APUZ Dossier Bild

31.1.2007 | Von:
Andreas Hasenclever
Alexander De Juan

Religionen in Konflikten - eine Herausforderung für die Friedenspolitik

Innerreligiöse Öffentlichkeit

Schließlich lässt sich beobachten, dass religiöse Gemeinschaften dann besonders instrumentalisierungsanfällig sind, wenn ihre Strukturen es einzelnen Autoritäten erleichtern, ihre Anhänger mit exklusiven Interpretationen zu versorgen und vor alternativen Deutungen abzuschirmen. Solange die Auslegungen einzelner Autoritäten konkurrenzlos bleiben, können die Gläubigen nur schwerlich beurteilen, ob es sich um die selektive Interpretation eines radikalen und isolierten Predigers oder den Konsens des religiösen Establishments handelt. In Nigeria beispielsweise verhindern zahlreiche Einzelkonflikte innerhalb und zwischen verschiedenen Sufi-Bruderschaften sowie selbsternannten Vertretern des orthodoxen Islam die Integration der islamischen Gemeinschaft und damit eben auch die Isolierung radikaler Prediger sowie die Infragestellung ihrer selektiven Interpretationen.

Umgekehrt zeichnen sich viele instrumentalisierungsresistente Gemeinschaften durch komplexe intrareligiöse Strukturen aus, welche die Etablierung von Deutungsmonopolen im oben genannten Sinne verhindern. Zwei Faktoren spielen in diesem Zusammenhang eine Rolle: innerreligiöse Koalitionsbildungen und transnationale Vernetzung. So können dezentrale Zusammenschlüsse von Geistlichen dazu beitragen, radikale Strömungen zu isolieren und gegenüber den Gläubigen zu delegitimieren. In solchen innerreligiösen "Deutungskoalitionen" bündeln moderate Interpreten ihre Autorität und stellen die Rechtmäßigkeit selektiver Auslegungen in Frage. Im Irak beispielsweise haben sich die Großayatollahs in Najaf angesichts des wachsenden Einflusses des militanten Predigers Moqtada al-Sadr öffentlich koordiniert, um ihre Autorität durch gemeinsame religiöse Anweisungen zu erhöhen. Auf gleiche Weise hat das buddhistische religiöse Establishment (Sangha) auf Sri Lanka in den neunziger Jahren gezielt darauf hingearbeitet, Entscheidungen zwischen verschiedenen religiösen Führern abzustimmen, um die Abspaltung einzelner Geistlicher zu verhindern und ein starkes interpretatives Gegengewicht gegenüber radikalen Mönchen zu bilden.

Schließlich kann die Verbreitung selektiver Interpretationen auf der Basis der gleichen Mechanismen auch durch die transnationale Vernetzung religiöser Gemeinschaften erschwert werden. So hat beispielsweise die Verurteilung der Apartheid und die korrespondierende Unterstützung gewaltfreier Protestbewegungen durch den Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) und die World Alliance of Reformed Churches (WARC) den Wandel der großen Mehrheit der südafrikanischen Kirchen von Befürwortern der Rassendiskriminierung zu ihren schärfsten Kritikern nachhaltig beeinflusst. Diese transnationale Einbindung ermöglichte den Gemeinden einen kritischen Blick auf die eigenen Überlieferungen und ihre politische Verantwortung, der schließlich dazu führte, dass dem Regime in Pretoria mehrheitlich die Unterstützung entzogen wurde und es sich für einen möglichst gewaltfreien Wandel eingesetzt hat.