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31.1.2007 | Von:
Andreas Hasenclever
Alexander De Juan

Religionen in Konflikten - eine Herausforderung für die Friedenspolitik

Strukturelle Toleranz

Die Inhalte religiöser Schriften und Botschaften sind meist nicht unmittelbar auf bestimmte Situationen anwendbar. Vielmehr müssen sie ausgelegt und konkretisiert werden. Entsprechend hängt die Wirkung religiöser Traditionen weniger von objektivierbaren Dogmen als von kontextbezogenen Interpretationen ab. Dabei entspricht es der grundsätzlichen Natur von Religionen, dass divergierende Deutungen weder bewiesen noch widerlegt werden können. Somit sind auch die Interpretationen anerkannter Autoritäten prinzipiell durch gegenläufige Deutungen angreifbar.[9] Die reine Vorherrschaft toleranter Interpretationen ist daher für sich genommen ebenso wenig ein Garant für die Instrumentalisierungsresistenz religiöser Gemeinschaften wie exklusiv-fundamentalistische Grundausrichtungen für ihre Instrumentalisierungsanfälligkeit. Erst wenn spezifische Deutungen innerhalb religiöser Gemeinschaften auch institutionalisiert werden, können sie deren Instrumentalisierbarkeit beeinflussen. Eine solche Institutionalisierung geht mit der Herausbildung von Praxen und Strukturen einher, in denen sich die inhaltliche Ausrichtung spezifischer Interpretationen materialisiert. Im Falle religiöser Deutungen gehören hierzu etwa religiöse Rituale, die Aufnahmebedingungen religiöser Gemeinschaften, die Ausbildung zukünftiger Geistlicher oder Verhaltenskodizes. In dem Maße, in dem solche Infrastrukturen ausgebildet werden, verfestigt sich ein religiöser Diskurs. Die Flexibilität religiöser Inhalte wird reduziert - eine inhaltliche "Kehrtwende" wird erschwert.

Im Kontext andauernder politischer oder sozialer Konflikte können oftmals radikale religiöse Botschaften institutionalisiert werden und damit die Instrumentalisierungsanfälligkeit religiöser Gemeinschaften erhöhen. In Nigeria beispielsweise wurden Eliten in ihren Verteilungskämpfen um die Gewinne der nigerianischen Ölwirtschaft jahrzehntelang von muslimischen und christlichen Geistlichen mit radikalen Interpretationen unterstützt.[10] Bestandteile einer institutionellen Verfestigung dieser polarisierenden Botschaften sind die Bildung radikaler religiöser Studentengruppen, die Gründung religiöser Dachorganisationen, die als Beschützer ihrer respektiven Glaubensgemeinschaften auftreten, oder die Verbreitung selektiv übersetzter und kommentierter heiliger Schriften. Die institutionelle Stabilität dieser Interpretationen behindert den Einfluss moderater Gegenstimmen und erleichtert die religiöse Mobilisierung durch lokale und nationale Eliten.

Andererseits kann die Institutionalisierung moderater bzw. toleranter religiöser Haltungen die Instrumentalisierungsresistenz religiöser Gemeinschaften erhöhen. Unter den führenden schiitischen Gelehrten Mushin al-Hakim und Abu al-Qasim al-Kho'i wurde die quietistische Tradition des Islam im Irak schrittweise institutionalisiert. Al-Hakim und al-Kho'i zählen zu den Vertretern eines moderaten, apolitischen Islam, der jede Form des schiitischen politischen Aktivismus verurteilt.[11] Beide gehörten zu den einflussreichsten schiitischen Gelehrten ihrer Zeit, publizierten zahlreiche Schriften und bauten weit reichende Netzwerke aus schiitischen Laien und Geistlichen auf. Unzählige junge 'Ulama (muslimische Religionsgelehrte) studierten unter ihrer religiösen Anleitung. Auf diese Weise konnte die quietistische Tradition über mehrere Generationen hinweg institutionalisiert werden und dem eskalierenden politischen Aktivismus von al-Sadr insbesondere in der frühen Phase nach dem Sturz des Baath-Regimes entgegenwirken.[12]

Fußnoten

9.
Vgl. Thomas Scheffler, Introduction. Religion between Violence and Reconciliation, in: ders. (Hrsg.), Religion between Violence and Reconciliation. Beiruter Texte und Studien, Bd. 76, Würzburg 2002, S. 13.
10.
Vgl. Jibrin Ibrahim, Religion and Political Turbulence in Nigeria, in: The Journal of Modern African Studies, 29 (1991) 1, S. 115 - 136.
11.
Vgl. Pierre-Jean Luizard, The Nature of Confrontation Between the State and Maja'ism. Grad Ayatollah Mushin al-Hakim and the Ba'th, in: Faleh A. Jabar (Ed.), Ayatollahs, Sufis and Ideologues. State, Religion and Social Movements in Iraq, London 2002, S. 90 - 100; Yousif Al-Kho'I, Grand Ayatollah Abu al-Qassim al-Kho'i: Political Thought and Positions, in: F. A. Jabar, ebd., S. 223 - 230.
12.
Eine solche apolitische Ausrichtung ist nur eine Form möglicher religiöser Haltungen, deren Institutionalisierung die Instrumentalisierungsresistenz religiöser Gemeinschaften fördern kann. Eine weiteres wäre etwa das "ökumenischen Bewusstsein" religiöser Gemeinschaften. Der von Karl-Josef Kuschel (Streit um Abraham. Was Juden, Christen und Muslime trennt - und was sie eint, Düsseldorf 2001) geprägte Begriff bezeichnet die grundsätzliche Anerkennung der inneren Würde anderer Religionen. Mit einem ökumenischen Bewusstsein verbindet sich also ein grundlegender Respekt vor fremden Traditionen, der sich aus der Erkenntnis gemeinsamer Werte und Abhängigkeiten ableitet. In einer Analyse zweier islamischer Bewegungen in Besatzungssituationen kann Michael Hörter (Das Konfliktverhalten islamischer Bewegungen in Besatzungssituationen. Tübinger Arbeitspapier Nr. 49, 2006) zeigen, dass unter sonst durchaus vergleichbaren Bedingungen ökumenisches Bewusstsein mit gewaltfreiem Widerstand einhergeht, während ein exklusives Heilsverständnis gewaltsamen Widerstand nach sich zieht.