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2.3.2007 | Von:
Hans-Jürgen Wirth

Macht, Narzissmus und die Sehnsucht nach dem Führer

Macht und Machtmissbrauch

Moderne psychoanalytische Konzepte wie die "relationale Psychoanalyse"[8] betrachten den Narzissmus nicht mehr als "einsame Beschäftigung des Subjekts mit sich selbst"[9], sondern als Ausdruck und Medium des Bedürfnisses, von anderen geliebt und anerkannt zu werden. Einerseits sind wir bestrebt, uns als Individuen unserer Einzigartigkeit und Individualität zu vergewissern, andererseits sind wir dazu aber - paradoxerweise - auf die spiegelnde Anerkennung (und Liebe) der anderen angewiesen. Im Unterschied zur Freud'schen Auffassung bildet der Narzissmus demnach "keinen Gegensatz zur Objektbeziehung, er ist in einem Zwischenbereich angesiedelt, welcher das Selbst mit dem anderen verbindet."[10]

So wie der Narzissmus ein allgegenwärtiger Aspekt des Seelenlebens ist, stellt auch die Macht einen unvermeidlichen Bestandteil des sozialen Lebens dar. Sowohl Narzissmus als auch Macht lassen sich nur über ihren Beziehungsaspekt erschließen. Macht existiert nicht schlechthin, sondern man übt sie über etwas oder über jemanden aus.[11] Niklas Luhmann versteht Macht als ein "Kommunikationsmedium", das dazu dient, "auf einen Partner, der in seinen Selektionen dirigiert werden soll", Einfluss zu nehmen.[12] Der Soziologe Max Weber definiert Macht als "jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstand durchzusetzen, gleichviel, worauf diese Chance beruht".[13] In seinem berühmten Essay "Politik als Beruf" richtet er im Zusammenhang mit den negativen Wirkungen der Macht seinen soziologischen Blick auf "einen ganz trivialen, allzu menschlichen Feind (...): die ganz gemeine Eitelkeit".[14] Er bezeichnet sie als "Berufskrankheit" der Politiker (und der Wissenschaftler) und vermutet, sie sei eine Eigenschaft, von der sich niemand ganz frei wähnen könne. Bei Weber findet sich auch eine implizite Definition von Machtmissbrauch: "Die Sünde gegen den heiligen Geist seines Berufs aber beginnt da, wo dieses Machtstreben unsachlich und ein Gegenstand rein persönlicher Selbstberauschung wird, anstatt ausschließlich in den Dienst der 'Sache' zu treten."[15] Interessanterweise thematisiert Weber hier implizit bereits den engen Zusammenhang zwischen Narzissmus und Macht, auch wenn ihm der Begriff des Narzissmus als Soziologe nicht geläufig war.

Die Ausübung von Macht wird problematisch, wenn die Leitungsfunktion vom pathologischen Narzissmus der Führungsperson bestimmt wird, wenn der Führer seine Macht dazu benutzt, seine unbewussten narzisstischen Konflikte auszuagieren oder abzuwehren. Es ist einer Führungsperson durchaus erlaubt, ihre gesunden narzisstischen und auch ihre aggressiven Strebungen in ihre Arbeit einfließen zu lassen: "Die Machtausübung ist ein wesentlicher, unvermeidbarer Teil der Führung und verlangt von der Führungskraft, dass sie sich die aggressiven Aspekte ihrer eigenen Persönlichkeit problemlos zunutze machen kann."[16] Auch sind die gesunden narzisstischen Wünsche und Bedürfnisse eine wichtige Stimulanz für die Führungsaufgabe. So ist es unproblematisch, wenn ein Führer stolz auf seine Arbeit und die Erfolge ist, die er selbst und die von ihm geleitete Gemeinschaft erreicht haben. Sein Selbstwertgefühl sollte sich durch solche Erfolge steigern, er sollte sich auch gerne mit seiner Arbeit in der Öffentlichkeit zeigen und sich dafür anerkennen, feiern und ggf. auch wählen lassen. Das alles sind Ausdrucksformen eines gesunden Narzissmus, die der sachlichen Arbeit und auch der Entwicklung der Persönlichkeit des Führers und der Weiterentwicklung der Gruppen-Identität förderlich sind.

Wir können jedoch dann von Machtmissbrauch sprechen, wenn der Mächtige seine Stellung dazu benutzt, Interessen und Bedürfnisse zu befriedigen, die mit der sachlichen Aufgabe, die mit seiner sozialen Rolle verknüpft sind, nichts zu tun haben, sondern primär oder ausschließlich seiner "persönlichen Selbstberauschung", seiner "Eitelkeit", also seinem pathologischen Narzissmus dienen. Entsprechend könnte man den pathologischen Narzissmus (im Unterschied zum gesunden) dadurch kennzeichnen, dass andere Menschen (mit Hilfe von Macht) funktionalisiert werden, um das eigene Selbstwertgefühl zu stabilisieren. Besonders problematisch wird der Machtmissbrauch dann, wenn sich die Gemeinschaft in ihrer kollektiven Identität bedroht fühlt, ein narzisstisch gestörter Führer die Macht erringen kann und dieser ein "gewähltes Trauma"[17] und einen gemeinsamen Außenfeind aussucht, um die emotionalen Konflikte der Großgruppe dort auszuagieren.

Fußnoten

8.
Vgl. Stephen A. Mitchell, Bindung und Beziehung. Auf dem Weg zu einer relationalen Psychoanalyse, Gießen 2003; ders., Kann denn Liebe ewig sein? Psychoanalytische Erkundungen über Liebe, Begehren und Beständigkeit, Gießen 2004.
9.
Martin Altmeyer, Narzissmus und Objekt. Ein intersubjektives Verständnis der Selbstbezogenheit, Göttingen 2000, S. 228.
10.
Ebd., S. 22.
11.
Vgl. Vittorio Hösle, Moral und Politik. Grundlagen einer politischen Ethik für das 21. Jahrhundert, München 1997.
12.
Niklas Luhmann, Macht, Stuttgart 1975, S. 8.
13.
Max Weber (1921), Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie, Tübingen 1980, S. 28.
14.
Ders. (1919), Politik als Beruf, Tübingen 1994, S. 74.
15.
Ebd., S. 75.
16.
Otto F. Kernberg (1998), Ideologie, Konflikt und Führung. Psychoanalyse von Gruppenprozessen und Persönlichkeitsstruktur, Stuttgart 2000, S. 139.
17.
Vamik D. Volkan, Das Versagen der Diplomatie. Zur Psychoanalyse nationaler, ethnischer und religiöser Konflikte, Gießen 1999.