der Mediengesellschaft

Höhere Ansprüche an sicherheitspolitische Kommunikation

Anders als noch zu Zeiten des Kalten Krieges haben die meisten politischen Akteure freilich die Spielregeln der Mediengesellschaft akzeptiert. Jung und Schneiderhan wussten, was auf sie zukommt, bevor sie die Pressekonferenz eröffneten. Denn am Vortag hatte ein Reporter der "Bild"-Zeitung im Verteidigungsministerium eine Stellungnahme zu den Totenschädel-Fotos aus Afghanistan eingefordert. Den Fachleuten im Ministerium war damit klar, dass die Pressekonferenz einen völlig anderen Verlauf als geplant nehmen würde. Eilig wurden alle verfügbaren Informationen zu dem Fall zusammengetragen, damit Verteidigungsminister und Generalinspekteur dem bevorstehenden Frageansturm der Journalisten begegnen konnten.

Öffentlichkeit, Journalismus und Public Relations spielen im sicherheitspolitischen Diskurs seit dem Ende der Ost-West-Konfrontation unverkennbar eine größere Rolle. Das gilt im Alltag der Berliner Republik genauso wie in Kriegs- und Krisensituationen, mit denen die Bundeswehr seit der Mitwirkung an der UN-Mission in Somalia 1993 in wachsendem Maß konfrontiert ist. Mit der größeren Anzahl von Auslandseinsätzen wuchsen die Anforderungen an die kommunikative Auseinandersetzung mit gegnerischen Streitkräften, an die zielgruppengerechte Information der Bevölkerung in den Einsatzgebieten und, nicht zuletzt, an die öffentliche Legitimation militärischer Operationen. Im Weißbuch 2006 findet sich dazu allerdings - Ironie der Geschichte - nur ein lapidarer Hinweis: "Neben den klassischen militärischen Faktoren Kräfte, Raum und Zeit gewinnt der Faktor Information zunehmend an Bedeutung."[3]

Ungeachtet der mangelnden Berücksichtigung kommunikativer Aspekte im Weißbuch interessieren sich die politische Praxis wie die akademische Forschung seit längerem für die Beziehungen von Medien und Sicherheitspolitik - vor allem in Kriegs- und Krisenzeiten. Zwei Fragen stehen dabei im Mittelpunkt:
  • Wie prägt das sicherheits- und verteidigungspolitische Management von Kommunikation die Krisenberichterstattung? Können Journalistinnen und Journalisten Kriege unabhängig beschreiben - trotz Zensur, PR-Kampagnen, Ereignisinszenierung und eingebettetem Journalismus (embedded journalism)?
  • Wie beeinflusst die Kriegsberichterstattung sicherheitspolitische Entscheidungen? Können Medien den Verlauf gewaltsamer Konflikte beeinflussen, also etwa Regierungen dazu bewegen, kriegerische Auseinandersetzungen zu beginnen - oder zu beenden?

  • Fußnoten

    3.
    Bundesministerium der Verteidigung (Anm. 1), S. 115.