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31.1.2007 | Von:
Rolf Schieder

Die Zivilisierung der Religionen als Ziel staatlicher Religionspolitik?

Wie plural ist die religiöse Landschaft in Deutschland?

Der Marburger Religionswissenschaftliche Medien- und Informationsdienst e.V. (REMID) liefert in regelmäßigen Abständen die Mitgliederzahlen der religiösen Gemeinschaften in Deutschland. Für das Jahr 2006 verzeichnet REMID etwa 130 religiöse Gruppierungen in Deutschland. Die Liste reicht von der Römisch-Katholischen Kirche mit 25 986 384 Mitgliedern über die Landeskirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mit 25 630 000 Mitgliedern bis hin zur "Germanischen Glaubensgemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung" mit 140 und dem "Dachverband für traditionelle Naturreligion" mit 120 Mitgliedern. Sieht man einmal von den Splittergruppen ab und zählt lediglich die religiösen Gemeinschaften, die mehr als 50 000 Mitglieder zählen, dann ist die religiöse Pluralität in Deutschland durchaus ausgeprägt. Im protestantischen Milieu gibt es die Neuapostolische Kirche (374 635), die Baptistengemeinden (166 500), die Zeugen Jehovas (163 092), die Methodisten (64 100) und die Mennoniten (ca. 50 000). Die weltweit wachsenden Pfingstgemeinden kommen in Deutschland zurzeit nur auf eine Zahl von 39 000 Mitgliedern. Einer der orthodoxen Kirchen gehören etwa 1,4 Millionen Menschen in Deutschland an. In den jüdischen Gemeinden sind 110 000 Deutsche organisiert. Die Gesamtzahl der Muslime schätzt REMID auf 3,3 Millionen, davon etwa 14 352 deutschstämmige Muslime. Es gibt etwa 90 000 Hinduisten und etwa 240 000 Buddhisten in Deutschland. Die neueren religiösen Bewegungen fallen zahlenmäßig kaum ins Gewicht. Scientology hat nach REMID etwa 6 000 Mitglieder, die Transzendentale Meditation etwa 1 000.

Die große Aufregung in den achtziger Jahren über Psychogruppen und Jugendreligionen erscheint rückblickend als übertrieben. Bei aller Vielfalt ist das religiöse Feld in Deutschland nämlich auffallend stabil. Von einer großen Dynamik ist nichts zu spüren. Religiöse Pluralität ist im Wesentlichen ein Migrationseffekt. Das Bedürfnis der Deutschen nach religiös-weltanschaulicher Stabilität lässt sich am besten am Verhalten der Menschen im Osten nach 1989 zeigen. Sowohl die Hoffnungen der großen christlichen Kirchen als auch die Hoffnungen von Missionaren aus den Freikirchen erfüllten sich nicht. Die Menschen blieben in ihrer großen Mehrheit das, was sie bis 1989 auch schon waren, nämlich konfessionslos. Wie sich die Stabilität der großen Volkskirchen im Westen vor allem darauf stützen kann, dass die Konfessionszugehörigkeit vererbt wird - und damit eine eigene religiöse Entscheidung gar nicht auf der Agenda der eigenen Lebensführung steht -, so findet sich auch im Osten diese konservative, sich an Familientraditionen orientierende Haltung. Besonders gut lässt sich dies an der Jugendweihe studieren. Obwohl das weltanschauliche Fundament der Jugendweihe, die Initiation in die sozialistische Gesellschaft, weggebrochen ist, erfreut sich die Jugendweihe als Familienfest nach wie vor großer Beliebtheit. Als ein junges Mädchen aus der DDR nach der "Wende" gefragt wurde, ob sie religiös sei, antwortete sie: "Nö, ich bin eigentlich ganz normal!" An dieser Normalität der Konfessionslosigkeit wollen immer noch 73 Prozent der Bürgerinnen und Bürger im Osten festhalten.

So gehören in den östlichen Bundesländern also lediglich 27 Prozent der Bevölkerung einer christlichen Kirche an. Im Westen sind es 74 Prozent. Aus diesen Zahlen schloss die Justizministerin, dass es keine christlich begründeten Wertüberzeugungen mehr gebe, die auf allgemeine Zustimmung rechnen könnten. "Kein Wunder, dass sich die Verwaltungsgerichte immer häufiger mit religiös motivierten Konflikten befassen müssen", so die Ministerin. Aber der Streit um das Fach LER in Brandenburg war gar kein Streit zwischen Konfessionslosen und Christen, sondern ein Konflikt zwischen den Christen, die das westliche System importieren wollten, und denen, die derostdeutschen kirchlichen "Christenlehre" keine Konkurrenz erwachsen lassen wollten und deshalb für einen religionskundlichen Unterricht für alle plädierten. Marianne Birthler, die die Einführung des Faches LER vehement verfocht, war ausgebildete Katechetin der Brandenburgischen Kirche. Beim Kruzifixurteil handelte es sich nicht um einen Konflikt zwischen einem Konfessionslosen und den Kirchen, sondern darum, dass sich das Land Bayern das Recht herausnahm, christliche Kreuze in Klassenzimmern aufzuhängen. Es gab auch eine ganze Reihe von Christen, die dem Staat dieses Recht ebenfalls nicht zubilligen wollten. Auch beim Kopftuchstreit geht es nicht um einen Streit zwischen den Konfessionen, sondern um einen Streit muslimischer Frauen mit dem Staat. Der Staat befindet sich also gar nicht in der Rolle des vermeintlichen Schiedsrichters, er ist selbst Teil des religionspolitischen Konfliktes.