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19.3.2007 | Von:
Bodo Gemper

Ludwig Erhard revisited

"Mut zum Konsum", "Mut zur eigenen Leistung"

Als Konsumforscher um "die wichtigsten Ankurbelungsmittel" auf dem Markt wissend, verstand er es, die Währungsreform 1948 nutzend, den Motor der westdeutschen Wirtschaft nicht nur aus dem Nichts anzuwerfen[39] und am Laufen zu halten, sondern den Wiederaufbau - ohne staatliche Subventionen - in einen sich selbst tragenden Aufschwung überzuleiten. Statt der Schwer- und Investitionsgüterindustrie wandte Erhard sich als erstes den Not leidenden Menschen zu. Die von ihm maßgeblich geprägten "Leitsätze für die Bewirtschaftung und Preispolitik nach der Geldreform" führten in weiten Bereichen zur "Freigabe der Bewirtschaftung": Die nach dem Krieg hergestellten Waren, die bisher - statt gegen wertlose Reichsmark - lieber unter der Hand gegen andere Waren oder Versprechen handwerklicher Hilfe eingetauscht (kompensiert) oder in beachtlichem Umfange gehortet worden waren, lockte das neue Geld über Nacht ans Tageslicht. Ein Warenangebot weckte in der Bevölkerung Lebensmut. Erhard hatte mit seiner "historischen Weichenstellung" nicht nur das "Gedankengut der sozialen Marktwirtschaft den breiten Schichten der Bevölkerung verständlich", sondern auch erlebbar gemacht. Erhatte einen Built-in-Pump-priming-Effekt ausgelöst, indem seine Empfehlung, "Mut zum Leistungswettbewerb und zur Eigenverantwortung" zu beweisen, den "tätigen Menschen" anspornte, Mut zur eigenen Leistung aufzubringen, sein eigenes Einkommen zu verdienen und damit kaufkräftige Nachfrage auszuüben. Dieser "Mut zum Konsum" wurde belohnt: Es bildete sich ein Arbeitsmarkt, der zum Wechsel des Produktionsfaktors Arbeit in rentablere Verwendungen geradezu herausforderte.

Der sich so selbst verstetigende Wirtschaftskreislauf setzte einen Prozess in Gang, vergleichbar dem eines in den freien Markt eingebauten Wirkungsmechanismus: Es wird neues Einkommen generiert, weil die "menschliche Arbeit Wert und Sinn verhieß und der Fleiß" die Beschäftigten "an einer weiteren (...) gedeihlichen Entwicklung teilhaben" ließ und sie zu weiterer Nachfrage motivierte. Die Konsumwellen, an deren Beginn die Ess-, Bekleidungs-, Wohn- und Reisewelle standen, bezeugen Erhards Erfolgskurs. Seine "dynamische Wirtschaftspolitik" mit diesem Pumpmechanismus[40] verlieh dem Marktprozess lange Zeit sich selbst revitalisierende Schubkraft, unterstützt u.a. von einer positiven Lohndrift: Wachstumsraten von Effektivlohnsätzen, die über den Tariflohnsätzen lagen, und einer beschäftigungsfreundlichen, "sozialpolitisch ausgewogenen Besteuerung" begleitet. "Eine Politik über massive Steuererhöhungen, die Einkommen der Staatsbürger zugunsten staatlicher Verwendungen abzuschöpfen, bringt sich selbst um den Erfolg."

Fußnoten

39.
Vgl. B. Gemper (Anm. 4), S. 6 II.
40.
Zu würdigen im Kontext der Akzelerator- und Multiplikatorwirkungen.